Die Klausnerin vom Karrenberge

Eine Erzählung aus den Zeiten der Kreuzzüge für die gesamte edlere Lesewelt, besonders für die reifere Jugend von Dr. Wilhelm Bauberger

Vormals erschienen 1920 in der 18. Auflage in der Verlagsanstalt vorm. G. J. Manz, Buch- und Kunstdruckerei A.G., München-Regensburg


Inhalt


Erste Abteilung

Erstes Kapitel. Nettershausen
Zweites Kapitel. Die Kreuzfahrer
Drittes Kapitel. Schwabeck
Viertes Kapitel. Der Schwarzkünstler
Fünftes Kapitel. Der Entschluß zur Kreuzfahrt
Sechstes Kapitel. Eine rätselhafte Nebengeschichte
Siebentes Kapitel. Das Gewitter auf Schwabeck
Achtes Kapitel. Friede in der Zelle

Zweite Abteilung

Neuntes Kapitel. Die Familie auf dem Karrenberge
Zehntes Kapitel. Reue und Umkehr
Elftes Kapitel. Der Kampf in der syrischen Wüste
Zwölftes Kapitel. Die Zigeunerbande
Dreizehntes Kapitel. Der blanke Ritter
Vierzehntes Kapitel. Der deutsche Arzt
Fünfzehntes Kapitel. Die Befreiung
Sechzehntes Kapitel. Die Beduinen
Siebzehntes Kapitel. Der Pilger und die Waldschwester
Achtzehntes Kapitel. Der Harfner und sein Mägdlein
Neunzehntes Kapitel. Die Ritter auf dem Karrenberge
Zwanzigstes Kapitel. Der Krankenbesuch
Einundzwanzigstes Kapitel. Das Wonnefest auf Schwabeck
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Schluß

Vorwort zur Neuauflage von 1991.


Erste Abteilung

Erstes Kapitel

Nettershausen

Am Fuße eines waldigen Berges, einige hundert Schritte von dem buschigen Mindelufer entfernt - dort in der romantischen Gegend von Schwaben, zwischen Augsburg und Ulm - befand sich in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts ein Eisenhammer mit einem mäßig einträglichen Pachtgute. Er gehörte dem edlen Grafen Wernher von Schwabeck und Balzhausen. Und der ehrliche Pächter Hans Netter, der daselbst mit seinem arbeitsamen Weibe Elsbeth in Zucht und Arbeitsamkeit hauste und alljährlich den Pachtschilling von zehn Goldgulden, eine große Summe in damaliger Zeit, an seinen Pachtherrn pünktlich ausbezahlte, hatte von dem gestrengen Herrn Grafen die Erlaubnis erhalten, diesen ländlichen Aufenthalt Nettershausen heißen zu dürfen, wo denn mit der Zeit ein Weiler entstanden, der bis auf diesen Tag den Namen der alten Vergangenheit beibehalten.

Es war ein kühler, aber doch schöner Herbstabend, als Hans Netter mit seinem getreuen Weibe unter der Haustür stand und auf die Schläge des Hammers horchte, dessen Räderwerk von dem Gefälle eines Waldbaches getrieben ward, der durch die Schluchten des sogenannten Karrenberges sich Bahn machte und von dem Hammer hinweg, nachdem er zugleich die nachbarlichen Wiesen bewässert, unter dem Schatten dunkler Erlen den Schoß der Mindel suchte. Das treuherzige Gesicht des Mannes war nicht frei von einigen Zügen des Unmutes. Und Elsbeth kannte die Launen ihres Ehemannes zu deutlich, als daß sie nicht sogleich gewahr wurde, er verberge etwas Unangenehmes in seinem Herzen. Daher schlang sie ihren Arm um seinen breiten Rücken, sah ihm über die Schulter in das große schwarze Auge und fragte ihn: "Was fehlt dem ehrlichen Hans Netter, das sein Weib nicht wissen dürfte?"

Aber der Pächter entgegnete nach einer Weile: "Hörst du die gewaltigen Schläge des Hammers? Wie dumpf und schauerlich sie widertönen vom Karrenberge! Elsbeth, sie erinnern mich so oft und deutlich an die Schläge des Schicksals. Ist der feste Wille und deutsche Mut des Mannes noch so hart - am Ende weicht er und läßt sich biegen unter dem Drucke der seltsamen Ereignisse, wie das Eisen unter dem Hammer. So möcht' es unserem Herrn und Grafen ergehen, wenn er nicht vor der Zeit auf sicherer Hut sein wird."

"Wie meinst du dies?" fragte Netters Eheweib mit neugieriger Eile: "Ihr Männer habt doch stets im Brauch, den Druck eures Herzens, in eine geheimnisvolle Sprache zu verhüllen, mit der ihr doch wünschet, seiner frei zu werden. So rede offen zu deinem Weibe! Was soll dem Grafen Wernher von Schwabeck und Balzhausen Unangenehmes oder Hartes begegnen können? Ist er nicht reich und angesehen? Hat er nicht Knappen und Reisige der Menge? Wer wollte vor den Toren seiner Burg sich feindlich zeigen und müßte nicht, fast zu Tode gehetzt, von dannen fliehen, um wie ein junger Eber im waldigen Hirschforst gegen das Gebirge hin seine Rettung zu suchen? Hat er nicht eine schöne, brave Rittersfrau zur Gattin und von ihr einen wunderlieblichen Knaben? Ist das nicht ein Lärm und ein Gejauchze, wenn die adligen Jungen von Kirchberg, Weißenhorn und Ulm einmal des Jahres gen Schwabeck kommen, die edle Markgräfin von Österreich, unseres gnädigen Herrn Grafen erlauchte Gemahlin, zu sehen. Da werden Feste gegeben zum Lobe der Schönheit unserer blühenden Rittersfrauen und die zahlreich bestellten Minnesänger werden versilbert und vergoldet, wenn sie nur das Schönste ihres Gesanges bieten. Jetzt eben hat sich ein vornehmer junger Gast auf Schwabeck eingestellt. Der lustige Meister Veit Knall von Costnitz, der den ehrwürdigen Chorherren von Ursberg die geräucherten Fischlein vom Bodensee liefert, hat neulich hier zugekehrt und mir von dem holdseligen Gaste auf Schwabeck so viel Rühmliches erzählt, wie er die Armen der Gegend speist, die Diener des Grafen reichlich beschenkt und dergleichen mehreres, daß ich mich erkühnte, um seinen Namen zu fragen."

"Da haben wir's nun wieder!" entgegnete der Pächter seinem Weibe fast verdrießlich: "Die Neugierde ist bei diesem schwachen Geschlechte so groß und das Herz für jeden Eindruck so weich und empfänglich, daß es eines falschen Scheines wegen den Kopf verliert, anstatt eines richtigen Urteils habhaft zu werden, oder aus dem Getriebe wohlberechneter Spitzfindigkeiten das Wahre herauszufinden. - Allein ich befürchte für unseren Herrn und Grafen viel Schlimmes. Dieser junge, leichtsinnige Siegmund Gäßler, jener Gast, den du meinst, wird die großmütige Gastfreundschaft auf Schwabeck schändlich mißbrauchen. Ist er nicht Oswald Gäßlers Sohn, des Stadthauptmannes von Ulm, der seines lockeren Lebens wegen allbekannt ist im Lande und wahrlich nicht auf die rühmlichste Weise? Der Apfel aber fällt nicht weit vom Stamme. Ich habe dir schon einmal erzählt, was die Leute in der Gegend von Ulm über diesen Siegmund Gäßler Häßliches sagen, wie schändlich er mit seiner liebwerten Gattin verfahren, daß er sie verflucht, mit Ruten gepeitscht und monatelang im tiefsten Verließ bei Wasser und Brot eingeschlossen. Nun aber soll er sie sogar verstoßen und unter Regen und Schauer von Haus und Hof gejagt haben. Die Herren von Ulm heben bedenklich die Achseln und sagen - nichts! - Nun, man weiß ja wohl, warum. Wäre Herr Siegmund der Sohn ihres Schafhirten zu Weidenstetten - er müßte schon lang am Ufer der Iller zappeln, da, wo das Hochgericht seine furchtbaren Blutarme in die Höhe streckt. - Seit einem halben Jahre, so lang ist es, daß das unglückliche Weib des Ulmers, man weiß nicht wo, an den Häusern mildtätiger Menschen ihr Brot bettelt - seit einem halben Jahre treibt sich der Wüstling herum und sucht in Lüsternheit und Wohlleben den nagenden Wurm seines Gewissens zu töten. Wie ein häßlicher Raubvogel nach dem Blute eines unbeschützten Lämmleins streckt er seine Krallen aus nach der Unschuld schöner Mädchen und Frauen. Und weil er mit dem Scheine des Almosengebers und adliger Großmut die weiblichen Seelen auf Schwabeck, wie die deine, zu umstricken weiß, gelangt der Schlaue zur Ausführung einer schändlichen Tat, ehe man es vermuten sollte. Dies ist der Kummer, den mein männliches Herz zusammendrückt, daß mir das Blut in den Adern stocken möchte. Ich habe, weiß Gott im Himmel, meinen gnädigen Grafen viel zu lieb, als daß es mich nicht schmerzen sollte, wenn ich sein stillhäuslich Glück einem jämmerlichen Ende entgegeneilen sehe. Doch still davon, Elsbeth - nichts weiter. Beten ist besser als jammern. Der Himmel beschütze die edle Markgräfin von Österreich, unsere gnädigste Frau; und Gott der Herr gnade den braven Wernher von Schwabeck und Balzhausen."

Mittlerweile hatte sich die Herbstsonne hinter den westlichen Buchenwäldern jenseits des Tales niedergetaucht und die Propstei Ursberg, die der Graf erst vor einigen Jahren hatte erbauen lassen, stand mit ihrem hochragenden Turme, beleuchtet von dem graupurpurnen Dämmerungsscheine, mitten unter dem wogenden Erdnebel, der geisterartig aus dem Silberbette der Mindel hervordampfte, einem frommen Wegweiser ähnlich, der sein ehrwürdig Haupt der Sünder zeigt und mit beiden Armen winkt, daß der Unglückliche endlich durch das Irrsal des Unheils und der Schande hindurch sich winde auf den Weg des Friedens und der Seelenruhe.

Meister Hans Netter wollte soeben seinen Fuß zum Hammer lenken, um die Tagesarbeit seiner vielen Gesellen zu besichtigen; und sein Eheweib war schon zum Kamine geeilt, die Abendkost für Meister und Gesellen zu fertigen - da tönte der Jagdlärm schmetternder Waldhörner vom Karrenberge. Der Pächter wandte neugierig den Blick nach der waldigen Höhe und sah die Schlucht hernieder eine Menge von Reisigen steigen, an der Spitze einen jungen Mann mit grünen Federn auf dem goldverbrämten Hute, im gelben gemsledernen Jagdkleid, einen großäugigen Falken auf der Schulter. Der Troß richtete sich schnurgerade auf des Pächters Haus.

Dieser aber hatte den heranziehenden Ritter mit seinen Jagdknechten kaum erkannt, als er fürbaß zu seinem Weibe in die Stube eilte und, mit finsterm Blick die Hände ringend, ihr zurief: "Wir werden bestraft ob unserer unbehutsamen Rede! Sagt nicht ein altes Sprichwort: Rufe den Kobold nicht, er wird dich plagen! - Nun,haben wir's ja schon! Gott gnade unsern Herd! Der Gast von Schwabeck, der saubere Ritter Siegmund Gäßler von Ulm, will Einkehr nehmen in Netters Hause. Hörst du den wilden Lärm? Die Knechte von Schwabeck wissen gar wohl, daß ihr gnädiger Herr nicht dabei ist. Der duldet keine Unfug und ist doch kein Kopfhänger. Heiliges Gnadenbild von Einsiedeln, da ziehen sie schon in den Hofraum ein!"

Und kaum hatte er's gesagt, erscholl das Jagdlied der Reisigen, die einen erlegten Eber an der Haustür nieder gelassen hatten und nun einen Kreis um die blutige Beute schlossen:

"Im Frieden hetzt man das wilde Schwein!
Hurra, hussa, horrido!
Im Kriege muß es der Türke sein!
Hurra, hussa, horrido! -
Es lebe Graf Wernher, der gnädige Herr,
und Ritter Siegmund, dess' scharfer Speer
im schwarzen Forste die Sau erlegt!
Hurra, hurra!"

Unter dem wilden Getöse der Reisigen war Ritter Siegmund in die Stube des Pächters getreten. Hans Netter stand vor ihm, mit der Mütze unter dem Arme und redete ihn an mit verdecktem Spotte: "Gott zum Gruß, Herr Ritter von Ulm! Wahrlich, Ihr bringt meinem niederen Hause eine große Ehre, da es Euch gefällt, bei mir Einkehr zu nehmen. Nur schade, daß ich Euch keine vornehme Tafel bereiten kann, wie Ihr sie zu empfangen gewohnt seid auf Schwabeck in dem Ahnensaale unseres gastfreundlichen Herrn Grafen. Allein meine Elsbeth wird nicht säumen, in aller Eile ein Vesperbrot in Ordnung zu richten, wenn Ihr damit vorlieb nehmen wollt."

Der Ritter sah bei diesen Worten des Pächters nach dem Kamine, wo die schüchterne Hausfrau mit verstohlenen Blicken auf den schlanken Ulmerherrn hinschielte. Und er verneigte sich gegen das anmutige Weibchen, indem er sagte: "Ein paar Ziegenkäse mit einem Glas gewürzten Apfelmostes hat Frau Elsbeth wohl für Siegmund Gäßler, und für die Reisigen von Schwabeck einen Laib frisch gebackenen Gerstenbrotes - so mag es genug sein. Wir selbst aber wollen mit Euer Erlaubnis ein Rippenstück von dem erlegten Wildschwein am Kamine braten; und Hans Netter mit seinem Weibe soll unser Gast sein".

Elsbeth verneigte sich gegen den Ritter. Der Pächter aber wandte sein Angesicht gegen das Fenster, um seinen Unmut zu verbergen über den ungeladenen Besuch, der die gewöhnliche Abendstille in seinem Haus unfreundlich zu stören begann, als die Reisigen singend und scherzend in die Stube sprangen, da und dort sich niederließen und endlich ein Schwarm dem Kamine zuschäkerte, um die überraschte Frau Elsbeth zu belehren, wie auf weidmännische Weise das tüchtige Schweinsstück gesalzen, gewürzt und gebraten werden müsse. Mittlerweile waren auch die Hammergesellen aus der Esse herbeigekommen und setzten sich handfest und stummgaffend um die runde Eichenplatte im rechten Winkel der Stube zu der kräftigen Hirsensuppe. Meister Hans Netter machte sich zu ihnen, gab jedem einen kupfernen Dreier zum Taglohn und flüsterte ihnen bedeutsam in die Ohren, sich ruhig hinter dem Tische zu verhalten und jeden Winkes von ihm flink gewärtig zu sein. Am Kamine aber sangen und pfiffen die Reisigen von Schwabeck. Und mancher alte Knappe erzählt den jüngeren einen Schwank oder Strauß aus seiner Jugendzeit, daß ein wildes Gelächter entstand, als ob hundert Waldgeister aus dem Karrenberge unter Saus und Braus die Hütte zugrunde bohren wollten.

Da klopfte man auf einmal von außen heftig an die verwitterte Fensterscheibe der Stube. Ein altes, runzliges Weibergesicht blinzte herein, und ein verzogener Faltenmund rief die barschen Worte: "Hört ihr nicht! Ihr frechen Gesellen! Vom Kloster Ursberg herüber tönt durch die klare Herbstluft zur Andacht einladend die silberne Vesperglocke. Wer nicht beten will, wird kein Glück haben auf Erden. Hätt' ich doch nicht geahnt, daß Hans Netter, den ich als braven Mann kenne, solchen Unfug dulde in seinem Hause. Graf Wernher, der andächtige Herr und gute Christ, wird ihn züchtigen, wenn er's erfährt. Gott sei gelobt! Ave Maria!" Jetzt war's mit einem Male still, wie in einer Klosterkirche. Nur Pächter Hans brummte in seinen Bart: "Bin ich Meister über fremde Gesellen?" erhob sich vom Stuhl, kniete in die Mitte der Stube und schloß, als die Glocke von Ursberg verstummt war, das stille Gebet der Anwesenden mit den lauten Worten:

"Gib, Herr Gott, meinem Haus Fried' und Freud', und bewahre uns alle vor Unglück und Leid! Laß uns deiner Huld empfohlen sein, und führe uns gnädig ins Himmelreich ein!"

Die sonderbare Stimme von außen, die gespensterartig in die rauschende Unterhaltung sich vorhin gemischt hatte, war so erschütternd in das tolle Gewirr des Jagdtrosses eingedrungen, daß sich eine lange Pause hindurch kein Gespräch unter den Reisigen mehr anbinden wollte. Doch Ritter Siegmund zeigte sich verdrießlich über die unwillkommene Überraschung von einem alten Weibe, und fragte den Pächter nach Namen und Stand desselben.

An dem Tische in dem rechten Winkel der Stube aber bekreuzigten sich die Hammergesellen in andächtiger Angst, und einer gab dem horchenden Ritter den Bescheid: "Es ist die Hexentrude vom Karrenberge." Da fuhren Reisige und Gesellen zusammen, wie wenn sie von einem Donnerschlage berührt worden wären. Und der alte Knappe am Kamin, der das Schweinsstück zurichtete, ließ vor Entsetzen den Bratenspieß, ins Stocken geraten, daß die dem Feuer zugekehrte Seite des Rippenfleisches zu verkohlen begann. Hans Netter aber bekreuzigte sich ebenfalls, erhob den Finger gegen den vorlauten Hammergesellen und wandte sich zu Ritter Siegmund, indem er sprach: "Bei dem wundertätigen Bild von Einsiedeln, das Weib ist keine Hexe, wie mein alberner Hammersteffl es geheißen, der durch solch unverschämtes Urteil gar leicht großes Unglück über mein Haus bringen könnte. Gott gnade uns! - Doch, Herr Ritter, wenn Ihr wissen wollt, was es für eine Bewandtnis habe mit dem sonderbaren Weibe, so mögt Ihr hören!"

Der Pächter holte bei diesen Worten einen langen Trunk aus dem großen Humpen, der zur allgemeinen Befriedigung in der Runde herumging, und fuhr fort: "Vor einem.halben Jahre, da ich eines Morgens die Hammerknechte tief in die Waldschlucht hineinschickte, um auf ihren Karren den Holzbedarf aus dem schaurigen Tannengrunde herauszuholen, trafen sie zum erstenmal dieses Weib in einer hohlen Eiche schlafend. Sie glaubten, ein Gespenst zu sehen und schrien laut auf, daß die Schlafende erwachte Diese aber lächelte gar wunderlich aus ihrem schwärzlichen Gesichte, nahm den wacholdernen Krückenstock zur Hand, erhob sich an ihm zu einer übermenschlichen Höhe - so erzählten mir's die Knechte in ihrer tollen Angst - und zeichnete einen Kreis von hundert schwäbischen Ellen um sie, indem sie schrecklich lachend plauderte:

Nun seid ihr gebannt, ihr schwarzen Hammerschmiede und werdet nicht eher los, bis ihr mir unter diese hohlen Eiche eine Hütte von Tannenholz und Bergmoos werdet erbaut haben. Wer es aber wagt zu entspringen, der ist des Todes. Es wird ihn eine giftige Natter beißen, sobald er den Zauberkreis überschreitet; und wenn er auch den Hammer erreicht, wird er zu Hause verkohlen in der glühenden Esse. Was war zu tun? Die Knechte arbeiteten den ganzen Tag, während das Weib umherging, bald ein Gebetlein murmelte, bald weinte, dann wieder lachte. Und als die Sonne niederging, stand die Hütte fest und fertig. Da war die Fremde sehr zufrieden, nahm ihre Krücke wieder zur Hand, schlug an die hohle Eiche, und es glänzten vier Silbermünzen in der morschen Rinde, einem jeden Knechte eine Silbermünze. Hier nehmt für eure Mühe, sprach sie seltsam lächelnd; der Arbeit gebührt der Lohn. Und wenn ihr fleißig dazu betet, bringen euch die kleinen Münzen großes Gluck. Nun mögt ihr immerhin nach Hause gehen, und so der Meister euch schelten will, sagt nur, ihr habt der armen, unglücklichen Gertrud Gutes getan. Die Knechte kamen atemlos nach Hause, berichteten mir alles, wohl übertrieben; und es verbreitete sich unter dem Volke der derbe Name: Die Hexentrude vom Karrenberge "

In dem Augenblick öffnete sich die Tür. Die Reisigen fuhren erschrocken in die Höhe, weil sie meinten, es komme die Hexentrude vom Karrenberge. Allein bald verwandelte sich der Schrecken in ein Geflüster mit schlecht verhaltenem Gelächter. Denn es trat die junge Hausdirne zur Tür herein, ein echt schwäbisches Rundköpfchen aus dem Illertale. Sie ging auf den Pächter zu und redete ihm ins Ohr so deutlich, daß die Nachbarn es wohl verstehen konnten: "Meister Hans, d' Hexentrude vom Karrenberg stauht draußa; sie laßt Ena saga, Ihr sollet a bißla naus komma; sie het ebbes mit Ena z'reda."

Hans Netter fürchtete sich wohl nicht vor dem geheimnisvollen unbekannten Weibe, denn er hatte ein gutes Gewissen. Allein es war ihm doch immer lieber, wenn sein Haus in der herbstlichen Dämmerstunde von derlei wunderlichen Besuchen frei blieb. Daher entschloß er sich, eher hinauszugehen als abzuwarten, bis Gertrud sich selbst anmelden würde. Sein Gesicht hatte sich wohl etwas entfärbt als er im Begriffe war, die Stube zu verlassen. Und Elsbeth ging auf ihn zu mit der jammernden Bitte, sich ja nicht in Gefahr zu begeben. Allein da zog ihn auch schon Gertrud's magere Hand, die bei der halbgeöffneten Tür sich hereinbog, in den Hausflur hinaus. Und keiner aus der ansehnlichen Stubengesellschaft, die vor kurzem so unbändig lustig war, wagte es, ihm zu folgen. Bald hierauf kam Pächter Hans zurück mit einem großen Schlüssel in der Hand, dem der Bart fehlte. Und indem er diesen dem vornehmsten Hammergesellen darreichte., dagt er: "Mein lieber Heinz, es hat wohl die Feierstunde schon lang geschlagen; und ein braver Meister wird seine Gesellen keine Minute länger arbeiten lassen. Allein heute mag's eine Ausnahme sein. Dieser Schlüssel soll ausgebessert werden; hier hast du den losgerissenen, abgenützten Bart, Arbeite eilends einen neuen zurecht, nach der Form des veralteten. Er gehört Gertrud vom Karrenberge. Sie will auf ihn warten. In einer halben Stunde soll er fertig sein. Du weißt, wir dürfen's mit dem alten Weibe ja nicht verderben. Denn, bei dem Gnadenbilde von Maria Einsiedeln, sie hat uns schon viel Gutes getan. Denk' an die Silbermünze, die dir aus der morschen Eichenrinde entgegenblitzte. Gott gnade uns alle!" Der Geselle Heinz gab keine Silbe zur Antwort, erhob sich vom Stuhl und ging. Wenige Minuten darauf schlug schon der Hammer dumpf durch die Herbstnacht und die Eulen in den Tannen des Karrenberges schienen durch ihr gespensterhaftes Geschrei ihn übertönen zu wollen. Da unterbrach der Pächter die unheimliche Stille in der Stube und fuhr in der vorigen Erzählung weiter:

"Wie ich Euch schon gesagt, Herr Ritter, es liegt ein seltsam Wesen in dieser Gertrud vom Karrenberge. Kaum hatte sie sich in der Hütte unter der hohlen Eiche insoweit eingerichtet, daß sie auch während der rauhen Tage des Winters darin leben zu können glaubte, so ging sie allenthalben umher, Unglückliche und Kranke im Mindeltale aufzusuchen und ihnen hilfreich beizuspringen. Den Armen gibt sie wohl hie und da eine kostbare Silbermünze, deren Gepräge wir gar nicht kennen; für Kranke aber sammelt sie Heilkräuter der Menge auf Bergen, in den Wäldern und im Tale.

Sie bereitet vortreffliche Kraftgetränke. Gott weiß, wo sie diese Kunst erlernt hat. Allein es ist nun einmal gewiß so; denn man erzählt von ihr viele Wunderkuren. Ja, wenn ich mich nicht irre, dort der junge Knappe Kuno, der neben dem Bratspießdreher sitzt, wäre auch ein Kind des Todes ohne ihren heilbringenden Trank gewesen. Man sieht sie oft vom frühesten Morgen bis zum späten Abend am Ufer der Mindel hinauf und hinabwandeln; und am längsten verweilt sie unter den alten Eichen im Bühl, der schönen Burg unseres Grafen und Herrn gegenüber. Dort sammelt sie Morcheln und Schwämme und vielerlei Pflanzen, besichtigt dieselben, trocknet sie an der Sonne, und wankt hinauf an ihrem Krückenstabe in die nahe Feldkapelle, um unter Tränen die gesammelten Arzneien einzuweihen. - Nun haben die meisten Leute im Mindeltale einen anderen Sinn bekommen; und fast allenthalben heißt sie jetzt das Wunderweib von Eichbühl." Vom Kirchturm der nachbarlichen Propstei schlug soeben die neunte Stunde. Da sang Gertrud vor der Tür von Netters Hause mit anmutiger Stimme, daß jeder der Zuhörer im Innersten ergriffen ward:

"Wieder eine Stunde hat geschlagen! Steh' uns bei, oh lieber Herre Gott! Schütz' uns gnädiglich vor Leid und Plagen, und bescher' uns einen guten Tod!"

"Habt Ihr sie gehört, Herr Ritter?" fuhr Meister Hans mit gerührter Stimme fort und trocknete sich eine Träne vom Auge. "Ich weiß nicht, wie mir geschieht. So oft ich sie singen und beten höre, lauft mir das Wasser über die Backen herunter. Es durchschüttert mich dabei eine Ahnung, als ob das Weib in der Zeit ihrer schönen Jugend unendlich viel zu leiden gehabt. Und es sollt' nun wohl eine Hexe sein?

Bei der Zelle des heiligen Meinrad von Einsiedeln, mit solcher Andacht ließ ich mich dann gern einen Hexenmeister schelten. Ihr sollt sie nur sehen, Herr Ritter, mit welcher Sehnsucht sie zu beten versteht in der Kirche zu Balzhausen, die sie jeden Sonn- und Festtag besucht, wenn anders kein grausiges Wetter sie einschließt in ihrer einsamen Berghütte. Bei ihrem Anblicke wird jeder ergriffen und zur innigsten Andacht geleitet. Dann zerfließt sie in Tränen, daß die Quadern, auf denen sie kniet, feucht werden. Und endlich, nachdem sie ihr ganzes Herz vor dem lieben Herrgott ausgeleert, verläßt sie aufgeheitert und getröstet das Kirchlein. Darum wird sie auch von den stillen Seelen im Lande, ja selbst von den ehrwürdigen Chorherren in Ursberg, nicht selten in Ehrfurcht genannt: Die fromme Klausnerin von Balzhausen."

Bei diesen letzten Worten öffnete sich abermals die Stubentür und an der wacholdernen Krücke wankte - Gertrud herein. Hinter ihr drängte sich der Hammergeselle Heinz durch die Tür und raunte dem erschrockenen Meister in die Ohren: "Sie hat es sich nicht wehren lassen; sie will Euch selbst den Schlüssel bezahlen!" Da wurden Meister und Gesellen auf ein Geräusch aufmerksam, das in ihrer Nähe vorfiel. "Ach weh, weh!" schrie Elsbeth und eilte, vom eiskalten Schrecken dazu angetrieben, der alten Gertrud zu Hilfe, die ohnmächtig am Boden niedergesunken war. "Maria Einsiedeln! Was soll das?" jammerte der Pächter Hans, in der Angst, daß das letzte Stündlein des unglücklichen Weibes in seinem Hause schlagen möchte. Aber Gertrud erhob sich alsobald wieder und stützte sich zu völliger Sicherheit auf den festen Wacholder. Die vorige Blässe ihres Faltengesichtes wich aufs neue der gewöhnlichen gelbbraunen Farbe; und ein sonderbares Lächeln im Gemenge von Wehmut und Frauenstolz lagerte sich um die dunkelbläulichen Lippen. Sie strich die schwarzen Haare, die durch den Sturz auf den Boden in Unordnung gekommen waren, mit der zitternden Hand hinter den Rücken und langte ein weißes Tuch aus der Tasche, um sich den kalten Schweiß vorsichtig von der Stirn zu trocknen. Dann begann sie in abgebrochener Rede: "Hab' ich euch erschreckt, muntere Gesellschaft? Nun es ist vorüber! Und sollte einem der Schrecken schaden, so will ich gern helfen mit Heilkräutern, die ich mir vor einigen Stunden aus dem Eichbühl geholt. Solche Zufälle ereignen sich an meinem schwächlichen Körper nicht selten, besonders wenn ich einen adligen Herrn von Ulm zu sehen bekomme." In dem Augenblick richteten sich die Blicke aller Anwesenden auf Siegmund Gäßler, der von dem Sitze auffuhr, an das Schwert langte und Miene machte, im losbrechenden Zorn auf unritterliche Weise an einem wehrlosen Weibe sich zu vergreifen. Aber Hans Netter trat sogleich dazwischen und bat den Ritter ehrerbietig und dabei ernstlich, abzulassen von solchem Streite, der jedenfalls nur für ihn nachteilig ausfallen könnte. Siegmund Gäßler sah das Unschickliche seines Benehmens ein und weil es ihn reute, sich eine Blöße gegeben zu haben, verwandelte er sein Betragen in einen Schwank und fing zu scherzen an: "Wahrlich, Ihr habt recht Meister Hans," schrie er in tollem Gelächter: "Mit alten Weibern und Hexen muß man sich wohl vertragen. Sonst sind sie so frech, einer ehrlichen Haut den Galgen an den Hals zu zaubern."

Die Reisigen am Kamine, den Knappen Kuno ausgenommen, stimmten in des Ritters freches Gelächter und schienen aus seiner Roheit Mut zu schöpfen. Aber Gertrud erhob den Zeigefinger und sprach in ernster Miene:

"Herr Siegmund Gäßler, es ist nicht ehrenhaft, sich lustig zu machen über ein unglücklich Weib. Ihr würdet besser tun und es würde Euch mehr Segen bringen, wenn Ihr Mitleid und Teilnahme hegtet bei dem Kummer und Elende Eurer Mitmenschen. Auch wäre es ritterlicher, wenn Ihr, den Wurfspieß in der Hand, die Rechte Eurer Vaterstadt verteidigen helfet, statt die Gastfreundschaft auf Schwabeck so sehr in Anspruch zu nehmen, die Grenzwälder bis heran zum Karrenberge jagdlustig zu durchlärmen und am Ende bei Müsiggang und Langweile Unfügliches zu treiben. König Lothar von Deutschland, Herzog von Sachsen, hat vor den Stadtgräben von Ulm seine feindlichen Horden aufgestellt. Er will es in den Städtern übel nehmen, daß sie mit Friedrich von Hohenstaufen, dem Herzog von Schwaben, ein freundschaftlich Bündnis erst geschlossen; und er schwur ihnen Tod und Untergang. Eure Landsleute aber wehren sich tapfer und heldenmäßig. Nur Ihr allein wollt die Hände in den Schoß legen, da in kurzem vielleicht die schönen Gebäude der Donaustadt ein Raub der Feinde und Flammen werden? Schämt Euch, Ritter und fürchtet Euch vor dem Zorne der Ulmer, die Euch sicherlich landflüchtig machen, wenn sie erfahren, wie wenig Ihr Euch um die belagerte Stadt bekümmert. Ihr seid jung und kräftig. Sammelt schwäbische Landsknechte um Euch. Ihr könnt sie gut bezahlen. Und mit diesen tapferen Scharen werft Euch dem Feind in den Rücken. So erhalten die Herren in Ulm Zeit genug, sich zu verstärken - und die Stadt wird gerettet. Dann den Frieden in der Brust und das Siegeszeichen auf dem Helme, hochgeachtet von der edlen Ritterschaft und freundlich gegrüßt von den schönen schwäbischen Frauen kehrt Ihr in die Heimat zu Eurem treuen Weibe, die Euch von ganzen Herzen liebt. Aber wie? Was fehlt Euch, Ritter? Ihr werdet ja blaß wie eine Leiche?"

"Dein unverschämtes Geschwätz, alte Trude!" versetzte Siegmund Gäßler und strich sich mit der hohlen Hand über die Stirn, als wenn er eine bange, marternde Rückerinnerung in die Vergangenheit tilgen wollte. "Mitnichten!" erwiderte das Wunderweib vom Eichbühl und nahm sich die Freiheit, dem verlegenen Ritter einige Schritte näherzutreten. "Was würde Euch schon mein Geschwätz kümmern, wenn es nicht an die Saiten Eures Herzens klopfte, dessen schaurige Mißtöne Ihr selbst nicht ertragen könnt. Siegmund Gäßler, wenn ich vorher von der Heimkehr zu Eurem Weibe sprach, so geschah es nicht ohne Grund - Ihr sollt mich wohl verstehen. Die Hexentrude vom Karrenberge, wie die Hammerknechte dort an der Eichenplatte mich zu nennen belieben, weiß alles. Sie weiß auch, daß Ihr Euer Weib zu Hause nicht treffen könntet, wie es freilich der Brauch sein sollte in einer guten friedlichen Ehe. Ihr habt Euerer Edeltrude unrecht getan, Ritter von Ulm; sie ist unschuldig, so rein wie der Abendstern, der da hereinfunkelt in Netters Stube. Noch könnt Ihr alles wieder gutmachen, Siegmund! Nehmt Euer Weib wieder ins Haus, an Euer Herz und es wird die Unbilden vergessen, mit denen Ihr es von Euch gestoßen! Seht mich hier zu Euren Füßen, Gäßler! Ich selbst flehe für die Unglückliche. Sprecht ein Wort des Friedens - und ich will sie Euch zuführen zu einem neuen häuslichen Bunde. Denn so sie noch lebt, wird es mir nicht schwer werden, ihren verborgenen Aufenthalt zu entdecken. - Von diesem Augenblicke hängt Euer Glück und Euer Verderben ab. Ihr könnt wählen, Gäßler! Verlaßt augenblicklich Schwabeck, vereinigt Euch mit Eurem Weibe, zieht mit tüchtigen Landsknechten zur Verteidigung Eurer Mitbürger von Ulm und freut Euch als Sieger der süßen, häuslichen Ruhe! - Oder bleibt auf Schwabeck, mißbraucht noch länger die Gastfreundschaft des edlen Grafen Wernher; laßt Euer höllisches Feuer unzarter und sündhafter Neigung zu fremdem Eigentum, die Ihr ernstlich fliehen solltet, in Eurem betörten Herzen um sich greifen - und rennet endlich hinein ins ewige Verderben! Nun, Herr Ritter, wird es Euch klar, daß die alte Hexe vom Karrenberge sich wohl versteht auf die Geheimnisse Eures Haushaltes, wie Eurer Seele? Aber ich bitte und beschwöre Euch beim heiligen Kreuze unseres Heilandes, wählt das erstere, auf daß Ihr nicht endlich zugrunde gehet für jetzt und die Ewigkeit!"

Hier schwieg Gertrud und sah mit einem tränenvollen, wehmütigen Blick in des Ritters Auge, der fast vernichtet vor der Hexe stand und es nicht wagte, auch nur mit einer einzigen Silbe des Zornes die freie Rede zu züchtigen. Eine Totenstille in der Stube war das Siegel für die Wahrheit dessen, was Gertrud gesprochen. Die Hammergesellen hatten sich vorgedrängt, um mit aufgesperrten Mäulern zu betrachten, wie sich der Ritter von Ulm auf eine solche unerwartete Bußpredigt gebärden werde. Auch die Reisigen am Kamine waren sehr gespannt auf den Ausgang dieser sonderbaren Unterhaltung. Doch der Ritter sah aus, als wären ihm Hände und Füße gelähmt und die Sprache verfallen. Endlich stotterte er hervor:

"Was geht es dich an, altes Weib vom Karrenberge?" stemmte sich ellenlang unter die Fensterscheibe und pfiff ein schwäbisch Liedlein in die Nacht hinaus, um seiner Verlegenheit, wie seines inneren Kampfes Meister zu werden.

Nun aber stand Gertrud nicht mehr gebückt an der Wacholderkrücke. Ihr schlanker Leib hatte sich wie ein junger Erlenbaum schnurgerade in die Höhe gerichtet. Ihre Augen funkelten von feurigen Tränen. Ihre Lippen verzogen sich zu einem wehmütigen Lächeln, dem bangen Zeichen einer gänzlichen Hoffnungslosigkeit. Aber ihre Arme lagen kreuzweise über der Brust, eine heldenmütige Ergebung und Entsagung anzudeuten. Und sie sprach mit einer Stimme, die dem alten Weibe nicht gehörte: "Wohl an, so hab' ich hier nichts mehr zu schaffen. Ich habe das Äußerste gewagt - es ist mir mißlungen. Gott will es so! Mir bleibt nichts mehr, als das Gebet! Ave Maria!"

Und indem sie wieder nach ihrer Krücke langte, zog sie zugleich den gefertigten Schlüssel aus der Hand des hocherstaunten Pächters, schüttelte dagegen eine ansehnliche Silbermünze auf den Tisch, blickte noch einmal nach dem Ritter an der Fensterscheibe und mit dem letzten Worte "Siegmund!" war sie aus der Stube hinaus in die Nacht verschwunden; und man hörte ein lautes Schluchzen, wie von einer Sterbenden.

Dies hatte den Ritter gewaltig aufgeregt. "Bei allen Heiligen," schrie er, "eine wohlbekannte Stimme hat meinen Namen gerufen. Ich muß ihr nach!" Und indem er das Schwert zog, eilte er wie ein Wahnsinniger der Tür zu. - Hans Netter wollte ihm nachjagen, um ihn aufzuhalten - da bannte ihn von selbst der Hexentrude Gesang, der schon aus der nahen Schlucht des Karrenberges ins Mindeltal hinaustönte. Es hatte die elfte Stunde im Kloster Ursberg geschlagen; und das Lied des geheimnisvollen Weibes antwortete der Silberglocke:

"Näher dem Tode, näher des Grube, ist die alte Hexentrude! Glocke von Ursberg, schlag' immerzu; Bringst mir vielleicht bald Fried' und Ruh'!"

Siegmund Gäßler wankte in die Stube zurück und indem er sich am Kamine niederkauerte, um sich an der Glut den Frost zu verjagen, der ihn unwillkürlich fieberhaft befallen, zwang er sich ein lautes Gelächter ab, indem er schrie: "Verflucht seien die Bilder meines aufgeregten Gemütes. So wahr ich Siegmund Gäßler heiße, es war ja doch nur die grämliche Hexe. Meint Ihr nicht auch so, schwarzbärtiger, frommer Knappe Kuno?" - "Ich bejahe es, Herr Ritter!" entgegnete dieser mit zitternder Stimme und schlug ein großes Kreuz auf die Brust. "Allein es hat mit diesem Weibe doch eine ganz eigene Bewandtnis. Wir wissen nichts Böses von der Alten. Im Gegenteile, man erzählt immer nur Gutes. Und dies letztere hab' ich selbst von ihr erfahren. Darum ist mir immer lieb, wenn über solche Dinge wenig verhandelt wird. Der gute Herrgott im Himmel kennt seine Leute. Laßt uns ein Vaterunser beten. Mitternacht ist nahe. Und das Weib vom Karrenberge könnte uns noch einmal besuchen. Gott gnade uns!" Der Vorschlag gefiel dem Pächter und der Frau Elsbeth sehr wohl. Er selbst samt seinen Hammerknechten und die Reisigen des Ritters nahmen die Mützen ab und beteten andächtig in aller Stille. Siegmund aber schürte trotzig mit dem rußigen Haken in der knisternden Glut des Kamins und brummte einen Fluch in seine schwarze Schnurre.

Zweites Kapitel

Die Kreuzfahrer

Da gellte der Ton eines Hifthornes von der Landstraße herüber, die von Augsburg nach Ulm führte. Und nach einigen Minuten war an dem näherschallenden Geschmetter deutlich zu erkennen, daß der Verursacher dieser Töne nicht mehr auf der Straße sich befinde, sondern den Flurweg zwischen den Ufererlen flußaufwärts betreten habe, auf welchem buschigen Pfade man schnurgerade zum Hammer des Meisters Netter gelangte. Der ehrliche Hans erschrak sehr heftig, weil er aufs neue eine Ankunft ungebetener Gäste befürchtete und tat der Hausfrau seinen Unmut in den heimlichen Worten kund: "Du hättest heute morgen den armen Ziegenhirten von Bärenbach, der dir dein verirrtes Lämmlein zurückstellte, nicht unbeschenkt von dir weisen sollen, Nun haben wir Unglück bis in die späte Mitternacht. Heilige Maria von Einsiedeln, was soll das für ein neuer Lärm sein in Netters Hause!"

Nun eilte er auf die Hausflur, um durch die halbgeöffnete Tür behutsam zu lauschen, was da kommen werde. Aber bald ward es ihm klar, da er von verschiedenartigen Stimmen das damals beliebte Liedlein hörte:

"Wir wandern nach Palästina fein;
der Türke muß getötet sein.
Und ziehen wir in Jerusalem ein,
da schlagen wir recht tapfer drein.
Und ist erobert das Heilige Grab,
dann nehmen wir den Pilgerstab
und reisen wieder zur Heimat ab -
da finden wir glücklich lieb Weib und Hab'."

Unterdessen hatte sich Fußvolk und Reiterei in dem Hofraume von Hans Netters Hause eingestellt, ein ungeordneter Zug von besoldeten Schwärmern, die das Land auf und nieder streiften, um die Mißmutigen oder Begeisterten im Schwabengebiete zu einem Kreuzzuge aufzufordern. Pechstangen loderten da und dort in die Höhe, enthüllten die sonderbar gestalteten Gruppen der Ankömmlinge und eröffneten die schaurige Aussicht auf die schwarzen Tannen des Karrenberges. Bald brannte lichterloh ein Feuer unter der großen Linde vor dem Hammer. Und Meister Hans samt seinen Gesellen, sowie Ritter Siegmund mit den Reisigen von Schwabeck, die alle eilends sich aus dem Hause gemacht hatten, um das Schauspiel mit anzusehen, ja sogar Frau Elsbeth mit der schwäbischen Hausdirne durch das Fenster hindurch, konnten in dieser Beleuchtung mit Muße den Schwarm der Kreuzfahrer besichtigen.

Der geistliche Anführer des Zuges, der durch seine strengen Kreuzpredigten die Tapfersten im Volke zur Befreiung des Gelobten Landes aneifern sollte, war ein alter Eremit in schwarzbrauner Kutte. Und den kostbaren Muscheln an seinem Brustmäntelchen nach zu schließen, mußte er selbst schon einmal in Palästina gewesen sein. Dieser trat zu dem größten Manne in der geharnischten Schar und redete ihn an: "Hier wollen wir übernachten, Hauptmann Peter von Jenkendorf! Schwabeck, an dessen Burgherrn meine Aufträge gehen, liegt wohl noch sechs Stunden von hier entfernt; und keiner von uns ist des krümmungsreichen Weges durch die uralten Buschwälder kundig. Hier am warmlodernden Feuer mögen sich unsere Männer gütlich tun mit Milch und Butter, womit die Frau vom Hause solch christliche Gäste und ehrenhafte Kreuzfahrer freundlich begaben wird. Auch das Pöckelfleisch mag euch wohl munden, das ihr dem groben Fleischhacker in Burgau abgenommen. Doch bevor ihr euch sammelt zu einem lustigen Gelage, wollen wir, wie es frommen Kreuzrittern geziemt, dem lieben Herrgott die Ehre geben und ihn bitten um seinen Segen für die kriegerische Pilgerfahrt."

Nachdem der Mönch dies gesagt, schnürte er ein kleines, nußbaumhölzernes Kreuzlein aus seinem Lendenstricke, küßte es dreimal mit scheinbarer Andacht, und ohne darauf zu achten, ob der Kriegerschwarm seinem Beispiele folge oder nicht, kniete er in die Mitte des Hofraumes und betete mit lauter Stimme: "Großer Gott, wie erbärmlich sieht es aus in Palästina, das doch ein auserwähltes Land ist! Die frechen Türken haben dein schönes Jerusalem zerstört und deinen heiligen Tempel entweiht. Willst du das länger dulden? Nein! Schütte deinen gerechten Grimm über dies gottlose Geschlecht! Laß es zunichte werden! Erleuchte dein rechtgläubiges Volk und segne seine Waffen, daß es siegreich die Fahne deines heiligen Kreuzes aufpflanze auf den Mauern von Zion!" Hier hielt der begeisterte Mönch inne und sah sich um, mit dem Köpfe nickend, zum Zeichen, daß nun das Gebet zu Ende und ein jeder sich gütig tun möge. Allein da und dort hatten sich schon Kriegsmänner auf Strohbündel niedergelassen und aßen und tranken und schäkerten. Viele beschäftigten sich noch mit ihren ausgehungerten Rossen und Maultieren; andere, die der Tagesmarsch ermüdet hatte, schliefen bereits unter ihren Schildern, unter deren Wölbung der feuchte Herbstnebel des Mindeltales nicht eindringen sollte. Die meisten aber hatten sich um einen fröhlichen Minnesänger gelagert, der sich für einen geringen Tageslohn vom Anfange schon zum Zug beigestellt, um bald durch süße Miene, bald durch kräftige Kriegslieder das Herz und den Mut der christgläubigen Wanderer aufrecht zu erhalten.

Während dies Völklein im nachtlichen Gewirre sich erlustigte, da Meister Hans vollauf zu tun hatte, sein Weib und die Magd zur schnellen Bewirtung der ungeladenen Gäste aufzumuntern, damit allenfalls kein harter Strauß mit ihren Wurfspießen, Piken und Hacken zu bestehen sei; und nachdem sich auch die Hammerknechte unter dem Kriegsschwarm verloren hatten, kauerte sich der graubärtige Mönch dem staunenden Ritter Siegmund näher und gab ihm ein Zeichen, er möge ihm folgen hinter das seitwärts gelegene Weißdorngehege. Und als der Ritter vor der schwarzbraunen Kutte stand, fiel diese von den Schultern des Mönches und Siegmund erkannte höchlich überrascht seinen Verbündeten, den Veit Knall, gemeinhin der "Fischveit von Costnitz" genannt. Ersterer wollte in fast zu lauter Rede seine Verwunderung zu erkennen geben. Aber der verschmitzte Knall wies auf den Schwarm am Feuer, dem man sich nicht verraten dürfe und fiel ihm ins Wort: "Hab' ich meine Sache nicht gut gemacht, Herr Ritter? Ihr werdet mit mir zufrieden sein! Euer Wunsch, des Grafen Wernher von Schwabeck los zu werden, soll in Erfüllung gehen; dafür haft' ich mit meinem Kopfe! Allein ich erwarte auch mit Recht einen großen Lohn von Euch, wie Ihr mir auf Euer Ritterwort schon zehnmal habt versprochen. Nun hört kurz meinen abenteuerlichen Plan und wie ich ihn bisher durchgeführt." Er kauerte sich näher an den Ritter und fuhr fort:

"Nach der Unterredung, die ich mit Euch gepflogen, worin Ihr mir Eure Neigung zu der schönen Frau auf Schwabeck offenherzig gestanden und ich Euch geschworen, zu deren kostbarem Besitze Euch verhilflich sein zu wollen, kehrt' ich nach Costnitz zurück, Tag und Nacht an einem Plane brütend. Da traf ich eines Morgens in der Fischerherberge am Bodensee meinen vertrauten Spießgesellen Peter von Jenkendorf. Der ist seines Leichtsinnes wegen ein armer Teufel geworden und war auf dem Sprunge, der Stadt Ulm als Landsknecht seine Dienste anzubieten. Denn die Ulmer meinte er, könnten einen tapferen Degen wohl brauchen in dieser mißlichen Zeit, da sie so schimpflich belagert werden. Ich aber hielt ihn davon ab und lenkte sein Augenmerk auf eine bessere Aussicht. Du mußt das rote Kreuz nehmen, Freund Peter; so sprach ich zu ihm. In Palästina gibt's viel Ehre und Geld; und obendrein kannst du im heiligen Kampfe deine Jugendsünden abbüßen und dir eine Stufe in den Himmel bahnen. Das ging dem dummen Peter gar rührend ans Herz. Er weinte so herzlich, wie er's tat, wenn im Würfelspiel sein blankes Silber Stück für Stück aus der Tasche verschwand! Wir machten uns sogleich auf den Weg nach Augsburg. Dort ist mir der Schwarzkünstler Matthä Dampf gar wohl bekannt. Der gab uns den wohlweisen Rat, ich sollte mich in einen Mönch verkleiden. In dieser Maske fänden wir Tausende der Anhänger. Gesagt, getan. Er klebte mir einen falschen Bart ins Gesicht und beschmierte mir Mund, Wangen und Stirn mit unkenntlich Zügen. So fing ich an, das Kreuz zu predigen. Und Peter Jenkendorf an meiner Seite schwang, zum Auszug begeisternd, den blanken Wurfspieß in die Höhe, daß es eine Freude war. Zum Kreuz! Zum roten Kreuz, hieß es an allen Orten. Und nun sind kaum vier Wochen vorrüber - da seht den gewaltigen Kriegshaufen mit dem roten Kreuze." "Alles recht!" versetzte Ritter Siegmund; "allein wie soll dein abenteuerlicher Zug mit unserm Plane zusammenhängen? Und wann steht endlich das Ziel vor mir, das stündlich zu erreichen ich so sehnlich wünsche?"

"Laßt mich nur machen!" fiel Knall dem Fragenden in die Rede und hüllte sich wieder in seine falsche Kutte. "Matthä Dampf hat mir verschiedene Urkunden zugestellt, falsche Briefe von dem Papste, Aufforderungen an Ritter und Grafen im Schwabenlande und freundliche Einladungen vom Bischof von Augsburg zur Annahme des roten Kreuzes. Morgen schon treffen wir auf Schwabeck ein. Da sollt Ihr die Beredsamkeit des Fischveits von Costnitz kennen lernen. Denn ehe zweimal zweiundzwanzig Stunden dahin sind, ist Graf Wernher für den Kreuzzug gewonnen. Bis dahin gehabt Euch wohl! Unsere Unterredung hat schon zu lange gedauert. Wir dürfen auf unserer Hut sein. Peter von Jenkendorf darf den Plan wegen der Beredung des Grafen nicht erfahren; er ist ein Schwätzer. Noch weniger aber soll das betrogene Kriegsvolk den Spuk des falschen Mönches wittern. Sonst hat der wichtige Kreuzzug sein höchstes Alter schon erreicht. Lebt wohl und gedenkt in Ehren des versprochenen Lohnes!"

Der Mönch ging und drängte sich.in die lustige Gesellschaft am Feuer. Siegmund Gäßler aber gab den Reisigen von Schwabeck das Zeichen zum Aufbruch. Denn sein unruhiges Gewissen wollte ihn nicht mehr länger in Hans Netters Hause dulden, wo er aus dem Munde des alten Weibes vom Karrenberge so derbe Wahrheit vernommen. Auch hatte Fischveit's Rede sein Herz noch mehr verworren und heiß gemacht und er wollte es abkühlen in der feuchten Herbstluft der Tannenwälder, die er zu durchstreifen gedachte, bis er am Morgen die gastwirtliche Burg von Schwabeck erreichen könnte. Hans Netter war froh, des Ritters und seiner Reisigen los zu sein. "Die Kreuzfahrer" sagte er zu seinem Weibe, "mögen wir gern dulden." - Und indem er sich. von dem scheinbar ehrwürdigen Mönch am Feuer den Segen erholte, legte er sich ruhig und zufrieden zu Bett mit der Gebetsformel: "Beim wundertätigen Bilde von Maria Einsiedeln, Gott gnade uns und unser Haus:"

Drittes Kapitel

Schwabeck

Die freundliche Morgensonne eines heiteren Herbsttages erhob sich, eine stärkende Kühle in ihren Strahlen, über die östlichen Tannenwälder eines niedlichen Tales, das von dem Strome der Wertach durchschnitten wird und beschien mit mildem Gruße die hohen Türme von Schwabeck.

Diese Burg war eine der angesehensten jener Gegend in der damaligen Zeit, teils schon des gewichtigen Vorteiles und der gefälligen Anmut wegen, die ihre natürliche Lage gewährte. Denn von einer nicht unbedeutenden Anhöhe, die rings mit duftenden Gebüschen umwachsen war, schaute sie stromaufwärts zwischen Hügeln, Wäldern, Klöstern und Schlössern hindurch bis in die dämmernde Gruppenreihe der Alpen, sowie sie nicht minder freie Aussicht gewann in die Tiefe des Tales, das von der Silberschlange der Wertach durchkreiselt wird.

Um das feste Gebäude, wie um den Hofraum desselben, lief ein zwölf Ellen tiefer Graben mit einem Erdwalle zum Schütze vor feindlichem Angriffe. Ein hoher Wartturm, zu dessen Fuße das feste Burgtor mit der eisenbeschlagenen Fallbrücke sich befand, und von wo herab jeder Fehderitter samt seinen Reisigen mit Wurfspießen und brennenden Pechkränzen zurückgedrängt wurde, vollendete den Ruhm der hohen Feste als einer unüberwindlichen.

Auch für die Erhöhung des häuslichen Vergnügens zur Zeit des schönen Friedens war hinlänglich gesorgt. Ein anmutiger Garten mit Fruchtbäumen und Gewürzpflanzen aller Art zog sich um das alte Gebäude und wo das Auge des Bewunderers hinzielte, begegnete es duftenden Rosensträuchern und üppigen Tulpenbeeten, die der Schloßherr, ein Freund der Naturschönheiten, aus Italiens sonnigen Fluren hierher verpflanzt hatte und aus den künstlichen Springquellen des großen Burgbrunnens reichlich bewässern ließ.

Seinen größten Ruhm aber erhielt das Schloß durch seine Bewohner selbst. Graf Wernher von Schwabeck und Balzhausen war allgemein bekannt als eine der ausgezeichnetsten Zierden der Ritterschaft. Ein Mann von hohem und festem Körperbau, der in seiner blaustählernen Rüstung mit zwölf Saracenen es aufzunehmen verstände, war Graf Wernher ein Meister in jeder Waffenübung. Und wo immer ein großes Turnier gehalten wurde, zu Augsburg oder Köln oder in Straßburg, trug er den ersten Preis davon. Allein was den Grafen von Schwabeck noch mehr auszeichnete, als jeder körperliche Vorzug, war seine edle, rechtschaffene Seele, sein menschenfreundliches, uneigennütziges Benehmen gegen hoch und niedrig, seine hochherzige Milde gegen Leibeigene und Knappen und vor allem die ungeheuchelte Anhänglichkeit an den Glauben seiner Ahnen, die immerhin sich als christliche Ritter ausgezeichnet hatten. Um dem heiligen Eifer der Verbreitung der Religion eilig nachzukommen und seinen Untertanen getreue Heilsverkünder zu geben, hatte er die Propstei Ursberg gestiftet, deren ehrwürdige Chorherrn das ganze Mindeltal mit der Lehre des Evangeliums beglücken sollten. Auch für Frauen und Mädchen, deren Seelen einem stillbeschaulichen Leben nachhingen, hatte er gesorgt, indem er ein Jahr nach Errichtung der genannten Probstei zwischen der Mindel und Kammlach, in einem von Wäldern engverschlossenen Tälchen das Damenstift Odilstetten - jetzt Edelstetten genannt - erbauen ließ und, wie Ursberg, mit reichlichen Pfründen begabte.

Des Grafen liebenswerte Gemahlin Ludmilla, eine geborene Markgräfin von Österreich, blieb in Bezug körperlicher Schönheit, wie der vortrefflichsten Eigenschaften des Herzens und Geistes nicht zurück hinter ihrem gnädigen Eheherrn. Wer im Umgange die holdselige Frau kennenzulernen das Glück hatte, mußte für immer mit Ehrfurcht und Hochachtung ihr begegnen. Den Grafen liebte sie mit rührender Hingebung und war er, wie es bei ritterlichen Zwisten mit Grenznachbarn oder bei widerrechtlichen Einfällen von herumziehenden Räuberbanden nicht selten geschah, ein Spiel übler Laune, so wußte sie dieselbe mit beispielloser Geduld zu ertragen, und durch ihr sanftes und gefälliges Benehmen nicht selten sogar zu verscheuchen. Der Graf hingegen sah wohl ein, welch einen köstlichen Schatz er im Hause und im Herzen habe und. war stolz bei dem Lobe, das der Frau Gräfin Ludmilla von Schwabeck allenthalben gezollt wurde. Am meisten gewannen durch diese edle Frau die Armen und Kranken in der ganzen Gegend. Sie sorgte für diese unglücklichen Menschen mit der Liebe und Emsigkeit einer wahren Mutter. Was die Speisekammer des Schlosses Kostbares bieten konnte, was der Garten an Früchten und Gemüsen Schmackhaftes lieferte, das trug sie in die Hütten des Elends. Und tief innere Leiden,, die mit solchen Mitteln nicht behoben werden konnten, linderte sie mit ihrem trostreichen Zuspruch. Seitdem nun aber der Ruf von dem Wunderweibe vom Eichbühl an dem großen Hammer bei Ursberg auch zu ihren Ohren gelangt, ließ sie diese nicht selten zu den Krankenbetten ihrer armen Untertanen rufen, bestellte Arzneien und Heilgetränke und belohnte die Wundertrude reichlich mit Lob und Münzen im Namen der Geretteten. Auf solche Weise war auch der junge Knappe Kuno, der Liebling des Grafen aus der Schar seiner Reisigen, von einer schweren Krankheit genesen.

Der gütige Gott hatte das hochgräfliche Paar mit einem teuren Unterpfand seiner glücklichen Liebe beschenkt. Ein dreijähriger Knabe, Ulrich mit Namen, war die Freude der Eltern, wie aller Edelgesinnten, die an dem häuslichen Frieden auf Schwabeck herzlichen Anteil nahmen. Die gute Mutter Ludmilla, und Gisela, die ebenso vortreffliche Schwester des Grafen, teilten sich vergnügt in die emsige Pflege des Söhnleins. Und unter mancherlei süßen Sorgen seiner treuen Wärterinnen hatte dieses nun sein volles drittes Lebensjahr erreicht. Die freundliche Morgensonne des eben heranrückenden Herbsttages brachte das herzlich ersehnte Wiegenfest.. Noch schlummerte der Knabe sanft und süß in seinem schneeweißen Bettchen. Mutterliebe lächelte nebenan und die geschäftige Gisela wand unter dem leisen Geflüster eines zärtlichen Liedchens die letzten duftenden Herbstblumen zu einem Kranze um die Wiege des Kindes. In geringer Entfernung stand Graf Wernher, der entzückte Vater, einen rotwangigen Apfel in der Hand haltend, den er betrachtend verglich mit dem zarten Rosa im Gesicht seines schlummernden Söhnleins; dann sah er freundlich auf die sorgliche Stille der Gattin und Schwester, trat leise hinzu und drückte einer jeden einen kräftigen Kuß auf die Stirn zum vollen Danke für die treue Pflege, mit der sie beflissen waren, den anfangs kränklichen Knaben, jetzt gesund und heiter, in den gesegneten Beginn des vierten Lebensjahres einzuführen. Ein heiliges Gefühl schwebte unsichtbar, wie ein schützender Engel in diesem traulichen Kreise und sie sanken nieder auf ihre Knie; die Tränen christlicher Freude feuchteten die glänzenden Augen, deren Blicke ungestört den unschuldsvollen Schlummer des Knäbleins betrachteten. Und ein stilles Dankgebet stieg zu dem allgütigen Vater der Menschen, zum allmächtigen Schöpfer des Weltalls. Da erwachte das Kind., wandte die hellen Äuglein im Kreise umher, lächelte gar heimlich, da es durchaus bekannte, teure Wesen um sich sah, richtete sich nun in die Höhe, so gut es sein konnte, faltete andächtig die Händlein und den kindlichen Blick durch das hochgewölbte Fenster hinaus in die klare Bläue des Herbsthimmels gerichet, betete es zum erstenmal: "Vater unser, der du bist im Himmel!" Der Graf wußte nicht, wie ihm geschah. So tief hatte ihn diese Überraschung durchdrungen. Er sah hochentzückt auf die Gattin, die nun im Ausdrucke der zärtlichsten Liebe an seine Brust eilte. Er bot der guten Schwester die Hand und rief in männlicher Begeisterung: "Dies ist der schönste und seligste Augenblick meines Lebens!" - Und als das Söhnlein in seinem Gebete endete: "Erlöse uns von dem Übel!" da konnte sich Graf Wernher nicht mehr halten. Er ließ den Tränen der höchsten Vaterfreude den freien Lauf, nahm den Knaben auf seine Arme, küßte und herzte ihn, segnete seine Stirn, drückte ihn fest an seine Brust und rief: "Ja, der Allmächtige möge dich bewahren vor jedem Übel und besonders vor dem gräßlichsten aller Übel, vor der Sünde. Es sei gelobt in diesem feierlichen Augenblicke, daß wir dich auf erziehen wollen zur Ehre Gottes und zur Freude aller Heiligen!" Inzwischen ertönten unten im Schloßhofe der Klang der Zither, der gellende Ton einer Hirtenpfeife und das Geschmetter eines verstimmten Hackbrettes. Der Graf hatte beschlossen, daß das Wiegenfest seines einzigen Söhnleins auch unter dem Schwarm seiner Knappen und Reisigen gefeiert werde; und darum strömten schon seit dem ersten Grauen des Tages aus allen Dörfern, Meierhöfen und Waldhütten die Massen der Talbewohner zusammen. - In ihrem Gemenge hatte sich auch, nachdem er die ganze Nacht in den Wäldern von Netters Hammer bis Schwabeck, von einem bösen Gewissen gejagt, herumgeirrt - der wilde Ritter Siegmund Gäßler über die Fallbrücke durch das Burgtor eingeschlichen. Er nahm jetzt einen der vielen Bänkelsänger, die zum Feste auf Schwabeck sich eingestellt, versprach ihm reichen Lohn, wenn er sich auszeichne im Absingen eines neuen, zärtlichen Wiegenliedes warf seinen purpurroten Festmantel um die Schulter und einen Blumenstrauß in der Hand, eilte er in verstellter Freundlichkeit über die Wendeltreppe, dem gräflichen Familiengemache zu. Da rührte der Sänger seine Laute und ließ das Lied ertönen:

"Rittersöhnlein, sanft und mild,
deines Vaters treues Bild,
mit dem blauen Augenstern,
haben dich alle so lieb und gern!

Wachse fein und werde groß;
auf der Mutter teurem Schoß,
lächle immer so sanft wie sie,
die dir den süßen Mund verlieh!

Rittersöhnlein, bist du groß,
tummle des Vaters stärkstes Roß,
übe dich munter mit seinem Schwert,
daß du des gräflichen Vaters wert!

Aber die Tugend, der edle Sinn
deiner Mutter sei dein Gewinn,
und das Glück am stillen Herd
sei es, wonach dein Herz begehrt!

Rittersöhnlein, sanft und mild,
deiner Eltern treues Bild,
Kraft im Arme und Mut in der Brust,
werde der Eltern Freud' und Lust!

Und wenn vollbracht dein Lebenslauf,
Blicke getrost zu den Sternen auf!
Wohl dir! - Kannst, wenn der Tod dich ruft,
friedlich ruh'n in der Ahnengruft!"

Unter diesem Liede war Ritter Siegmund in das Gemach eingetreten. Der Graf eilte ihm entgegen und umarmte ihn in gastfreundlicher Herzlichkeit. "Bei dem Bilde meines großen Ahnherrn im Waffensaale," rief er, "das Lied des Sängers, womit Ihr, wackerer Siegmund, das Fest des Söhnleins zu erhöhen gedenkt, hat die Eltern nicht weniger erfreut, als überrascht. Und Graf Wernher bleibt für solche willkommene Feierspende mit Fug Euer Schuldner. Ich vermag auch diese Schuld nicht schneller und angemessener abzutragen, als wenn Ihr mir versprecht, die Burg Schwabeck mit Eurer Gegenwart recht lange beehren und darin schalten und walten zu wollen, als wäret sie in Eurem Eigentum." Darauf erwiderte der Ritter von Ulm, indem er sich verneigte: "Ich kenne Eure Großmut, edler Herr von Schwabeck, und nahm mir gestern erst die Freiheit, mich ihrer zu bedienen. Sonst müßt' ich mich entschuldigen, daß ich ohne Euer Wissen die verwichene Nacht anderswo zugebracht, als auf Eurem Schlosse. Doch wo die Not mich zu Hilfe ruft in irgendeiner Hütte, da schwindet jede andere Rücksicht und die Nacht muß zum Wohltun verwendet werden, wie die Stunden des Tages. Ihr versteht mich schon und erlaubt mir gern, daß ich schweige; denn die edle Tat, hochprahlerisch erzählt von den Lippen dessen, den der Himmel sie zu vollbringen beglückt, verliert an ihrem inneren Werte. Zudem bin ich meilenweit geritten, bis ich endlich den Sänger gefunden, dessen genügender Gesang zur Feier des schönen Tages mir zugesagt." Soweit Siegmund Gäßler; und indem er sich den Damen des Schlosses näherte, reichte er, sich tief verneigend, den Blumenstrauß der edlen Gräfin Ludmilla mit den Worten: "Ich fand im Garten die letzte Rose, duftend und schön, wie eine aus den Erstlingsstunden des Sommermondes, und erkühne mich, sie Euch zu übergeben, damit Ihr sie wohlwollend der ersten Rose Eurer ehelichen Liebe als Festgabe bescheren möget. Von wem könnte sie dem herzigen Söhnlein willkommen sein, als von der zärtlichen Mutter!"

"Ich dank' Euch schön!" entgegnete Ludmilla, indem sie voll natürlicher Anmut die Rose empfing aus des Ritters Hand und sie lächelnd in Ulrich's Faltenkleid steckte, um das Gisela den gemsledernen Gürtel befestigte. "Und," fügte sie hinzu, "wie innig wünsche ich, daß Eure fromme Gemahlin Edeltrude samt Eurem wunderlieben Töchterlein Schwinhilde Zeuge dieses häuslichen Festes sein und sich mit uns freuen könnte!" "Jawohl," fiel Gisela der Gräfin in die Rede, "aber ach bis nach Straßburg, wo sie bei einem Vetter verweilen, um, wie der Herr Ritter erzählt, in der reinen Luft der Rheingegend die schwächliche Gesundheit des lieben Kindes zu kräftigen, liegt, von hier ein Weg von vielen Meilen, und der herzliche Wunsch, Eure Lieben bald in unserer Mitte zu sehen, muß wohl unerfüllt bleiben." Siegmund erblaßte und sah betroffen zur Erde. Dann spielte er mit dem Griff seines Schwertes, um den Wurm, der bei diesen Reden aufs neue an seinem Herzen zu nagen begann, nicht merken zu lassen. Endlich aber zog er sich gar schlau aus der Schlinge, indem er, scheinbar von Schmerz ergriffen, entgegnete: "So ich eine glückliche Folge dieser Reise nach Straßburg erfahre, mag ich Gott danken. Aber ach, mir will es ahnen in Angst und Zweifel, daß das Töchterlein ein Opfer seiner körperlichen Schwäche werde. Und bleibt das Mägdlein zurück im kalten Friedhofe von Straßburg, dann grämt sich auch die Mutter zu Tode. Und der unglückliche Siegmund sieht keines von beiden wieder." Er preßte eine Träne aus dem Auge und wandte sich hinweg. Der Graf aber tröstete ihn, ermahnte Gemahlin und Schwester ernstlich jedes Gespräch künftighin zu vermeiden, das den Ritter in Wehmut und Trauer versetzen könnte und machte den Vorschlag, sich einer Stunde lang in dem bunten Gewirre der Reisigen und Knappen, der Jäger und Hirten, der Bänkelsänger und Hackbrettschläger erlustigen zu wollen. Und man begab sich unter den Schatten der uralten Linden im weiten Hofraume des Schlosses.

Viertes Kapitel

Der Schwarzkünstler

Hier unten gab es gar viel zu schauen und zu hören. Friedliche Waffenspiele wurden gehalten um den Preis eines künstlich geschnitzelten Spießschaftes. Die Weidmänner schössen in die Wette um eine Silbermünze, die ein an einer hohen Stange befestigter Steinadler im Schnabel hielt. Und auf dem Walle übten sich die Stärksten im Faustringen. Die Dirnen vom Lande eilten den Schloßberg herauf, mit großen Körben auf ihren Köpfen, um für ein paar Pfennige Dutzende von Birnen und Äpfeln, von Gerstenbroten und Ziegenkäsen den Kauflustigen freundlich anzubieten.

Der größte Schwarm von Menschen aber drängte sich zum Schloßtore, durch das soeben ein Schwarzkünstler mit einem schwerbepackten Eselein einzog. Das welsche Tier wollte vorüberschreiten; aber der Künstler, der sich von dem Freudenlärm des Menschengedränges einen guten Markt versprach, zog sein Langohr hinter sich über die Fallbrücke zum Tore hinein. Der sonderbare Aufzug des Mannes erregte große Neugierde und Bewunderung unter der Masse von Leuten, die sich herbeidrängten. - Und traun, es war ein seltsamer Auftritt, der allerdings die Schaulust auf das Höchste steigern konnte. Der Meister Schwarzkünstler selbst, ein Mann von großer hagerer Statur, mit langen, schneeweißen Haaren und Augenwimpern und einem ebenso weißen, bis über die Brust herabfließenden Barte, hatte mit seinem wallenden, schwarzen Talare und dem quer über die Schultern hängenden, mit dem Himmelszeichen beschriebenen, feuerroten Gürtel ein schaudererregendes Aussehen. Ein häßlicher Affe kauerte sich auf dem Rücken des Eseleins., auf dessen Kopfe regungslos ein aschgraues Käuzlein saß. Und über der großen Reisegruppe flog eine zahme, schwatzhafte Elster, die sich bald auf den Hutdeckel ihres Meisters setzte, bald zum Schrecken der Gaffenden unter die Menge flatterte und die halbverzehrten Birnen und Äpfel und Käse aus ihren Händen stahl. - Der Künster schlug seine Werkstätte nächst am Tore auf; und wenn er der Zuschauer überdrüssig war, mußte ein schwarzer Pudel, der ihm zur Seite lief und seine Augen wie Feuerkugeln drehte, mit bleckenden Zähnen und verdrießlichem Knurren die Menge auseinanderjagen.

In dem Augenblick tönte das dumpfe Horn des Turmwächters. Und der Burgvogt kam gesprungen zum Grafen mit der Nachricht, es nahe dem Schlosse ein bedeutender Zug bewaffneter Kriegsmänner, man wisse nicht, im friedlichen Sinne, oder in der Weise eines unwillkommenen Feindes. Der Graf gab sogleich den Befehl, die Fallbrücke aufzuziehen, bestieg den Wall, stieß eine gewaltige Lanze in die Erde, das Zeichen zur Unterredung und erwartete in stolzer Stellung die fremden Ankömmlinge.

Bald aber hatte man erfahren, welch ein wichtiger Zweck den Schwarm von bewaffneten Menschen hierher führe; und der Graf ließ. sogleich das Tor wieder öffnen und gab dem Burgvogt ein Zeichen, daß er die Fallbrücke herablasse.

Die Kreuzfahrer, die sich in aller Frühe von Netters Hammer aufgemacht, zogen zum Tore herein. Meister Hans hatte ihnen einen seiner Gesellen zum Wegweiser mitgegeben. Sonst wären sie durch die struppigen Wälder hindurch wohl nicht in so kurzer Zeit auf Schwabeck angelangt. Graf Wernher bewillkommte die Gäste aufs freundlichste und lud sie ein, an dem Feste seiner Knappen und Reisigen teilzunehmen, und wohl einige Tage darüber auf dem Schlosse zu verweilen und auszurasten bei stärkenden Erfrischungen, die er ihnen mit Freuden bescheren wollte. Der Mönch an der Spitze des Zuges trat hinan und segnete die Bewohner der Burg von Schwabeck mit den Worten: "Die Hand des Allmächtigen, die das deutsche Panier aufgepflanzt auf den Mauern von Jerusalem, möge dieses Schloß bewahren vor jedem Unfalle und den edelmütigen Grafen Wernher erleuchten, daß er, das rote Kreuz auf der Brust, sein starkes Schwert der heiligen Sache weihe. Beim Schlüssel des großen Apostel Petrus, es bedarf solcher Männer, wie Ihr seid, Herr Wernher "um das Gelobte Land den Saracenen gänzlich zu entreißen. Wahrlich, wahrlich, es ist die höchste Zeit, daß die Grafen und Ritter vom Schwabenlande dem Rufe der deutschen Fürsten, den Predigten der begeisterten Bischöfe und Mönche, und vor allem dem väterlichen Schreiben des Papstes folgen. Oh' Schrecken und Jammer! Wie sieht es aus in dem gottgeweihten Palästina! Ist dies das Land, das sich der Allerhöchste auserlesen? Die Juden hat er vor vielen Jahrhunderten hinausgetrieben mit feurigem Schwert, wie einst Adam und Eva aus dem Paradiese, damit der rechtgläubige Christ Besitz davon nehme. Und nun hauset der Türke darin, ärger als der Jude. Hunderte von Pilgern aus dem Heiligen Lande ziehen allenthalben umher und schildern die schreckliche Not unserer Brüder, die sich bald vor der Wut der Feinde nicht mehr zu schützen wissen, wenn sie nicht täglich und stündlich von Frankreich, Deutschland und England Zuwachs erhalten für ihre durch Krankheit und Krieg zusammengeschmolzene Mannschaft. Balduin II., König von Jerusalem, schreit nach Hilfe. Er hat, außer den geistlichen Ritterorden vom heiligen Johannes und vom Tempel Salomons, keine einzige Stütze, und auch diese muß zerfallen, wenn nicht ein großes Heer vom Abendlande mit erneuter Streitkraft vor Jerusalem sich sehen läßt. Auf, ihr mächtigen Grafen und Ritter vom Schwabenlande! Sammelt eure Scharen von Reisigen und Knappen um euch! Der heilige Vater hat jedem. einen Ablaß von allen Sünden versprochen, der das Schwert zieht zur Eroberung des auserwählten Landes! Oh' Freude und Jubel, wenn eure Standarten ruhen am Grabe unseres göttlichen Erlösers! Auf, Graf Wernher, zum heiligen Kreuzzuge! Beim Schlüssel des großen Apostel Petrus, wir wollen weder essen noch trinken, bis Ihr versprecht, unser Anführer werden zu wollen! - Ihr Männer von der heiligen Pilgerschaft, betet mit mir, daß der Allmächtige das Herz des Grafen erleuchte! Pater noster!"

Allein anstatt zu beten, rief Peter von Jenkendorf und warf den Speer in die Höhe: "Hallo, es lebe Graf Wernher von Schwabeck und Balzhausen, die Zierde der Ritterschaft, der Held aus dem Schwabenlande, der uns siegreich führt vor die Mauern von Jerusalem!" - Und die volle Schar der Kreuzfahrer ahmte das Geschrei des langen Peter nach.

Doch der Graf beschwichtigte sie und schützte vor, es bedürfe wohl einige Tage, um in solch gewichtiger Sache einen festen Plan fassen zu können. Während dieser Zeit sollten sie sich gütlich tun bei Spiel und Sang, bei Getränken und Speisen, die ihnen reichlich aus der gräflichen Vorratskammer würden gereicht werden. Die fahrenden Kriegsleute ließen es sich nicht zweimal sagen. Sie mengten sich lustig unter die Knappen der Burg. Und das Gejauchze der verschiedenartigsten Gruppen erfüllte den Schloßhofraum, daß die nachbarlichen Tannenhügel davon widertönten. Der Graf mit seiner Familie und dem Ritter Gäßler von Ulm war bereits zum gastlichen Herde über die Wendeltreppe zurückgekehrt, nachdem er vorher auch den ehrwürdigen Mönch eingeladen, dahin zu folgen. Dieser aber blieb einige Minuten zurück, trat leise und geheimnisvoll zu dem Schwarzkünstler am Tore und grüßte ihn mit einem Handschlage, indem er ihm in die Ohren flüsterte: "Willkommen, Herr Matthä Dampf, innerhalb der Mauern von Schwabeck! Ihr kennt doch den Fischveit von Costnitz? Seid bereit, wenn ich Eurer bedürfen sollte." - Der Künstler nickte bejahend mit dem Kopfe und der Mönch eilte fürbaß mit der gräflichen Familie zum warmen Kamine.

Dort wurde unter Minnegesang und heiterem Spiele dem edlen Rheinwein tapfer zugesprochen bis zum späten Abend. Dann fing der verkappte Mönch aufs neue an, den Grafen zur Teilnahme am gottgefälligen Kreuzzuge aufzumuntern, packte die falschen Urkunden und Schreiben vom Heiligen Vater auseinander und legte besonders großen Wert auf einen Brief von dem Bischofe Konrad von Augsburg, der an den Grafen Wernher von Schwabeck also schrieb: "Wir haben mit Freuden vernommen, wie großmütig Ihr die Propstei Ursberg und das Frauenstift Odilstetten erbauet und mit welch reichen Pfründen Ihr beide ausgestattet. Allein wollt Ihr diesen christlichen Werken die Krone aufsetzen, so unternehmet zur Ehre Gottes und zum Frommen Eurer bedrängten Brüder im Morgenlande einen heiligen Zug nach Palästina, wozu wir Euch, vom göttlichen Geiste getrieben, eifrig und väterlich ermahnen. Wir erflehen für Euch den Schutz des Allmächtigen, so Ihr dieser Ritterpflicht getreulich nachkommt und versichern Euch der Huld und des Segens des päpstlichen Stuhles für Euch und Eure Enkel auf Schwabeck und Balzhausen." Der Graf saß in tiefen Gedanken da und blickte lautlos in die knisternde Flamme des Kamins. Aber Ludmilla, den kleinen Ulrich auf dem Schoße, zerfloß in stillen Tränen; und Gisela rang wehmütig die Hände. Siegmund Gäßler senkte den Blick zur Erde, als wenn er freundschaftlich teilnähme an dem Schmerze der Edlen von Schwabeck. Sein Inneres aber ward durchwühlt von einer grimmigen Schadenfreude. Endlich erhob sich Wernher und trat mit fester Entschlossenheit vor den Mönch, der sich seines Sieges gewiß zu sein schien. "Seht auf mein Weib," rief er und eine Träne fiel in seinen schwarzen Bart; "seht auf mein Söhnlein und auf meine Schwester! Soll ich diese edlen Seelen einsam und verwaist zurücklassen auf Schwabeck? Soll ich die Wehrlosen preisgeben jedem feindlichen Angriffe, ja, wohl der Lüsternheit fahrender Wüstlinge? Entbietet dem ehrwürdigen Bischofe von Augsburg meinen ritterlichen Gruß und sagt ihm, Graf Wernher von Schwabeck sei zur Leistung jedes christlichen Dienstes wohlgeneigt; nur möge man ihn freisprechen von der kriegerischen Wallfahrt nach dem Morgenlande!" "Wie Ihr wollt, Herr Graf," erwiderte der Mönch mit scheinbarer Freundlichkeit, "doch werdet Ihr Euch bei dem hochwürdigen Konrad nicht sonderlich empfehlen. Was aber die Schutzlosigkeit der Damen und des Erbsöhnleins von Schwabeck betrifft, da wüßte ich beim Schlüssel des heiligen Peterus Euch guten Rat. Rühmt sich nicht Ritter Siegmund Gäßler von Ulm der Freundschaft des edlen Grafen Wernher? Gebt dem Ritter Gelegenheit, daß er Eure Großmut erwidere! Er mag Schutzherr von Schwabeck sein, bis Ihr aus Palästina wiederkehrt."

"Siegmund," entgegnete der Graf, "hat selbst Weib und Kind und wird nach wenigen Tagen in die Heimat zurückziehen!"

"Nicht doch!" versetzte der Mönch, "Ritter Gäßler hat seit gestern keine Heimat mehr, denn Ulm ist in den Händen Lothars, seines grausamen Belagerers, wie mir ein Flüchtling aus jener Stadt bei Ritterehre versicherte. So mag auch Frau Edeltrude von Gäßler mit ihrem Töchterlein noch manche Woche in Straßburg bleiben. Und hat sie endlich Sehnsucht nach dem liebwerten Gemahl - ei, da ist bald beholfen. Die Wallfahrt nach dem Gelobten Lande führt uns an Straßburg vorüber. Ich nehme die Pflicht auf mich, die edle Frau von dem Aufenthalte ihres Gemahls zu benachrichtigen und sie mit sicherem Geleite hierher auf Schwabeck bringen zu lassen. Die edle Markgräfin von Österreich wie Fräulein Gisela werden die gute Frau von Wernhers Freunde herzlich willkommen heißen; und der kleine Ulrich wird an Gäßler's holdem Töchterlein eine liebe Jugendgespielin finden. So wäre denn der Stein, der den Grafen von Schwabeck drückte, mit einem Male hinweggeräumt. Und der Weg ins Gelobte Land stände uns offen, wie ins Himmelreich!" Wernher zog eine Falte auf der Stirn zusammen und erwiderte halb spottend und halb freundlich: "Ihr habt eine vortreffliche Rednergabe, das Schwert zum heiligen Kampfe aus der Scheide zu locken. Und fürwahr, der Bischof von Augsburg hätte eine Sünde begangen, wenn er Euch nicht ein solch wichtiges Amt anvertraut. Allein gebt Euch nicht ferner Mühe! Es ist umsonst! Ich kann mich nicht bescheiden! Wir wollen darüber schlafen! Gute Nacht!"

Der Mönch war betroffen, verneigte sich und ging. Auch Gäßler konnte seinen Unmut kaum verbergen und beurlaubte sieh bei der gastfreundlichen Familie. Ludmilla aber legte sich unter heißen Tränen und Bitten an des Gemahls Brust, er möge sie samt ihrem geliebten Kinde nicht verlassen. "Edler Wernher," sprach sie schluchzend, "so du von dannen gehst, wird das Unglück Platz nehmen auf Schwabeck. Und eine bange Ahnung sagt mir, das ganze edle Geschlecht des Grafen Wernher, am meisten aber seine Gemahlin, wird unsägliches zu dulden haben. Bleibe, bleibe zurück am häuslich stillen Herde!" - Und der kleine Ulrich, von der Mutter unterrichtet, umklammerte Wernher's Knie und lallte: "Vater, wer wird den großen Schimmel mich tummeln lehren, wenn du gegen die Türken ziehst? Und wer wird mir zeigen, wie ich das Schwert handhaben soll, wenn ich einsam herumirre in den leeren Hallen dieser Burg? Väterlein darf nicht fort, muß bleiben!" - Nun trat auch Gisela hinzu, die viel besorgte Schwester. Und vereint ließen sie nicht ab, zu bitten, bis Graf Wernher feierlich ausgesprochen: "Der häusliche Herd mit meinen Lieben ist der nächste, den ich zu schützen habe. Ich bleibe!" - Sie dankten einstimmig dem lieben Gott, baten um Segen für Wernhers Entschlossenheit und begaben sich ruhig und befriedigt in die weichen Arme ihres süßen Schlummers.

Mitternacht war schon vorüber und bald verkündete das Hifthorn des Turmwächters die erste Stunde des nächsten Tages - da klopfte es unheimlich und zitternd an die Tür des Gemaches, worin der Mönch in behaglicher Ruhe schnarchte. Dieser erwachte endlich, nachdem das Pochen sich mehrmals wiederholt, erhob sich, schlich zu der Tür und schob behutsam den eichenen Riegel auf die Seite, Siegmund Gäßler trat hinein. "Ihr seid wohl ein Nachtwandler geworden auf Schwabeck," lächelte ihm der Mönch entgegen, "und bei der lieben Frau vom Schnee, ich mag's Euch auch verzeihen! Ein heißes Blut, wie das Eure, findet keine Rast! Nur schade, daß Ihr es nicht in die Adern Eures Gastfreundes zaubern könnt! So würde er sicher gegen die Saracenen pilgern!"

"Daß er es nicht tut," entgegnete unmutig Ritter Gäßler, "dies eben ist es, warum ich den Schlaf vermisse. Dein Plan war gut, verschmitzter Veit, aber an des Grafen festem Willen ist er zuschanden geworden." "Nicht so vorlaut, edles Herrlein!" knurrte der verkappte Mönch von Costnitz. "Habt Ihr nicht gesehen, Matthä Dampf ist im Schlosse! Der muß uns helfen. Versprecht mir den dritten Teil von den Einkünften auf Schwabeck - dann legt Euch ruhig zu Bette und haltet einen sanften Morgenschlummer, damit der wilde Griesgram Euer schönes Gesicht nicht so jämmerlich verunstalte. Beim Schlüssel des heiligen Peterus, seht Ihr nicht aus wie ein armer Sünder, der dem Galgen von Ulm entsprungen? Geht, geht und schlaft, armer Ritter, ich will für Euch wachen, so wahr ich der Fischveit bin."

"Du sollst den Anteil haben, den du begehrt!" versetzte der Ritter und entfernte sich leise, wie er gekommen, durch das Gemach. Da rief ihm die falsche Kutte von Costnitz nach: "Noch eins, Herr Gäßler! Von Eurem Weibe, das Ihr vor einem halben Jahre verstoßen, habe ich keine weitere Kunde. Man sagt wohl, die Unglückliche habe den Weg über die Iller genommen; und im Mindeltale will man sie zuletzt gesehen haben. Ich meine, der bittere Gram hat die zärtliche Frau wohl schon zu Grabe gelegt. Das Töchterlein der Frau Edel-trude aber habe ich zu einer alten Zigeunerin nach Württemberg gebracht. Ihr wolltet zwar, ich sollte es untertauchen in den Wellen der Donau. Allein beim Schlüssel des heiligen Peterus, das niedliche Engelsköpflein hat mir das Herz mürbe gemacht. Ich konnte es unmöglich dem nassen Wellentode übergeben. Die Zigeunerin wird es auferziehen im unsteten Wandeln von Ort zu Ort. Und vielleicht mag einst das Kind seinem Vater wahrsagen, seinem Vater, der es aus den Armen der verstoßenen Mutter gerissen." "Schweig, Elender!" murrte der hinwegeilende Ritter. Und sein Gewissen entsetzte sich bei dem dumpfen Gelächter des Mönches, das ihm noch lang durch den Schloßgang, wie der Hohn eines Gespenstes, nachtönte.

Veit Knall von Costnitz aber mummte sich in seinen Bart, warf die Kutte über die Schulter und schritt langsam und leise durch das schwarze Gewölbe zu einem Seitenpförtchen, das ihm den Austritt in den weiten Hofraum gestattete, wo ihm die kalte Morgenluft mit einem feuchten Nebel entgegenwehte. Er gelangte zu einer kleinen Wartstube am Schloßtore, in der der Künstler von Augsburg samt Esel, Affe, Käuzchen, Elster und Gerätschaften sein Nachtlager genommen. Auf ein besonderes Zeichen wurde der Mönch sogleich eingelassen und verweilte bei Matthä Dampf in einem langen, geheimnisvollen Gespräche, bis der Tag von den östlichen Wäldern emporgraute. Da aber die Turteln gruheten auf den uralten Linden im Burghofe und vom nachbarlichen Wasserfalle aus den dunklen Hagebuchengebüschen die Kehlen der Amseln schmetterten, trat er aus der Stube und stellte sich dicht an die große Schloßtreppe, um in ein Gespräch mit dem Grafen sich einlassen zu können, wenn dieser herabkäme, den Reisigen und Knappen den Tagesbefehl zu erteilen. Inzwischen hatte sich das muntere Leben von gestern im Burghofe wieder eingestellt. Den Kreuzfahrern gefiel es bei Spiel und Minnegesang so ungemein wohl, daß sie mit trübseliger Miene der Stunde gedachten, da sie abziehen sollten. Als aber Graf Wernher in den Burghof eintrat, steckten sie zur Begrüßung ihre Partisanen in die Erde. Und Peter von Jenkendorf, in dessen Kopfe der alte Rheinwein sich eingenistet, wollte das Kreuzfahrerlied beginnen:

"Wir wandern nach Palästina fein, der Türke muß getötet sein!"

Aber der Mönch eilte herbei und verwies seinen Leuten ihr vorlautes Betragen. Dann schlug er ein großes Kreuz in den Lüften und betete über den Grafen das klösterliche "Benedikat", worauf dieser mit dem ehrwürdigen Pater unter den Linden lustwandelte. Unterdessen aber hatte der Schwarzkünstler am Tore seinen Markt aufgeschlagen. Und das Geschrei der Elster forderte die Bewohner des Schlosses auf, dem seltenen Meister zugunsten zu gehen. Reisige und Knappen und Kreuzfahrer strömten herbei und selbst der Graf wollte, wie es im wohlberechneten Plane des Mönches lag, den Zauber mit ansehen.

Matthä Dampf stand auf einem mäßig hohen Gerüste, das mit einem schwarzen Tuche voll wunderlicher Zeichen und Buchstaben behangen war. Sein Esel saß auf den zwei hinteren Beinen neben dem Meister; Käuzlein und Elster flatterten auf dessen beiden Schultern; und über dem Zaubertische mühte sich das Äfflein, eine harte Walnuß aufzuknacken. Am Boden lagen Totenköpfe und Menschengebeine, Schildkrötenschalen, Schlangengerippe, vertrocknete Salamander, samt den Gerätschaften von Tigeln, Gläsern und Scherben, deren der Künstler zu seinen geheimnisvollen Arbeiten bedurfte. - Nachdem er verschiedene Zaubereien und wunderbare Stücke durchgeführt, wobei die gaffende Menge bald voll Verwunderung die Hände über den Köpfen zusammenschlug, bald in ein lautes Beifallgemurmel ausbrach, wandte er sich auf einen Wink des Mönches, der nur von ihm allein bemerkt wurde, an den Grafen von Schwabeck und forderte ihn auf, einen Beweis seiner Kunst von ihm zu verlangen, was er immer für einen wollte. Der Mönch flüsterte dem Schloßherrn in die Ohren: "Er möge Euch auf dem Wege der Schwarzkunst die Wahrheit eines Umstandes kundgeben, der Euch bisher noch verborgen lag und dennoch von größter Wichtigkeit für den Frieden Eurer Seele und für die glückliche Zukunft Eures Geschlechtes sein dürfte." Dem Grafen gefiel der Vorschlag und Matthä Dampf wurde zur Ausführung des Zaubers aufgefordert. Er schnitt anfangs ein gar finsteres Gesicht, machte verschiedene Bewegungen mit Kopf, Händen und Füßen und endlich, nachdem er die größtmögliche Ruhe anbefohlen hatte, nahm er die Zauberrute und strich sie derb über den haarigen Rücken des Affen auf dem Tische. Das Zotteltier fing jämmerlich zu heulen an und winselte solang, bis aus seinem aufgesperrten Rachen zwischen den Zähnen hindurch ein großer Herbstschmetterling flatterte, der seinen Weg durch den Zauberdunst nach dem großen Lindenbaume nahm. Kaum aber hatte die Elster den bunten Luftsegler erblickt, als sie ihm auch schon unter großem Geschrei nachjagte und in den buschigen Ästen verschwand. Die neugierigen Blicke der Zuschauer mußten lang auf die Wiederkehr der Schwätzerin warten; endlich flog sie hernieder, ein schwarzes Ei in ihrem Schnabel. Sie zerhackte die sonderbare Beute, zog ein beschriebenes Stück Papier hervor, flatterte damit schnurgerade auf den staunenden Grafen zu und legte es unter lächerlichen Gebärden in dessen Hände.

Dem christlichen Herrn von Schwabeck wollte es ganz unheimlich werden und doch verlangte ihn in verzeihlicher Neugier, den Inhalt des Zettels zu erfahren. "Wenn ich lesen könnte!" sprach er halblaut für sich hin und wandte das Blatt bald rechts, bald links in seinen Händen. Der Mönch aber entgegnete: "Da kann ich aushelfen!" und zog den Grafen, der ihm unwillkürlich folgte, mit sich hinaus aus dem Gedränge der gaffenden Menschenmenge. Matt ha's Vorstellungen waren zu Ende und auf einer anderen Seite des Hofraumes ertönten die Lieder der Minnesänger, die nun die Aufmerksamkeit der Knappen und Kreuzfahrer für sich verlangten.

In einer Vertiefung des Walles an dem entlegensten Orte, wohin kein Lauscher drang, stand der Mönch mit dem Grafen und las ihm mit gräßlichem Nachdruck den Inhalt des Zauberpapiers wie folgt: "Seht Euch wohl vor, Herr von Schwabeck und Balzhausen, daß Euer häuslicher Friede und die glückliche Ehe mit der edlen Frau Markgräfin von Österreich nicht zerstört werde. Ein undankbarer Bube, der durch Schmeichelei Euer Herz gewonnen, arbeitet im Stillen, Schande und Schmach in Euer adliges Haus zu bringen und sich mit dem gräflichen Geschlechte von Schwabeck zu vermischen. Der jugendliche, schöne Knappe Kuno wirft ein lüstern Auge auf Wernher's tugendhafte Gattin. Und so Ihr Euch nicht rächet, folgt Euch der Fluch Eurer Enkel in die Grube nach."

Fünftes Kapitel

Der Entschluß zur Kreuzfahrt

Der Graf stand wie versteinert vor dem Mönche, der im erheuchelten Schrecken das Zauberblatt aus den zitternden Händen fallen ließ. "Allgerechter Gott," rief er endlich und verbarg sein Angesicht in dem faltenreichen Purpurmantel; "ist es möglich, daß die Schande meines Hauses mir verborgen blieb? Beim heiligen Berg Andechs, wer es wagt, der Markgräfin von Österreich anders als in tiefster Ehrfurcht zu nahen, muß des Todes sein. Und mein eigener, liebster Knappe soll sich soweit vergessen haben? Es ist nicht möglich! Bei allen Heiligen, es kann und darf nicht sein!"

Aber der Keim der Eifersucht hatte in des Grafen Brust schon Platz genammen. Der Wurm des Argwohns nagte an seinem Herzen. "Und doch," fuhr er fort im stummen Dahinbrüten, das den Ausbruch eines furchtbaren Sturmes ahnen ließ; "und doch mag es sein! Ja, ich darf nicht mehr zweifeln! Damals, als der Bube auf dem Krankenbette schmachtete, da Ludmilla ihr weiches Mitgefühl an den Undankbaren vergeudete, und sogar das Wunderweib vom Eichbühl aus dem Mindeltale rufen ließ, daß die Heilkräuter derselben ihn neu beleben sollten - damals hat der Schändliche sich erkühnt, in dem Benehmen der edlen Burgfrau etwas anderes als Mitleid zu finden; und der Stolz auf seine Schönheit und Körperkraft raunte dem falschen Schänder meines Hauses in die Ohren, er dürfe sich wohl messen mit dem Grafen von Schwabeck und Balzhausen. Aber, bei Gott, ich führe mein deutsches Schwert noch ebenso gut, wie am Tage, da ich in Straßburg den ersten Preis gewann. Mönchlein, nennt mich einen feigen Narren, wenn ich mich nicht zu rächen weiß, wie es das alte Geschlecht meiner Ahnen und das kommende meiner Enkel verdient. Ich eile zu Ludmilla. Ich will Ihr sagen, an welch Schändlichen sie ihr Mitleid vergeudet. Und zu ihren Füßen soll der Nichtswürdige sein elendes Leben aushauchen." Bei diesen Worten rannte der Graf hinweg und hörte nicht auf die Bitten des Mönches, der ihn zurückrufen wollte. Oben an der Wendeltreppe aber hielt er plötzlich inne; denn seine Füße trugen ihn nicht weiter. Er sah den Knappen Kuno aus dem Gemach der Markgräfin von Österreich kommen.. Schon legte er die Faust an das Schwert; aber er erdrückte den wilden Zorn und mit verstellter Freundlichkeit fragte er den Liebling: "Woher und wo hinaus führt dich der Weg, Kuno?" - Dieser aber verneigte sich vor dem Grafen und erwiderte: "Die edle Burgfrau sendet mich mit dieser Flasche stärkenden Weines zu dem kranken Meier von Mickhausen. - Habt Ihr noch eher ein Geschäft für mich, so befehlet nur!"

"Magst mir den Rappen vorerst satteln," sprach der Graf; "ich will zur Jagd hinaus. Dann aber geh' in die Stube vor dem Tore und nimm die Morgensuppe, die dort für dich bereit steht. Armer Junge, bist ja noch nüchtern." Hierauf eilte Wernher blaß und zitternd die Wendeltreppe herab ins Freie, der Torstube zu, um dem Schwarzkünstler Matthä einen geheimen Auftrag zu erteilen. Der Knappe aber sprang in den Stall, den Dienst des Grafen so schnell, wie er es immer gewohnt war, zu verrichten. Und als der Burgherr mit verstörtem Sinne das Jagdroß bestieg und davonjagte, wünschte ihm Kuno gar ehrerbietig Weidmann's Heil und ging darauf, ohne was Arges zu ahnen, in die Torwartstube, um das Frühstück zu genießen, wie es des Herrn Wille von ihm verlangte. Gegen Abend kam der Burggraf von der Jagd zurück und das Geschrei der Knappen tönte jämmerlich in seine Ohren: "Kuno liegt tot in der Wartstube vor dem großen Tore!" - Finster trat Wernher vor die Leiche, wo er die Damen des Schlosses, den Mönch und den Ritter Siegmund traf. Die ersteren waren sehr ergriffen; Siegmund aber und der verkappte Fischveit standen in gemessener Ferne, lauernd wie der Graf bei dem Anblicke des Opfers seines Zornes sich verhalte. Dieser aber, blaß und verstört, trat zu Ludmilla und indem er auf die Leiche des Knappen deutete, sprach er langsam und in verzweiflungsvoller Ruhe; "Es ist das Werk meiner gerechten Rache, Frau Markgräfin von Österreich! So vergilt Wernher von Schwabeck einem jeden, der sich erfrecht, sein Weib, das edelste Kleinod seines Lebens, anzutasten. Kuno, dem ich mein ganzes Vertrauen geschenkt, hat sich an mir so schwer versündigt, ob mit Eurer Einwilligung, mit Eurem Mitwissen oder nicht, Frau Gräfin, das weiß der Allwissende. Ich aber wollte den Unfug nicht mehr länger dulden; und Matthä von Augsburg mußte dem Knäpplein die Morgensuppe so scharf würzen, daß er von dieser Betäubung nicht mehr erwachen wird." "Wernher! Was habt Ihr getan?" rief Ludmilla totenblaß. "So wahr Gott im Himmel lebt, es ist kein unreines Wort über die Lippen dieses Knappen gekommen! Er ist so rein wie ein Heiliger! Ihr habt Euch betören lassen von dem häßlichen Zauber, von einem schändlichen Argwohn und seid der Mörder eines Unschuldigen geworden." Hierbei konnte sich Gräfin Ludmilla nicht mehr halten; sie sank ohnmächtig in die Arme der Schwester Gisela, die wehmütig auf den von schrecklichen Zweifeln gedrückten Bruder, dann weinend auf den entseelten Knappen niedersah. Der Mönch im Hintergrunde begann soeben in tiefer Stimme mit dem Bußlied "Miserere" da flog durch das halbgeöffnete Fenster die Elster des Schwarzkünstlers in die Stube, legte ein weißes Ei auf die Stelle des Leichnams, wo einst das Herz geschlagen, pickte die Schale auf und brachte dem 'Grafen ein Papier, aus dem der Mönch, der sogleich herbeigeeilt war, die Worte las: "Ihr seid getäuscht, Herr Wernher! Der böse Feind hat das schwarze Ei Euch zugeschickt, um Euch zu verführen! Weh, wenn diese Warnung zu spät kommt! Die Leiche des Knappen,, den Ihr unschuldig ermordet, wird um Rache schreien zum gerechten Richter der Toten und Lebendigen; und das Unglück wird hereinbrechen über Euer gräflich Haus."

Wie vor wenigen Stunden erst der Argwohn des Grafen Herz betörte, ebenso ward es jetzt erschüttert von Reue und Schmerz; und er schrie in furchtbarer Gewissensangst nach dem Meister Dampf, ob nicht vielleicht durch ein schnelles Gegengift der Knappe wieder könnte zum Leben gebracht werden. Matthä kam und gab den Bescheid, es rühre sich noch ein schwacher Puls in den Adern des Vergifteten - allein er dürfe mit Fug versichern, daß jedes Gegenmittel vergeblich sei.

"Oh, versuche was du kannst!" rief der Graf, "ich verspreche dir reichlichen Lohn. Ja, ich will dir auf dem Wartturme von Schwabeck eine Stube einrichten, daß du ungestört zu den Sternen gucken und, dem Auge eines jeden Nachstellers verborgen, dem Forschen in den Geheimnissen deiner Kunst obliegen kannst!" Da rief der Mönch voll Ermunterung dem Grafen zu:

"Herr, gelobet in diesem Augenblicke, das Kreuz zu nehmen und zum heiligen Kampfe ins Morgenland zu ziehen, wenn Kuno wieder lebe! Säumet nicht! Gott ist barmherzig! Er wird Euer Gelübde annehmen in Gnaden und unser Gebet erhören! Pater noster!" Mittlerweile hatte sich Gräfin Ludmilla wieder erholt. Und da sie die Worte des Mönches hörte, ermahnte sie selbst den Gemahl, indem sie sprach: "Was mich gestern mit Schmerz und Trauer erfüllte, dazu ermuntere ich Euch jetzt, mein liebwerter Herr und Gemahl! Eure schnelle, voreilige Tat, die Ihr bereuen werdet, bedarf der Sühnung! Zieht in Gottes Namen nach Palästina !"

Einige Minuten lang stand der Graf unentschlossen. Endlich erhob er die Rechte und rief: "Ich gelobe die Annahme des roten Kreuzes!"

Währenddem hatte Matthä Dampf schon ein Tränklein bereitet und es, so gut es sich machen ließ, dem betäubten Knappen zwischen die blassen Lippen eingegossen. "Nun bedarf er der Ruhe," sagte der Künstler und wies den Anwesenden die Tür, "auch müßte es den Jungen befremden, beim Erwachen all diese Gesichter hier zu sehen. Er soll aber nicht erfahren, was mit ihm binnen weniger Stunden vorgefallen, auf daß das Vertrauen zu seinem Herrn nicht Schaden leide. Morgen aber, Graf Wernher von Schwabeck, will ich Euch, so es Gott fügt durch die Fürbitten unserer Lieben Frau, den Knappen gesund entgegenführen." Matthä Dampf hatte Wort gehalten. Der Graf atmete wieder frei und froh, als er seinen treuesten Knappen aufs neue herzlich grüßen konnte. "Kuno," sagte er, "ich habe die Wallfahrt ins Gelobte Land versprochen. Nach Verlauf von wenigen Tagen ziehen wir von dannen. Du sollst auch im fernen Lande mein guter Leibknappe sein. Und beim heiligen Grabe, vor dem wir unsere Andacht zu verrichten gedenken, ich will dein Leben schützen, wie du das meine." Kuno fühlte sich nicht wenig geehrt durch das Vertrauen seines Herrn und machte in jugendlicher Munterkeit die besten Anstalten zur baldigen Abreise.

Die Kreuzfahrer aber und an ihrer Spitze Peter von Jenkendorf, schmausten und tobten im Schloßhofe viel toller noch und ärger als zuvor und fügten unter Wein und Minne dem Kreuzfahrerlied hinzu:

"Graf Wernher, der Held vom Schwabenland, führt uns an ritterlicher Hand selbst eigen ins Gelobte Land!"

Und des Schmausens und Brausens war kein Ende im Burghofe, bis endlich die bestimmte Stunde des Abzuges zu schlagen begann.

Im ritterlichen Ahnensaale von Schwabeck aber sah es ganz still, wehmütig und traurig aus. Die zarte Ludmilla weinte in den Armen des Burgherrn, der in seiner blaustählernen Rüstung vor sie getreten war, um Abschied zu nehmen. "Edler Herr und Gemahl, Gott woll' Euch beschützen!" sprach sie in heiliger Rührung und holte zugleich das Söhnlein herbei, daß es den Segen des Vaters erhalte. Ulrich aber erklomm Wernher's Schoß, streichelte seine Wangen und suchte durch allerlei Gebärden der kindlichen Anhänglichkeit den ernsten Grafen zu ermuntern. Da lächelte selbst Ludmilla und flüsterte: "Nicht wahr, Büblein, wenn du den großen Rappen tummeln kannst, willst du einmal auch so hinaus ins Weite?" Und der Knabe nickte gar freundlich den Worten der Mutter Beifall zu. - Wernher mußte lächeln über dessen Einfalt, küßte wohl ein dutzend mal die Stirn, den Mund und die Wange des herzlichen Söhnleins und sagte zur Gattin:

"Schreib' mir den Tag auf, Ludmilla, wann der Knabe den ersten Eber erlegt in unseren Wäldern von Bärenbach."

Jetzt nahm Ludmilla eine Schärpe aus dem nahen Schranke. "Wernher, kennt Ihr noch dieses Zeichen unserer Liebe? Auf dem Turniere zu Prag, wo ich Euch zum erstenmal sah und Ihr den höchsten Preis errungen.

Sechstes Kapitel

Eine rätselhafte Nebengeschichte

Auf dem Schlosse Schwabeck hatte sich seit der Abreise des Grafen Wernher das vorige, muntere, zufriedene Leben sehr verändert. Die edle Frau Ludmilla mit ihrem Söhnlein Ulrich und der Schwester Gisela hielt sich die ersten Tage still verborgen in den innersten Gemächern, um sich ungestört und ohne lästigen Zeugen dem ganzen Schmerze der Trennung hingeben zu können. Dann war ihr Hauptgeschäft die Pflege des geliebten Kindes, des einzigen Trostes, der ihr in solcher Verlassenheit geblieben war. Ulrich vermochte aber auch mit seiner kindlichen Zuneigung und dem sinnreichen Benehmen bei Unterricht und Spiel, wobei er täglich neue Anlagen eines lernfähigen Geistes enthüllte, die Schwermut der betrübten Mutter für manche Stunde zu verscheuchen, bis endlich die edle Frau durch Gebet fromme Ergebenheit in Gottes Fügung sich errungen und die vorige Heiterkeit soviel es möglich war, in ihr Herz wieder aufgenommen hatte. Aber auch der Schloßvogt mit den wenigen Knappen, die der Graf als Besatzung auf der Burg zurückgelassen, fühlte sich nicht mehr recht heimlich innerhalb der Mauern von Schwabeck, wo er doch stets seine fröhlichsten Tage zugebracht. Unmutig überfüllte er sich Magen und Kopf mit dem alten Rheinwein aus des Grafen Keller. Und wenn er sich dann in einem Zustande befand, wo die Zunge so gern schwatzt, was das Herz in Nüchternheit verbirgt - da verwünschte er den Tag, an dem Wernher abgezogen, über alle Berge bis an das Tote Meer und sendet zu den Knappen, die mit stummem Kopfnicken seine Verwünschung bekräftigten: "Beim heiligen Simon, meinem Namenspatron, der für mich fürbitten wollte in meinem Sterbstündlein, ich kann mich in das Tun und Treiben des neuen Schutzherrn gar nicht finden. Finster und rauh gegen die Dienerschaft, bei den Frauen aber fein und artig - was anders soll diese Verschmitztheit bringen, als ein nahes Unglück? Ich fürchte, Siegmund Gäßler mißbraucht auf eine abscheuliche Weise das Vertrauen, das der edle Burgherr so freundlich und arglos in ihn gesetzt. - Und nun, wenn ich vollends in das wilde Gesicht des Schwarzkünstlers blicke, dem Graf Wernher allzu vorschnell einen Aufenthalt im Schlosse zugesagt, da schlag' ich unwillkürlich ein großes Kreuz auf meine Eisenbrust und bitte den lieben Herrgott, er wolle uns alle väterlich gnaden."

Der Schloßvogt hatte sonst einen gesunden Verstand und war der bösen Sache so ziemlich auf die Spur gekommen. Siegmund Gäßler behandelte vom ersten Augenblicke an die Dienstleute in der Burg wie armselige Türkensklaven, verschwatzte sie ungerechterweise bei der edlen Schloßfrau als faule, pflichtvergessene Buben und suchte sich auf solch unwürdige Art bei dieser einzuschmeicheln, daß es den Anschein habe, als verdiene er ihr Vertrauen im höchsten Grade. Wußte er sich aber davonzuschleichen, oder ritt er auf die Jagd, da betrug er sich so ausgelassen und frech, wie es sich keinem Ritter wohl geziemt.. Die Mütter in der Gegend hatten große Mühe, ihre Töchter vor seinen wilden Blicken zu verbergen. Und die kräftigen Bauernjungen gingen ihm gern aus dem Wege, um sich, von seinen häßlichen Schimpfflüchen gereizt, an ihm nicht zu vergreifen. - Matthä Dampf aber schien sein vertrautester Freund geworden zu sein. Denn man sah den Ritter gar oft über die kleine Stiege in die Turmstube schleichen, wo der Schwarzkünstler seine geheime Arbeit trieb. Dort verweilte er stundenlang; und der Schloßvogt, der ihm einmal nachging und heimlich durch das Schlüsselloch in die verdächtige Stube schaute, wollte gesehen haben, wie er mit eigener Hand ein Tränklein bereitete. Als er aber die Worte des schlimmen Ritters hörte: "Entweder in meinen Willen sich ergeben, oder sterben!" - eilte der betroffene Vogt davon, die Treppe hinunter ins Freie, als ob der böse Feind ihn gejagt habe. Und indem er sich den Angstschweiß von der Stirn trocknete, ging er mit sich zu Rate, wie er diesen Vorfall je schneller, je lieber, der edlen Burgfrau berichten könne. Aber Siegmund Gäßler erschien im Schloßhofe, befahl dem Vogt, der sich kaum vom Schrecken erholt, die Pferde zu satteln und ritt mit diesem und einigen Knappen hinaus auf die Jagd.

Die erste Stunde nach Mittag nahte heran. Nach langem Regenwetter ließ sich wieder einmal die freundliche Herbstsonne sehen, deren Strahlen in dem samtenen Spinnengewebe über den Stoppelfeldern sich spiegelten . Da wagte es Gräfin Ludmilla zum erstenmal, seitdem ihr treuer Gatte geschieden, in der stärkenden Natur sich zu ergehen. Sie ließ das Tor öffnen und. wandelte hinaus, die letzten Bergblümlein zum duftenden Sträußchen sich zu winden. Bald brannte die Sonne so heiß auf ihren Nacken, daß sie den Schatten eines Baumes suchte, um dort auszuruhen und in zärtlichen Gedanken der Pilgerfahrt des geliebten Wernher zu folgen, was sie so oft und gern tat, bis die Tränen tröstend über ihre Wangen flössen.

Da trat ein altes Weib zu ihr am Wacholderkrückenstabe. Es war die Wundertrude von Eichbühl. Die Gräfin fürchtete sich nicht; doch war sie seltsam überrascht. Aber die Alte grüßte sie freundlich mit den Worten: "Ihr habt geweint, edle Frau? Das seh' ich an der dunklen Röte Eurer Augen! Ich mag auch wohl die Ursache erraten! Graf Wernher ist nicht da! Gott möge Euch trösten! Ave Maria!"

Und ohne eine Antwort der Gräfin abzuwarten, fuhr sie nach einer Weile fort: "Ich habe dem kranken Meier von Mickhausen einen Heiltrank zugetragen. Und weil ich Schwabeck so nahe war, trieb es mich herüber, Euch zu grüßen. Auch bin ich - Ihr müßt es meinen grauen Haaren zugute halten - wohl ein wenig neugierig, zu wissen, wie sich der junge Schutzherr beträgt, dem die Frauen des Schlosses anvertraut worden. Man erzählt sich nicht recht viel Gutes von dem Ulmer Ritter. Und ich möcht' Euch warnen,, edlen Gemahls, des braven Burgherrn, wert und teuer - hütet Euch vor den Schmeicheleien des Siegmund Gäßler; sie könnten Euch leicht gefährlich werden!" "Du bist unverschämt, alte Trude!" entgegnete die Gräfin, warf einen Blick beleidigter Weiblichkeit auf die unwillkommene Störerin ihrer süßesten Gedanken, erhob sich vom Rasensitze und wollte sich eilig entfernen. Allein sie sah in diesem Augenblicke Tränen auf Gertruds schwarzen Augenwimpern und blieb wie festgebannt, den mannigfaltigen Ausdruck von Schmerz und Schwermut, von Ernst und Milde bewundernd, der mit einem Male in dem bräunlichen Gesichte der Alten zu erkennen war. Dann aber maß sie die gebückte Gestalt der sogenannten Hexe mit ernsthaften Blicken und sagte endlich: "Setzt das grämliche Weib vom Karrenberge so wenig Vertrauen in die Seelenkraft und Herzensreinheit der Burggräfin von Schwabeck, daß es glaubt, Ludmilla werde da schwach sein, wo der Ritter seine Pflicht vergäße? - Ich könnte Euch recht böse werden und gebieten, mein Schloß nie wieder zu betreten, wenn nicht die Schuld der Dankbarkeit für die guten Dienste, die Ihr dem Knappen Kuno geleistet, mir auf dem Herzen lastete. Doch ermahne ich Euch in allem Ernste, in Zukunft Euch eines jeden unziemlichen Wortes zu enthalten, das die Frau von Schwabeck zur heißen Schamröte des gerechten Unwillens reizen muß."

Die Alte vom Karrenberge ließ die Gräfin zu Ende reden und trocknete inzwischen, wohl sorgsam, daß die bräunlichen Wangenrunzeln nicht befeuchtet wurden, die stillen Tränen von den dunklen Wimpern. Hierauf reichte sie zur Versöhnung der erzürnten Frau den Zeigefinger der in den weiten Ärmelfalten tiefversteckten rechten Hand und beschwichtigte sie mit den zarten Worten: "Weil ich es Euch so herzlich gut gemeint, müßt Ihr mir nicht so arg böse sein, ehrenfeste Frau! Denn beim Marienbilde, das ich verborgen auf meinem Herzen trage, ich wollt Euch nicht beleidigen. Um Euch aber wieder aufzuheitern und meinen groben Fehler zu verbessern, will ich Euch eine Geschichte erzählen, deren Inhalt Ihr gern hören werdet. Die Sonne steht noch ziemlich hoch über den westlichen Tannenwäldern. Und ehe der Herbstnebel vom Tale herauf Euren zarten Körper mit fieberhaftem Froste befallen könnte, bin ich mit meiner Erzählung wohl schon zu Ende,"

Das brave Frauenvolk, so schnell es zu voreiliger Hitze in Wort und Tat zu reizen ist, kommt auch ebenso schnell wieder zur Versöhnung entgegen. So Ludmilla. Aus dem Gemische von Scherz und Ernst stahl sich ein freundlich Lächeln. Sie setzte sich und nickte auch dem Wunderweib zu, daß es sich neben ihr niederlasse. Trude aber kauerte sich zu ihren Füßen ins feuchte Herbstgras, steckte die Krücke neben sich so tief ins Moos, daß sie bequem den Oberleib daran lehnen konnte, strich die langen, ungeordneten Haare aus dem Gesicht und nachdem sie sich kurze Zeit einigen flüchtigen Gedanken hingegeben, während sie unwillkürlich mit der vertrockneten Puppe eines Herbstfalters spielte, fing sie endlich zu erzählen an:

"Es lebte einmal an einem kaiserlichen Hoflager ein alter, ehrwürdiger Mann; der war ein Meister in der edlen Arzneikunde, sowie er sich wohl verstand auf alle geheimen Künste und schönen Wissenschaften. Darum stand er auch bei dem Kaiser in hohem Ansehen; und dieser tat nichts ohne seinen guten Rat.

Der Mann hatte ein einzig Töchterlein. Das liebte er mit ungeteiltem Herzen, um so mehr, weil es das Abbild seines Weibes war, das ihm bald nach der Geburt des Kindes der grausame Tod entrissen. Lieb Töchterlein wurde sorgfältig großgezogen. Und der Vater erteilte ihm sogar Unterricht, wie es die Heilkräfte der Natur erkennen möge, Kräuter zu sammeln und den Kranken beizuspringen mit stärkenden Getränken. Denn der edle Menschenfreund meinte, an solcher Kenntnis trüge das Kind nicht schwer; und zur Zeit der Not könnte manchem bedrängten Mitbruder geholfen werden. Die Tochter gedieh an Geist und Körper und war lieblich anzusehen. Die Rose ihres achtzehnten Lebensjahres fing an, wahrhaft bezaubernd sich zu entfalten. Und der Vater hatte sein innig Wohlgefallen an der gutgeratenen Pflanze. Bei Hofe blieb die zarte Schönheit nicht unbeachtet. Und der Kaiser selbst freite für einen jungen, stattlichen Reitersmann, der in seiner Hofburg sich herangebildet, um die Tochter seines Leibarztes. Willst du? fragte der Vater das unerfahrene Mägdlein, und es sagte ja. Die Hochzeit wurde ritterlich gehalten. Das war ein Fest, wie keines mehr im Lande. Aber ach, du armes, betrogenes Kind, das du wähntest, in die Arme der Glückseligkeit zu eilen; an jenem Tage wurde deine Ruhe und dein süßer Friede zu Grabe getragen! Der Ritter zog mit der jungen Frau nach seiner Heimat an der Donau. Wohlgemut und froh verstrichen dem Weibchen die ersten Monde. Denn der Ritter blieb gern zu Hause am traulichen Kamin und erzählte manch schöne Geschichte, wenn die Rittersfrau den goldenen Faden am Rocken drehte. Aber bald trieb das heiße Verlangen nach der wilden Jagd den Gemahl von ihrer Seite. Anfangs kam er wohl noch zurück zur Heimat beim sinkenden Abendstrahl.

Allein am Ende hing er tagelang und Nächte hindurch der rohen Leidenschaft nach. Die Liebe zum treuen Weibe erlosch in seinem Herzen, und er trug wohl gar ein sündhaft Verlangen nach andern, sündhaften Gelüsten, wozu er bei Trunk und Spiel von bösen Gesellen verleitet wurde. Ach, wie jammerte das verlassene junge Weib! Wie flehte es zu Gott um die Umkehr ihres verirrten Gatten! Ja, wär' es möglich gewesen - blutige Tränen hätte es geweint! - Allein umsonst. Die Gattin ward ein Dorn in den Augen des Ritters, dem an Einförmigkeit des häuslichen Glückes ekelte und schon längst der verderbliche Wechsel nach der Sitte jenes Hofes, an dem er gebildet worden, durch die vergifteten Adern zuckte.

Unterdem war das gute Weib Mutter eines wunderherzigen Mägdleins geworden, und es freute sich des lieben Kindes, in dem festen Glauben, nun würden die Tage der Freude und des häuslichen Glückes auf ein neues beginnen. Doch die Arme hatte sich getäuscht. Der Ritter sah mit grausenhaftem Mißmut auf Weib und Kind. Er hatte in seinem wilden Wahne ein Söhnlein erwartet, das er zum treuen Genossen seiner wüsten Freuden außerhalb des stillen, heimatlichen Herdes erziehen wollte. Die Gattin war ihm jetzt verhaßt wie eine giftige Schlange und mit dem Blicke des Verderbens sah er auf sein eigen Kind. Drei Jahre dauerte dieses jammervolle Leben, während welcher Zeit, die dem tief betrübten Weibe wie eine schreckliche Ewigkeit vorkam, nur hie und da ein Blick auf das wohlgedeihende Mädchen die Unglückliche erheiterte. Da erst hatten Gram und unsäglicher Schmerz ihr höchstes Ziel erreicht. - Die Rittersfrau lustwandelte eines Tages an dem Ufer der Donau auf und nieder, während Schwinhilde, das Kind, unter den bunten Blumen des hohen Grases spielte. Das arme Weib hatte sich bald unter den Schatten einer Erle gesetzt, dort ihren langverhaltenen Tränen freien Lauf zu lassen. Unterdem war ein schwarzvermummter Mann in die Nähe des Mägdleins geschlichen. Zu spät sah das Weib, in schwermutsvolle Gedanken vertieft, den Schreckensmann. Dieser aber raffte das weinende Geschöpflein in seinen Arm empor und gräßlich lachend, das Angstgeschrei der Mutter aber verfluchend, jagte er mit der zarten Beute pfeilschnell davon und verschwand in den dichten Weidengesträuchen des nahen Wörthes. Die Rittersfrau sank ohnmächtig am Ufer nieder, wo sie stundenlang, nachdem sie sich wieder erholt, ohne Hilfe, verzweiflungsvoll die Hände zum Himmel rang.

Als der letzte Strahl der Sonne den Abend brachte, kam der Ritter dort vorbei. Er wollte von einer dreitägigen Jagd nach Hause eilen. Was ist gescheh'n, schrie er zornglühend der Gattin zu, daß du so spät am Tage hier verweilst? Und wo ist dein Töchterlein, treulose Mutter? - Zitternd und mit gebrochenen Worten brachte das unglückliche Weib hervor, was sich Furchtbares zugetragen. Da verfinsterte sich der Blick des Ritters zu einer Gewitterwolke; und indem er ein nasses Gewand aus seinem Wams zog, ballte er die Faust und schrie:

Elende, kennst du dies Kleidlein? Ich habe es aus den Wellen der Donau herausgezogen. Das Kind muß in dem Strome sein Grab gefunden haben. Du aber hast es sorglos sich selbst überlassen und bist so seine Mörderin geworden. Ist das die Muttertreue, mit der du so oft geprahlt? So zeigst du für dein Töchterlein die hochgepriesene Sorge, die dir bei Tage keine Ruhe, bei Nacht keinen Schlaf vergönnte? Nun ist die Larve von deinem Gesicht gefallen, du Heuchlerin! - Aber ich will den Tod des Kindes fürchterlich an dir rächen! Ich schwöre es beim Angesichte des Vollmondes, der dort aufsteigt! Wenn drei Tage verstrichen sind und das Kind ist mir nicht zurückgegeben, werd' ich dich hinausstoßen aus meinem Hause, dessen Schande du warst von der Stunde an, da du den ersten Fußtritt hineingesetzt! - So tobte der wilde Ritter und hörte nicht auf die Worte der totenblassen Gemahlin. Sie wollte erzählen; sie beteuerte ihre Unschuld, sie rief den Abendstern zum Zeugen, daß alles wahr, was sie zu ihrer Rechtfertigung sagen möchte - allein der grausame Ritter stieß sie unbarmherzig von seiner Seite. Ein Jagdgeselle mußte auf seinen Wink ihr den Mund verstopfen und sie barsch über Stumpf und Stein nach Hause schleppen, wo sie verschlossen wurde bei Wasser und Brot, bis die kurze Frist verstrichen. Und in der Mitternacht vor dem Anbruche des vierten Tages stand der wilde Rittersmann vor seinem Weibe, das keine Tränen mehr zu verweinen hatte und starr in sein gewitterschwarzes Angesicht blickte, das fürchterliche Urteil aus seinem Munde zu vernehmen. Weib, sprach der Böse, du lebst noch? So wenig hat der Kummer um das Mägdlein dir das Herz zerrissen? Das Kind ist hin! Wohlan, so büße deine Sünde! Fort von mir! Hinaus in den Sturm der Wälder! Wallfahrte nach Spanien, oder wohin du willst, deine Schuld zu sühnen; nur laß dich vor meinen Augen nicht mehr sehen! Bettle an den Hütten der armen Ziegenhirten dein Stücklein Brot; oder, was das beste wäre, folge deinem Töchterlein nach in den Schoß der Donau und grüße in der schwarzen Ewigkeit deinen Vater, der, wie ich vernommen, vor wenigen Monden dorthin gegangen! - So stieß der Ritter sein Weib von sich, das halbverzweifelnd seine Füße noch umklammerte und bei Gottes Barmherzigkeit ihn anflehte, nur einen Winkel in seinem Hause ihr zu vergönnen, bis die Klage um ihr geliebtes Kind den letzten Odem aus ihrer wunden Brust geholt hätte. Es war umsonst. Ein vermummter Reitersknecht riß die Unglückliche von den Füßen ihres Gemahls, der ihrer Bitten spottete, stieß sie hinaus in die schauerliche Nacht und führte sie, ehe der Morgen graute, weit von der Heimat über die Donau, bis das zum Tode ermattete Weib unter einer alten Eiche im wildverwachsenen Gehege niedersank und von dem todesähnlichen Schlummer einer Ohnmacht umfangen wurde." Hier schwieg das Wunderweib vom Eichbühl, nahm das Tüchlein aus dem schwarzen Mieder und trocknete sich ein paar leidensvolle Zähren aus den Augen, die Zeugen waren, welch großen Anteil sie an ihrer eigenen Erzählung genommen. Gräfin Ludmilla aber war erschüttert, daß sie lang nicht zu Worte kommen konnte. Eine ausdrucksvolle Blässe hatte sich auf ihren sonst so sanft geröteten Wangen ausgebreitet. Endlich sagte sie: "Sonderbares Weib! Ihr verspracht mir anfangs, etwas zu erzählen, das mich erheitern würde. Und nun entkam Euch eine Geschichte, bei deren schreckhaften Zügen das kalte Fieber mich befallen könnte. Warum habt Ihr mit so Furchtbarem mich unterhalten? - Da ich einmal so viel erfahren, möcht' ich das Ganze wissen und sei es noch so grausenhaft. Sagt mir geschwind, wie es dem verstoßenen Weibe noch ergangen und dann endlich möcht' ich die Namen dieser Person hören und wo die schreckliche Geschichte sich zugetragen."

Die Hexentrude schien überrascht von Ludmillas Fragen. Und-plötzlich war es, als ginge ein heißer Kampf in ihrem Innern vor. Sie sah mit wunderbarer Wehmut in das Auge der Gräfin und langte in krampfhaften Zuckungen nach ihrer Hand. Große Schweißtropfen glänzten auf ihrer braunen Stirn und sie fragte Ludmilla schnell entgegen: "Wollt Ihr's in allem Ernste wissen, edle Frau, und im Gefühle des Mitleids?" Aber in dem Augenblicke schien der Kampf vorüber zu sein. Sie heftete das Auge in den klaren Herbsthimmel über ihr; mit der rechten Hand schlug sie ein Kreuz über die Brust und sagte endlich: "Das sollt Ihr erfahren, wenn ich wieder komme! Seht, seht, ich habe fast zu lang verweilt bei Schwabeck. Und, du mein Gott, der kranke Meier von Mickhausen sehnt sich noch einmal nach einem Heiltränklein von meiner Hand. Auch will mir die dumpfige Herbstluft nicht recht gefallen. Dort seitwärts vom Walle gegen das Tal hin zieht die Sonne Wasser. - Das ist ein schlimmes Vorbedeuten. Ja, wahrhaftig, in der dunklen Tiefe des fernen Westen blitzt es gar. Weh, wenn sich in so später Jahreszeit ein Gewitter erheben sollte. Drum ist es daran, daß ich Euch verlasse, edle Frau! Lebt wohl und denkt nicht mehr an das, was ich Euch erzählte. Ihr möchtet sonst in den einsamen Nächten, deren viele noch Euer warten, von bösen Träumen gequält werden. Lebt wohl!" Die Alte verneigte sich vor der Gräfin und ging. Plötzlich aber kehrte sie wieder um und kam noch einmal zurück. Ludmilla war neugierig, was das Weib begehren könnte. Dieses aber langte einen großen Schlüssel aus seinem Mieder und sagte: "Als ich den kranken Knappen Kuno auf Schwabeck besuchte, fand ich im Schloßhofe diesen Dietrich. Er war fast ganz verzehrt vom Rost und es wohl nicht der Mühe wert, daß ich lang mein Auge auf ihn heftete. Aber es kam mir damals zu Sinne, als ob eine höhere Fügung ihn mir zugeschickt. Ich steckte ihn zu mir und ein Hammergeselle von Nettershausen hat ihn recht ordentliche zugefeilt, daß er fast für einen neuen gelten könnte. Nehmt diesen Schlüssel, liebwerte Frau, und bewahrt ihn bei Euch. Das Wunderweib vom Eichbühl gibt nichts ohne Bedeutung. Eine höhere Fügung hat mich ihn finden lassen. Wer weiß, ob er Euch nicht einmal in irgend einer unangenehmen Lage willkommen sein könnte. - Aber schaut gen Westen! Wie schwarz, wie schauerlich! Das wird ein arges Gewitter! Gott wolle uns alle segnen! Ave Maria!"

Nachdem sie dies gesagt, stieg sie schon den Schloßberg hinab mit einer Eile, die der staunenden Gräfin, die ihr lang nachschaute, sonderbar vorkam. Diese aber steckte unwillkürlich den Schlüssel, der in ihren Händen geblieben war, zu sich und wandelte gedankenvoll dem Schlosse zu.

Siebentes Kapitel

Das Gewitter auf Schwabeck

Unten am Fuße des Berges begegnete Gertrud dem Ritter Gäßler, der von der Jagd nach Hause ritt. Er hatte in irgend einer Schenke zugesprochen und mit Wein und Minne sich so erhitzt, daß er das glühende Herz und die heiße Stirn im schnellsten Trabe auf dem stolzen Rappen abkühlen wollte. Darum sprengte er das Roß bergan so heftig, wie man sonst kaum auf ebener Straße reitet. Auch fürchtete sich sein böses Gewissen vor dem Gewitter, das immer höher und höher stieg. So wäre es fast geschehen, daß er die Alte zu Boden geritten. Noch eben recht erkannte er sie, riß den Rappen auf die Seite und schrie im glühenden Zorn: "Was tust du hier, behextes Weib? Muß mir die alte Trude überall in dem Wege stehen? Bei meiner Ritterehre, deine Gegenwart bringt Unglück auf Schwabeck in großer Menge und mancher Art!"

Aber Gertrud entgegnete mit fester Stimme: "Gemach, Herr Gäßler, ladet auf den Rücken der alten Hexe nicht ein Übel, dessen sie nicht schuldig weiß. Ich meine, das Unglück reitet soeben Schwabeck zu!" Der Ritter hörte die letzten Worte und wollte fluchend auf das Wunderweib den wiehernden Rappen einsprengen. Diese aber hatte sich pfeilschnell auf einen steilen Seitenweg hinaufgeschwungen, wohin der Ritter zu Roß nicht folgen konnte. Und er mußte sich begnügen, in wüsten Flüchen seine Rache abzukühlen, bis er den Schloßhof erreicht hatte.

Hier war alles still und öde. Ein schauerlicher Wind, der Vorbote des nahenden Gewitters, stöhnte geisterartig durch die grauen Mauern. Der Schloßvogt, der die Jagd mitgemacht, führte des Ritters Pferd und sein eigenes zur Abendfütterung in den gewölbten Stall. Dann zog er die Fallbrücke auf, verrammelte das Burgtor mit dem eisernen Kreuzriegel und schaute ängstlich nach dem dumpfen Wetter. Vom weiten Himmelsgewölbe hing ein pechschwarzes Gewölk, wie ein Trauermantel, herab über die Feste von Schwabeck; und gar unheimlich vermengte sich der Rauchwirbel, der vom Zauberherde des Schwarzkünstlers auf dem Wartturm durch ein Eisenrohr in die Höhe sprudelte, mit den grausenhaften Wolken. Der Schloßvogt bekreuzigte sich und ging, vom kalten Fieberfrost durchdrungen, in seine Stube, manch Stoßgebetlein summend in frommer Einfalt.

Siegmund Gäßler stand an der großen Pforte, durch die man einging, um über die Wendeltreppe in die Gemächer der Frauen zu gelangen. Unschlüssig, ob er tun sollte, wozu das wilde Feuer, das in seinen Adern brannte, ihn antrieb, kauerte er sich in einen Mauerwinkel und horchte auf das Gemurmel des fernen Donners, der seinem bösen Gewissen ein unheimliches Gefühl aufdrängte. Da schlich unvermerkt eine gebückte Mannesgestalt ihm nahe. Es war - der Fischveit von Costnitz. "Wie" rief Siegmund; "Ihr schon zurück von Eurer heiligen Wallfahrt?" - "Jawohl," entgegnete jener, "und habe herrlich ausgeführt, was unserm Plane die Krone auf das Haupt setzen muß, und bei der falschen Kutte, die ich nun von mir geworfen, ging alles vortrefflich gut. Ich begleitete den Grafen Wernher fast bis gen Straßburg. Auf dem Wege dahin stießen wir auf einen andern Haufen von Kreuzfahrern, die den edlen Herrn freundlich willkommen hießen. Sein Entschluß, die Reise ins Gelobte Land trotz jeden Hindernisses fortzusetzen, war nun in seiner Seele festgewurzelt. Da hatte ich nichts weiteres dabei zu tun. Ich stahl in der nächsten Nacht, als der Graf, müde vom Tagesritt, fest auf seinem Feldteppich schlief, diese Schärpe vom stählernen Panzer, wünschte ihm in aller Stille, damit er nicht erwachte, eine glückliche Reise und - floh davon. Hier habt Ihr die Schärpe, Ihr' könnt sie brauchen! Versteht mich wohl! - Nun aber will Veit Knall sich erquicken bei einem Humpen Wein! Dürft mir glauben, Herr Ritter, ich war dieser Tage so schnell zu Fuß, wie noch nie in meinem Leben. Denn traun, es war mir nicht ganz wohl bei der kecken Sache. Der kräftige Rheinwein wird mich bald wieder munter machen. Und einen gesunden Schlaf in dieser Nacht - dann rechnen wir morgen meinen verdienten Lohn aus, Herr Ritter! -Nun, gute Nacht!"

Veit Knall ließ die Schärpe in Siegmunds Händen und machte sich davon in die Torstube, wo er als wohlbekannter Fischhändler von Costnitz bewirtet wurde. Bald darauf aber trat der Schwarzkünstler Dampf zum Ritter, schaute ihm über die Schulter und lachte grausenhaft: "Wirklich! Ihr seid es doch! Aber wie steht Ihr da, Herr Ritter? Nicht wie einer, der zu freien geht. Nein, man möchte Euch lieber als einen kranken, ohnmächtigen Mann ins Spital tragen! Euer Gesicht ist wild und zerstört! - Bringt Euch in Ordnung, wie es einem jungen, schönen Bräutigam wohl ansteht! Dann will ich Euch den Weg zum Ziele Eurer heißen Wünsche zeigen! Jetzt oder nie, Herr Gäßler! Frau Ludmilla hat vor einigen Minuten den Ahnensaal betreten. Sie steht in Gedanken vertieft vor dem großen Bilde des Grafen Wernher. Die Tür ist halb geöffnet. Ein schwaches Lampenlicht ließ mich die schöne Gestalt erkennen! Kommt, säumt keinen Augenblick! Jede Minute ist Goldes wert! Spielt die Rolle gut, wie ich sie Euch gelehrt - und ehe der Morgengraut, ruht Ludmilla in Gäßlers Armen!"

"Meint Ihr dies?" fragte der Ritter Siegmund im Ungestüm wilder Leidenschaft. Und sich emporraffend, flüsterte er dem vorangetretenen, schwarzen Matthä zu: "Ich folge! Mein muß sie werden, die schöne Frau - oder ich will mit ihr untergehen."

"Mein!" wiedertönte es langsam und schauerlich durch den gewölbten Gang. Aus einem Gemache aber, an dem die bösen Männer vorüber wollten, säuselte ein angenehmer Gesang, wie der Ton einer Abendflöte. Gäßler stand und horchte. Sein Begleiter wußte Bescheid und sagte: "Fräulein Gisela lullt das Söhnlein der Gräfin in süßen Schlummer." Da vernahmen sie das Lied:

"Knäblein, sei recht lieb und brav,
gib dich hin dem sanften Schlaf!
Willst du wachsen und gedeihen,
muß der Schlummer dich recht freuen!
Söhnlein brav,
guten Schlaf!

Gott der Herr behüte dich,
seine Huld erbarme sich,
wolle altes Unglück wenden,
stets dir deinen Segen spenden!
Söhnlein brav,
guten Schlaf!

Und kommt einst der Vater heim,
trifft sein Knäblein brav und fein,
wird es küssen, wird es herzen,
auf dem Schoße mit ihm scherzen!
Söhnlein brav,
guten Schlaf!";

"Wer möchte bei so zartem, lieblichem Gesange nicht süß schlummern?" lachte der Schwarzkünstler und zog den Ritter, den das Lied der Unschuld sonderbar zu ergreifen schien, mit sich fort, vorüber an dem Gemache, dem Ahnensaale zu. Da standen sie still an der halbgeöffneten Pforte, durch die beim matten Lampenscheine aus der Tiefe des Saales die riesengroßen Ahnenbilder schaudererregend hervorblickten. "Glück auf!" flüsterte Matthä Dampf dem glühenden Gäßler in die Ohren, schob ihn leise zur Tür hinein und entfernte sich mit heimtückischem Gelächter. Der Ritter blieb auf einer und derselben Stelle, wie festgemauert, und schauderte zusammen, so oft der Blitz durch die hohen Fenstergewölbe leuchtete und der Donner polterte.

Ludmilla saß vor dem erhabenen Bilde ihres Gemahls und betrachtete es unverwandt in der stillen Dämmerung der Lampe. Den Rücken hatte sie der Tür zugekehrt und ahnte nicht, wie nahe der schreckliche Versucher stehe. Mehrmals trocknete sie die Tränen aus den Augen und begann endlich mit dem teuren Bilde ein Gespräch, worauf sie freilich zu ihrem größten Schmerze keine Antwort vernahm. "Wernher, mein geliebter Gatte, ach, warum hast du das Weib deines Herzens samt allem, was dir auf dieser Erde lieb und wert, so grausam verlassen? Oft kommt mir's vor wie ein schwerer Traum; und wenn ich erwachte, könnt' ich in deine Arme eilen, mich freuen an deiner teuren Brust! - Aber nein - bald geht die Täuschung an mir vorüber und es bleibt mir nichts, als der nagende Schmerz der Trennung. Auch quälen mich böse Ahnungen, als ob du zu kämpfen hättest mit riesengroßen Hindernissen, die deiner Wallfahrt ins Heilige Land sich entgegensetzten. Ja, selbst der Gedanke kommt mir bei, es könnte der unbarmherzige Tod dich hinwegraffen, ehe du dein Weib und all die Deinen noch einmal gesehen. Dann ist mir wieder, als wollte ein Unglück auf Schwabeck sieh ereignen. Und es fällt so schwer auf meine Brust, daß sie kaum mehr zu atmen vermag. Ach, Wernher, wenn du hier wärest, wie zufrieden würde Ludmilla sein! Wernher, teurer Wernher!"

Hier schwieg sie still. Ihre Tränen flossen reichlicher und der Blick ruhte zärtlich schmachtend auf dem Bilde ihres Gatten. Auf einmal erhob sie sich schnell. "Ist mir doch," sagte sie, "als hätt' ich mein Söhnlein weinen gehört, und Gisela versprach mir, das Knäblein in süßen Schlaf zu singen. Wie ängstlich ist das Mutterherz! Ich habe hier keine Ruhe mehr - ich muß mich überzeugen. Auch rückt das schwere Herbstgewitter heran und es ist gut, daß man sich versammle zu andächtigem Gebete."

Sie nahm die Lampe zur Hand und eilte zu der Tür. Hier stand Siegmund Gäßler, wildes Feuer im Blicke und auf den Wangen. Ludmilla erschrak anfangs. Doch faßte sie sich wieder, sah auf den Ritter mit einem Auge, aus dem ihn ein edler Unwille über sein ungebührliches Benehmen traf und wollte sich entfernen. Siegmund aber trat ihr in den Weg, verneigte sich und sprach gar seltsam lächelnd: "Ich werde Euch doch nicht gestört haben, edle Frau? Bleibt und hört, was Euch Ritter Gäßler heute noch erzählen möchte!"

"Ein anderes Mal, wenn es sich besser ziemt, Schutzherr von Schwabeck!" entgegnete blaß und zitternd die edle Gräfin und schickte sich an, die Tür zu öffnen - allein sie war fest verriegelt. Beinahe ohnmächtig vor Angst und gerechtem Zorne wankte sie in die Mitte des Saales zurück. Der Ritter aber folgte ihr auf den Fersen nach. "Müßt' schon bleiben, ehrenwerte Frau," flüsterte der Heuchler, indem er sich allmählich entlarvte: "Ich habe Euch eine Kunde zu bringen, deren Inhalt Ihr vor dem Bildnis Eures Gemahls am gelassensten vertragen könnt. Graf Wernher von Schwabeck und Balzhausen lebt nicht mehr. Auf einem steilen Pfade stürzte er mit dem Pferde und zerbrach einen Rückenwirbel. Im Hospitale zu Straßburg hat er das Zeitliche gesegnet!" "Ihr lügt, Gäßler!" fiel ihm Ludmilla schnell in die Rede und konnte sich kaum mehr aufrecht halten. "Der barmherzige Gott kann mir so etwas Fürchterliches nicht begegnen lassen."

Ohne darauf zu antworten, zog der Ritter die Schärpe langsam aus seinem Wams und reichte sie der Gräfin dar mit den Worten: "Kennt Ihr dieses Zeichen? Veit Knall von Costnitz, der von Straßburg kommt, hat es mit sich gebracht, samt dem letzten Gruß des Herrn Wernher an Gattin, Kind und Schwester, und mit dem Auftrage an Siegmund Gäßler für die Hinterbliebenen zu sorgen."

"Heiliger Gott!" rief Ludmilla, rang krampfhaft die Hände und sank am Bildnisse des Gatten ohnmächtig nieder. Der Ritter betrachtete die edle Frau, die selbst in diesem mitleiderregenden Zustande Spuren einer unvergleichlichen Schönheit an sich trug, teils mit dem Gefühle der Teilnahme und fast der Reue über den abscheulichen Betrug, mit dem er so Fürchterliches auf Schwabeck angerichtet, teils mit sündhafter Freude über die Hoffnung eines in seinem frevelnden Sinne glücklichen Erfolges der Unternehmungen, die ihn wider Vermuten schnell zum Besitze eines Kleinodes bringen sollten, wonach er die räuberische Hand ausgestreckt. - Und nachdem sich Ludmilla allmählich wieder zu erholen schien, nahte er mit erheuchelter Wehmut und stellte sich an, als trockne er blutige Zähren aus den Augen, indem er redete: "Nennt mich nicht weniger unglücklich, als Euch selbst, Frau Gräfin. Der nämliche Bote, der für Euch die Todeskunde überbracht, hat auch mich mit der Nachricht zu Boden geschmettert, mein Weib und Kind seien an den Ort des himmlischen Friedens hinübergewandelt." "Dann seid Ihr so schrecklich heimgesucht, wie ich!" entgegnete Ludmilla mit einer Ruhe, wie es Siegmund Gäßler kaum erwartet hatte. "Doch," fügte sie hinzu, "den Unglücklichen wird das Herz leichter, wenn sie in stiller Einsamkeit, ungesehen von jedem Zeugen, den bitteren Kummer verweinen können. Darum verlaßt mich, Herr Ritter!"

"Das kann Euch nimmer ernst sein, ehrenfeste Frau!" fiel Gäßler der Gräfin in die Rede und zog eine Furche stillen Zornes an die Stirn, während die Wangen kochten im verbotenen Feuer und das wilde Herz einer Entscheidung ob zum vermeintlichen Glücke oder zum Verderben rascher entgegenhämmerte. "Ihr seid jetzt zu sehr ergriffen," fuhr er fort, "und bedürft in dem Augenblicke, mehr als sonst, eines ritterlichen Beistandes!"

"So ruft Fräulein Gisela herbei, oder eine meiner diensttuenden Zofen!" erwiderte Ludmilla in gebietendem Tone. "Ist nicht nötig, wenn Ritter Siegmund Euch zur Seite steht," fiel Gäßler ein und trat einen Schritt näher. "Nehmt's nicht übel, liebwerte Frau, wenn ich Euch daran erinnere, daß Graf Wernher mich zum Schutzherrn von Schwabeck ernannt. Und der Auftrag an mich vor seinem Tode? Ach ja, die Trauer Eures Herzens macht das Gedächtnis schwach. So lauteten Graf Wernhers letzte Worte: Siegmund Gäßler soll für die Hinterbliebenen sorgen!"

Ludmilla schien wenig oder gar nicht der Rede des bösen Ritters geachtet zu haben. Sie kniete vor dem Bildnis ihres Gatten, halb gelehnt an die marmorne Platte des Tisches, auf dem die Öllampe knisterte, deren schwaches totenblasses Flämmchen des edlen Wernhers Sterbelicht zu sein schien. - Das Hochgewitter lag jetzt schwer und dumpfig über Schwabeck. Blitz an Blitz durchzuckte die Mitternacht der Wolken und der Donner rollte durch das Himmelsgewölbe so fürchterlich, als müßte er ein Todesbeben hervorlocken aus dem Schoß der Erde. Die Gräfin starrte halb bewußtlos dahin und ihren blassen Lippen entwanden sich die gebrochenen Worte:

"Ahnung, grauenvolle Ahnung in Ludmillas Geiste, du hast mich nun erfüllt in deiner ganzen Schreckbarkeit! Wernher tot, in einem Lande, wo nicht einmal der süße Trost ihm lächelte, daß ihm die letzte Ehre der Bestattung werde von den Zurückgebliebenen. Wernher tot und hier kniet die verlassene Witwe. Sie möchte mit ihren Tränen dieses Bild befeuchten, daß ein neuer Keim des Lebens sich daraus entwickle, wie aus dem Fruchtkorn, das in der Erde starrt, bis der warme Tau des schönen Mai es erweckt. Mit ihrem Hauche möchte sie dieser leblosen Gestalt eine Seele geben, Wernhers Seele, des geliebten, edlen Wernher! - Aber umsonst, umsonst! - Der Sturm des Unglücks, schrecklicher als das Gewitter, das am Firmamente wütet, ist hereingebrochen, und was ihm Frohes, Freundliches und Liebes begegnete, das hat der Unbarmherzige abgeknickt und mit sich fortgerissen in den Abgrund eines unendlichen Elendes. - Wie ist mir doch? Wo bin ich? Immer noch nicht vermag ich zu fassen, was Grausenhaftes mir begegnet. Bin ich allein? Hier unter diesen riesenhaften Gestalten meiner Ahnen! Gott, wer steht da? Bist du der Sturm des Unglücks, der du von Straßburg hierher menschliche Gestalt angenommen? Suchst ein freundlich Willkomm in Schwabeck? Oh ja, bist gar süß gegrüßt, du Schrecklicher! Zerbrich dies schwache Weib! Es ist rühmlicher für dich, als einen Mann verderben! Unglück, ich eile in deine Arme! Sieh' hier hast du mich! - Allgerechter Gott, es ist Siegmund Gäßler! - Und doch, wie froh bin ich, daß Ihr hier seid, Herr Ritter! Mir ist recht sonderbar zumute! Ich zittere vor mir selbst, vor Euch! Ich soll Euch fliehen - und dennoch muß ich Euch bitten um Schutz für mich, für Gisela, für mein Kind! So hat es Wernher verlangt. Sein letzter Wille aber ist mir heilig. Kommt, Ritter Gäßler, ich biet' Euch meinen Arm! Führt mich zum Bettlein, wo mein Ulrich schlummert! Sein süßer Odem ist mein einziger Trost in dieser schreckensvollen Stunde. Schau' ich die Unschuld des Söhnleins - dann wird mir wohl und es fließen die Tränen freier und erquickender!" Ludmilla wankte an Gäßlers Arm. In der linken Hand trug sie die kleine Lampe. Der Ritter aber stand fest. Sein funkelndes Auge warf er frech auf die blasse Gräfin. Er trotzte der Entscheidung entgegen. "Liebwerte Frau," sprach er langsam und mit stolzem Nachdrucke, "noch ein Auftrag vom Grafen Wernher! Hört! Ihr sollt das Söhnlein nicht Waise lassen! Siegmund Gäßler soll Ulrich's Vater werden!" Das Schrecklichste war heraus. Der Blitz zuckte in dem Augenblicke aus der schwarzen Nacht. Der Donner rollte. Ludmilla lag mit einem Schrei des Entsetzens zu des Ritters Füßen. Die Lampe war ihrer Hand entfallen und nur ein schwaches Fünklein glimmte am Boden. Um so schneller und grausiger schwärmte das Wetterleuchten um die Burg und wollte nicht weiter ziehen. Gäßler strebte in wildem Feuer, die Gräfin in seine Arme emporzuheben.

Aber sie stand, ehe er sich's versah, mit einer Kraft vor ihm, in die die Unschuld ihrer Seele und die Liebe zu Wernher mit einem Male ihre Schwächlichkeit umgetauscht. "Gäßler," sprach sie mit Bestimmtheit und klarer Stimme, "wenn Ihr in jedem Worte, das bisher über Eure Lippen kam, die Wahrheit gesprochen, wiewohl Ihr nun eher als einen verderblichen Heuchler vor meinen Augen Euch entwickelt, so ist doch Eure letzte Rede eine entsetzliche Lüge, mit der Ihr das ganze Vertrauen, das Graf Wernher und seine jetzt unglückliche Ludmilla in Euch gesetzt, grausenhaft vernichtet. - Verlaßt augenblicklich dieses Schloß! Nur Eure plötzliche Entfernung kann mich vielleicht die Unverschämtheit vergessen machen, mit der Ihr der Burgfrau auf Schwabeck, geborenen Markgräfin von Österreich, frech und zügellos begegnet seid. Nehmt meinen guten Rate mit Euch, Herr Ritter! Suchet die einsame Zelle eines entlegenen Klosters! Weint dort und büßt durch viele Jahre, bis Ihr endlich den gerechten Zorn des Himmels gesühnt habt! Mein Mitleid mit Eurem zerrütteten Geisteszustände, wie mit der Schwachheit Eures Herzens, die Euch bereits zur Gedankensünde verleitet, gibt Euch die Versicherung mit auf den Wege, daß Gräfin Ludmilla für Euch beten wird! Nun gehet, es möchte Euch nicht so gut bekommen, wenn ich meine Reisigen rufen müßte!"

Anfangs starrte Ritter Gäßler sprachlos auf das edle Weib. Denn die Wahrheit ihrer Rede hatte sich tief ins Mark seiner Seele eingegraben. Allein zu der Leidenschaft einer verbotenen Neigung gesellte sich nun die Flamme des beleidigten Stolzes und brannte so grausenhaft, bis sie endlich den Raum seines zerrütteten Herzens allein eingenommen hatte.

Jetzt erhob er ein fürchterliches Gelächter und brach in die Worte des Spottes aus: "Sachte, Frau Burggräfin von Schwabeck! Das Söhnlein im fernen Gemache möchte erwachen, oder die wenigen Knechte, die Euch Herr Wernher zurückgelassen, könnten herbeieilen - dann sind wir verraten. Nun aber," setzte er mit furchtbarer Stimme hinzu, "erkläre ich der Frau Markgräfin von Österreich, daß es Ritter Siegmunds unabänderlicher Wille ist, sie zur Gemahlin zu nehmen. Ihr habt nur eine Viertelstunde Bedenkzeit, Ludmilla, die Ihr nach Belieben vor dem Bildnisse Eures Wernher zubringen dürft, um aus seinen Blicken zu lesen, daß ich die Wahrheit geredet! - So Ihr aber unnützen Lärm machen wollt im Schlosse, fürchtet diesen Dolch, dem nach dem süßen Blute Eures Herzens gelüstet, wenn es nicht für den Ritter Gäßler schlägt! - Oh schöne Ludmilla, lieblichste Zierde der schwäbischen Ritterfrauen, welch ein unbeschreibliches Glück, welch kostbare Freude, Euch besitzen zu können! Seht mich hier zu Euren Füßen! - Schon auf dem Turniere zu Augsburg, wo ich Euch zum erstenmal gesehen, brannte mein Herz für Euch! Aber das Ziel, Euch zu erreichen, lag in unendlicher Ferne. Nun ist es wunderbar nahe gerückt! Ein Wort von Euren süßen Lippen, ein sanfter Blick aus Euren seelenvollen Augen - und Ihr seid mein - mein ist das schönste Weib der Erde. - Aber, weh Euch, wenn ich das Wort der Verschmähung hören muß aus Eurem Munde! Weh, Siegmund Gäßler rächt sich fürchterlich an einem Weibe, das undankbar und stolz seine Hand von sich gestoßen! - Nun tret' ich zurück! Geht mit Euch zu Rate, edle Frau! Ihr steht zwischen Tod und Verderben! Seid vernünftig und wählt das erstere!"

Hier breitete sich eine Todesstille aus im Ahnensaale nur vom Zischen des Blitzes, nur vom Gepolter des Donners unterbrochen. Durch das Gewölbe des weiten Schloßganges aber tönte ängstlich Giselas Stimme, die die Burgfrau beim Namen rief und sie aufforderte, ins stille Frauengemach zurückzukehren.

Da fuhr Ludmilla wie aus einem schrecklichen Traume empor, und wollte der bekannten Stimme folgen. Allein sie ward. sich alsbald des marternden Zustandes bewußt, in dem sie sich befinden mußte; und in ihrer fürchterlichen Angst und Hilflosigkeit betrat sie den Weg der Milde. Ja, sie kniete sogar als eine Bittende vor dem verwegenen Räuber ihrer Selbstheit, der seine Heuchelei solang zurückgehalten, bis endlich der Augenblick erschien, wo er ungestört und unaufgehalten entweder zum Ziele seines eingebildeten Glückes emporsteigen, oder die ihm widerstrebende Burgfrau mit einem Schlag in den tiefsten Abgrund des Verderbens niederschmettern konnte. "Ritter Gäßler," jammerte die edle Frau, rang flehend die Hände und suchte mit ihren Tränen das rauhe Herz des Wüstlings zu rühren; "wenn Ihr je würdig ward des Vertrauens, das mein Herr Gemahl in Euch gesetzt; würdig der Achtung, die ich gegen den Schutzherrn dieses Schlosses hegte; wenn Ihr in Liebe gedenkt Eurer Edeltrude und ihres Töchterleins, die beide jetzt aus den Wohnungen des Jenseits herniedersehen und durch geisterhafte Tränen Euer Gewissen rühren würden, wenn sie könnten; wenn Ihr Euch des stillen, häuslichen Glücks erinnert, das ich mit Wernher auf dieser Burg erlebt, woran Ihr stets so herzlichen Anteil zu nehmen schienet; und endlich, wenn Ihr die Stimme, die in dem verstocktesten Menschen spricht, die Stimme Eures Innern, die Wächterin über Eure Taten, vernehmen wollt, die Stimme, die den folternden Gedanken in Euch weckt: Wie wird es mir einst ergehen am Tage des Gerichtes, wenn ich die Unschuld verfolgt, wenn ich die Redlichkeit verstoßen, die Wahrheit getötet habe? - Siegmund Gäßler, oh, so bitte und beschwöre ich Euch. bei der Allgegenwart Gottes, der meiner Seelenangst diesen frevelhaften Schwur verzeihen wollte, laßt ab von Eurem sündhaften Verlangen! Gehet in Euch, noch ist es Zeit! Fürchtet den Blitz, der Euch zermalmen, den Donner, der Euch zerschmettern könnte! - Ich aber gelobe Euch, daß kein menschliches Wesen ein Wort je davon erfahren soll, was sich in dieser fürchterlichen Stunde zugetragen. Wir wollen scheiden in gastfreundlichem Frieden. Ich überhäufe Euch mit Schätzen aller Art; was Euch gefällt von meinen Gütern, soll Euer sein. Nur laßt mich, Ritter, laßt mich allein auf Schwabeck! Bei allen Heiligen, stoßt meine gerechte Bitte nicht grausam von Euch! Ich habe den zärtlichsten Gemahl, den bravsten Mann verloren und will zwischen diesen grauen, altertümlichen Mauern den unersetzlichen Verlust jahrelang beklagen! - Tut ein Gleiches, Gäßler! Sucht die Grabstätten Eurer Lieben, die die Tränen Eures Andenkens wohl verdienen! Und unter den Trauerweiden der kühlen Gräber bekennt dem Schatten Eures Weibes in Buße und Reue, wie weit das Verderbnis Eures schwachen Herzens vom rechten Wege Euch abgeleitet. Und der seelige Geist wird Euch großmütig vergeben, so wie ich Euch verziehen habe."

Erschöpft sank Ludmilla am Boden zusammen. Aber dem wilden Gäßler gefiel es nicht, ihrer Bitte Gehör zu geben. Im Gegenteil ward er nur erbitterter. Finster zog er die Stirn zu einer großen Furche zusammen und entgegnete kurz und kalt: "Es wird mir zu lang, Frau Gräfin und ich eile, Euch den Wahn zu nehmen, als dürftet Ihr spielen mit Ritter Gäßlers Willen!" Er zog ein Fläschchen hervor aus seinem Wams und fuhr fort: "Seht hier ein Schlaftränklein von Matthä Dampf! Es ist für Euch bestimmt, ehrwerte Frau, so Ihr beharrt in Eurer krankhaften Weigerung! - Ich könnte Euch auch mit dem Dolche eines ins Herz versetzen! Allein Blut macht Verdacht, den Ritter Siegmund zu vermeiden weiß! Dies Tränklein bringt Euch gar leicht und fromm hinüber ins Reich der Toten und die Frau Burggräfin muß an einer Ohnmacht gestorben sein! - Nun schnell! Entscheidet! Es gibt keinen Ausweg zwischen der Hand Siegmund Gäßlers und dem Tode!"

Dieser grausenhaften Rede folgte ein Augenblick der todesähnlichsten Ruhe. Selbst das Gewitter schwieg in dieser entscheidenden Sekunde. Kein Blitz, kein Donner, kein Regenstrom, kein Geheul des Sturmes. Aber pechschwarz und racheschnaubend lag die Nacht auf Schwabeck. Durch diese ahnungsschwere Stille tönte noch einmal Giselas Angstgeschrei nach Ludmilla. Diese aber erhob sich nach einem kurzen, seelenvollen Gebete vom Boden, nahm das Fläschchen aus des Ritters Hand und sprach mit zitternder, doch gefaßter Stimme:

"Ich habe gewählt! Gott im Himmel, Vater der Waisen, du wirst sorgen für mein Söhnlein, für Wernher's Schwester! Allbarmherziger, du wirst dich meiner erbarmen im letzten Augenblicke! Geist meines Wernher, eile mir entgegen! Dein Weib hat dir die zugeschworene Treue rein bewahrt bis zum Tode! - So sei es, in Gottes Namen!"

Und sie wollte das Fläschchen an die Lippen setzen. In diesem Augenblicke fuhr ein zackiger Blitz aus dem schwarzen Gewölk herab durch den Ahnensaal. Ein schrecklicher Donner folgte ohne Säumnis und zerschmetterte die Dachung des Schlosses, daß die Balken krachten. Ein fürchterlicher Sturm heulte durch den Schloßhof und ein dichter Schwefeldampf hatte die Luft verpestet. Der Feuerlärm aus dem Hifthorne des Turmwächters, der in seiner hohen Stube nicht mehr verweilen konnte und den die Angst die Wendeltreppe herab durch den gewölbten Gang ins Freie jagte, sowie das Jammergeschrei der Reisigen im Burghofe verriet seltsam, was vorgefallen. Gäßler eilte, vom Gewitterschlag fast betäubt aus dem Saale, um sich von dem Hergange zu überzeugen und schloß die Tür hinter sich zu.

Ludmilla war nun auf einen Augenblick allein. Sie lag auf ihren Knien; die Arme hatte sie weit ausgebreitet und schrie zum Gott der Gerechtigkeit und Gnade um Hilfe in dieser fürchterlichen Not. - Horch, da zischt es im fernen Winkel des Ahnensaales! Ludmilla wendet den Blick dahin. Welche Entdeckung! Der Blitz hat entzündet. Lichterloh brennen die Rahmen der alten Bilder und selbst die hölzernen Gemälde. Die Flamme greift immer weiter und weiter und schon hat sie Wernhers Bidlnis erreicht. Ludmilla's Lebensgeister erheben sich noch einmal. Die Sehnsucht nach Rettung kehrt mit all ihrer Kraft in ihr Herz zurück. Sie eilt zur Tür - und findet sie verschlossen. Sie wankt unter die großen Fenstergewölbe und schaut in die Gewitternacht hinaus, hinab in die Tiefe, in den Abgrund des Schloßgrabens; es ist unmöglich, durch einen Sprung sich zu retten.

Da kniet sie ruhig und gefaßt in die Mitte des Saales und betet: "Heiliger Gott, ob du mich aus der Hand des Verderbers errettet, so willst du doch, daß das Feuer, das du aus deinen Höhen gesandt, mich verzehre! Ich nehme den Tod aus deiner väterlichen Hand mit kindlicher Ergebung an. Hebe sie gnädig empor zu dir, deine schwergeprüfte Tochter!" In diesem Augenblicke stürzte Wernhers Bild halb verbrannt von dem Nagel, an dem es befestigt war. Lud-milla fuhr zusammen und blickte angstvoll nach dem Orte, woher das Geräusch gekommen. Aber neues Erstaunen ergriff ihre ganze Seele. Eine verschlossene, eiserne Tür war durch den Sturz des Bildes sichtbar geworden. "Wie?" dachte sie mit einem flehenden Blick zum Himmel, "wenn ich dort meine Rettung fände! Hier ist der Schlüssel, den mir Gertrud vom Karrenberg erst vor wenigen Stunden gegeben! Gott stärke meine schwache Kraft! Ich will's versuchen!"

Über die Glut des herabgesunkenen Bildes hinweg stieg sie auf einem Stuhle hinan, daß sie mit Mühe den Schlüssel anstecken konnte. Es gelang ihr - die Tür sprang nach innen auf und sie klomm mit einer Eile, so sehr es die Ermattung ihres Körpers gestattete, auf die Schwelle. Von da aber sah sie hinab in eine Ungewisse Finsternis. Nur die Flammen vom Ahnensaale, deren Widerschein sich einzeln in die geöffnete Wölbung stahlen, beleuchteten ein starkes Seil,- das über Ludmilla's Haupte an einem eisernen Ringe befestigt war und sich in die schwarze Tiefe hinab erstreckte.

Zwischen Hoffnung und Furcht, Schmerz und Tod vor sich sehend, kniete die arme Burgfrau in einem angstvollen Gebete auf der Schwelle der Tür, die in ein unterirdisches Gewölbe führen mußte - da knarrte die große Pforte des Ahnensaales auf und Ritter Gäßler, der Wilde, stürzte herein, zu sehen, ob Ludmilla vom Gifttrank getötet liege, oder ob er die köstliche Beute lebend von der Stätte des grausenhaften Brandes fortschleppen könne. Er warf den stummen Blick umher - und erkannte kein menschliches Wesen, keine weibliche Todeshülle. "Ludmilla!" schrie er endlich mit fürchterlicher Stimme, da er sie, einem seligen Geiste gleich, rings von Flammen verleuchtet in ihrem scheeigen Nachtgewande über der Schwelle des eisernen Türgerüstes knien sah. "Ludmilla!" wiederholte er in gräßlicher Weise und flog hinan, sie in seine Arme zurückzureißen. Aber Ludmilla war hinabgesunken in die rätselhafte Finsternis des Gewölbes und die Flammen schlugen, wie feurige Wächter, dichter und lichterloher um den Eingang, daß der Ritter betäubt zurückwich und in wilder Verzweiflung hinausstürzte aus dem Saale. Schrecken und ein plötzlich in seiner zerrütteten Seele auftauchendes Reuegefühl, das aber sogleich wieder durch einen abscheulichen Rachefluch niedergedrückt wurde, jagte ihn durch den Schloßgang der Wendeltreppe zu. Da bannte ihn auf einmal das klägliche Wimmern eines Kindes fest an der Stelle, wo nachbarlich das Wohnzimmer der Gräfin sich befand. Die Tür war halb geöffnet. Die teuflische Ahnung, hier zu finden, was seine Rache sättigen könnte, trieb ihn hinein. Er stand vor der Wiege des kleinen Ulrich, der über dem Bettlein kniete und unter Tränen die Händlein faltend betete: "Vater unser, der du bist im Himmel!" - Scheußlich lachend antwortete der wilde Ritter: "Erlöse uns von dem Übel!" riß das Knäblein empor, klammerte es zwischen seine derben Arme und eilte davon, den Weg ins Freie zu gewinnen.

Auf der Mitte der Wendeltreppe begegnete ihm Gisela mit fliegenden Haaren und zerstörtem Blicke. Sie wollte an ihm vorbei. Da sie aber den Knaben sah, zog durch ihr blasses Gesicht ein heiteres Lächeln. "Dank, Ritter, Dank!" rief sie. "Ich Unglückliche habe in der Angst des Söhnleins vergessen, da ich im ganzen weiten Schlosse umher nach Ludmilla jammerte. Noch hab' ich sie nicht entdeckt. Im Burghofe wird sie nicht gesehen. Sie muß hoch in einem der Gemächer sein. Heiliger Gott, was wird mit ihr werden! Ritter, gebt mir den Knaben und rettet sie!" Gäßler aber stieß die jammernde Gisela auf die Seite und eilte mit dem Knaben die Wendeltreppe hinab. Das blasse Mädchen nahm all ihre weibliche Kraft zusammen, stieg hinan, wankte durch die schauerlich erhellten Schloßgänge und rief nach Ludmilla, daß ihr Angstgeschrei bis in den Schloßhof widertönte. Aber man sah Gisela nicht wiederkehren aus dem brennenden Gebäude. Inzwischen schlich Siegmund Gäßler, das Knäblein auf dem Arme, durch die großen Lindenbäume des Burghofes und erreichte ungesehen die Fallbrücke. Hier stand Gertrud vom Karrenberg. Der Ritter schauderte zusammen. Sie aber sah ihm fest ins Auge und warf ihm die Frage vor: "Wohin mit dem Knaben?"

"Du schon wieder hier, schwarzer Unglücksrabe?" entgegnete der Ritter und ward blaß wie eine Leiche. "Was fragst du mich, altes Weib? Deinem Hexensinne ist wohl nichts verborgen! Ludmilla, die unter dem Schutte der Burg ihr wüstes Grab gefunden, hat Ritter Gäßler's Hand verschmäht. So will ich Rache nehmen an ihrem Knäblein, indem ich ihn langsam zu Tode quäle, auf daß der mir verhaßte Stamm von Schwabeck vertilgt sei von der Erde."

Er wollte vorbei an der Hexe. Diese aber riß ihm pfeilschnell den Knaben aus den Armen und stieß ihn im nämlichen Augenblicke über die Brücke in den tiefen Graben, "Elender!" rief sie ihm nach mit einer gewaltigen Donnerstimme. "Hier hat deine Verruchtheit ihr strafbares Ziel erreicht. Schau' empor! Sünder, du sollst den Geist deiner verstoßenen Gattin sehen! Diese Erscheinung diene dir zum Leben oder zum Tode!" Die Hexe beschrieb mit dem Krückenstabe einen Kreis durch die Luft, fuhr mit einem taubefeuchteten Tuche über ihr Angesicht und ließ den grauen Mantel von ihren Schultern fallen. In dem Augenblicke stürzte die Dachung des Schlosses zusammen und das hochlodernde Feuer beleuchtete die rätselhafte Gestalt über der Brücke.. Im tiefen Graben aber seufzte und stöhnte der Ritter, als er die Stimme vernahm: "Siegmund, Siegmund, dein verstoßenes Weib ermahnt dich zum letztenmal! Bitte den Allbarmherzigen um ein gutes Sterbstündlein! Oder wenn du wieder leben solltest, bereue, büße und bessere dich!" Jetzt hüllte sich Gertrud wieder in ihren Mantel, den sie auch um das Knäblein auf ihren Armen wickelte, sah noch einmal laut schluchzend auf das brennende Schwabeck und auf die schauerlich beleuchteten Gestalten im Burghofe, die dem Brande nicht zu wehren wußten, eilte dann, so schnell sie es vermochte, den Schloßberg hinab, indem sie das weinende Kind mit süßen Worten stillte und verschwand in dem alten Eichenwalde, über den das schwere Gewitter der verhängnisvollen Nacht bereits in die östliche Himmelsferne gezogen war.

Achtes Kapitel

Friede in der Zelle

Am Morgen nach dem schauerlichen Brande auf Schwabeck wehte herbstlich und kalt der Wind durch das seiner schönsten Zierde beraubte Erlental. Schauerlich wirbelten, wie entfesselte Burggeister, die grauen Rauchsäulen aus den schwarzen Ruinen in die düstere, nebelumflorte Höhe des Himmels. Lautlos und menschenleer trauerte die Gegend. Nur hie und da mäckerte eine Ziege, die am Abhang des Schloßhügels ihr spärliches Futter suchte. Und der Hirtenknabe, der, eingehüllt in eine wollene Decke, unter der großen Buche im Wiesengrunde saß, schaute gedankenlos in das zerstörte Wohngebäude eines altadligen, berühmten Rittergeschlechtes. Dohlen kreisten wild ächzend durch die Luft, vergebens die hundertjährige Turmspitze suchend, den gewohnten Aufenthalt ihrer zahlreichen Bruten.

Am Eingang in den tiefen, stundenlangen Eichenwald stand Simon, der alte Schloßvogt, müde und entkräftet hingelehnt auf seinen großen, knorrigen Wanderstab. Eine schwere Träne wollte sich der graubehaarten Wimper entwinden, als er emporblickte an die Stätte, die vierzig Jahre lang ein ruheseliges Obdach ihm verliehen Und endlich löste sich der Schmerz der Trennung in folgendem Selbstgespräch: "Traurige Wahrheit, wie siehst du so herzzerreißend von jener zerrütteten Höhe herab in das herbstliche, verwaiste Tal? Wahrheit, die du schon von so manchem weisen Manne der grauen Vorzeit ausgesprochen worden: Die Wege des Menschen sind nicht in seiner Gewalt. Einer kommt durch das Feuer um, ein anderer durchs Schwert, einer durch die Pest, ein anderer wird totgeschlagen. Das Leben des Menschen wandelt wie ein Schatten dahin - und eitel Nichts sind seine Werke! - Da liegst du nun, schöne Ritterburg, du stolzes Schwabeck, Ruhm der edlen Grafen und Zierde des stillen Tales und der bunten Wälder! Ein Steinhaufen bist du, auf dem übers Jahr Disteln sprossen und die gelbe Blüte des giftigen Schöllkrautes! Und am Ende wird man nichts mehr von dir finden, als höchstens ein Erinnerungszeichen in den Jahrbüchern der gelehrten Herren von Augsburg! Keine bekannte Seele hab' ich mehr getroffen, ausgestorben ist die Stätte, ein fürchterliches, ungeheures Grab! Liegt nicht die edle Gräfin Ludmilla unter dem Schutte? Und Gisela? Kein Mensch hat eine Spur entdeckt von den Bedauerungswürdigen! - Als ich beim frühesten Morgengrauen, wie ein mutloser Flüchtling, um die rauchenden Ruinen schlich, war es schreckenhaft still, daß es mir kalt rieselte durch Mark und Seele. Die etlichen Dienstleute im Schlosse waren schon in der gräßlich beleuchteten Nacht davon geflohen, ihre armselige Habe in die Hirtenhäuschen der Nachbarschaft zu retten. Da wagte ich es doch, mit dumpfer Stimme durch die Schwibbogen irgend ein ohnmächtiges Leben, das vielleicht unter den Quadern halbverschüttet lag, zum Bewußtsein zurückzurufen. Allein es kam mir kein Laut entgegen, als das schauerliche Echo meiner eigenen Stimme. Ich hörte nichts von Ritter Gäßler, den ich im Schloßhofe zum letztenmal gesehen; nichts von dem verschmitzten Fischveit und seinem vertrauten Schwarzkünstler. Wer in der Nacht, aufgeschreckt durch den eintönigen Schlag der Sturmglocken, aus den Dörfern gekommen war, zu helfen und zu retten - der hatte sich, die Unmöglichkeit beizuspringen einsehend, schon längst wieder davongemacht, die Unglücklichen, die das herbe Schicksal traf, der Gnade des Allbarmherzigen anempfehlend.

Was wollt' ich allein noch länger an der Stätte der Verwüstung und des Jammers? Öde Burg auf jenem Hügel, lebewohl! Der alte Simon hat seinen Ruheplatz in dir verloren und ist gezwungen, nach dem Heimatfrieden von vierzig Jahren, den er dort oben genossen, die zitternden Füße hinauszusetzen ins unbekannte Land, an den Türen fremder Häuser, vielleicht oft unter den Flüchen hartherziger Menschen, sein Brot zu betteln. Doch nein, es fällt mir ein, daß ich Verwandte habe am Bodensee. Zu diesen will ich gehen, und so sie den alten Schloßvogt von Schwabeck erkennen, werd' ich sie mit herzlicher Freude segnen bis zum Grabe. Noch einmal dann, lebewohl, du Stätte des Unglücks und ihr alle, die ihr unter den Trümmern begraben liegt, schlummert sanft und süß, bis einst die Stimme des allmächtigen Erweckers tönt! - Der Hirt, der nach Jahren seine Ziegen weidet über euren Gebeinen, singe auch ein tröstliches Grablied und erzähle seinen Enkeln unter den bewachsenen Ruinen der Burg von der ehrenfesten Vergangenheit des gräflichen Heldengeschlechtes Schwabeck! - Wenn ich aber einmal noch in meinem Leben diesen Hügel besteigen sollte, so geschehe es zu frommem Frieden und glückseliger Freude!"

Nach diesem traurigen Selbstgespräche wandte er dem Schloßhügel den Rücken und trat auf einem laubbestreuten, kotigen Hohlweg in den Eichenwald. So schnell es seine alten Füße vermochten, wankte er an dem Wanderstabe vorwärts, den Ausgang des schaurigen Gehölzes eher zu erreichen, als die Herbstsonne, die ihr Antlitz den Tälern so bald entzöge, in den Schoß des frostigen Abends sich anheim legen würde. Von seinen Lippen zitterte ein frommes Reisegebet. Und wenn hie und da durch die Lücke einzelstehender Eichen der nebeldichte Herbsthimmel hindurch schaute, konnte er nicht umhin, immer wieder das tränenfeuchte Auge hinanzuwenden, wo die Rauchwolken, wie aus einem gährenden Vulkan, die Herolde des Schreckens und Unglückes, über die Waldung höher, bald tiefer, hinüberwanderten. Eine Stunde war er rastlos fortgegangen - da stand er plötzlich still. Es war ihm, als hörte er den kläglichen Seufzer einer weiblichen Stimme. Er sah um sich und gewahrte erst jetzt, hier seitwärts im dichten Dornengebüsche sei die Stelle, an der er schon oft mit seinem Herrn und Grafen geständen - der verborgene Ausgang aus einem unterirdischen Gewölbe, das im großen Ahnensaale auf Schwabeck hinter dem Bildnisse des Schloßherrn beginne und hier unter gewaltigen Felsenstücken und Buchengehegen ins Freie sich ende. Ein seltsames Gefühl freudiger Ahnung durchbebte ihn - er eilte fürbaß hinan und sah - gerechter Gott! - die Gräfin Ludmilla, totenblaß in schwerem Schlafe, über der Schwelle der geöffneten Eisenpforte des Gewölbes liegen.

Festgebannt starrte er bei diesem überraschenden Anblicke an die Erde und rang im Gemenge von Mitleid und Freude die zitternden Hände. Mit einem Schrei des Entsetzens wollte er die Gebieterin erwecken. Aber sie verzog soeben die blassen Lippen im Traume zu den wehmütigen Worten: "Wernher! Teurer Wernher! Armer Ulrich! Arme Gisela! Arme Ludmilla! Schrecklicher Gäßler!"

Und ehrerbietig und in Gedanken vertieft, trat der alte Simon zurück und ließ die edle Gräfin in den Armen des Schlafes. "Denn," sagte er, "es ist besser, daß sie auf eine Stunde den Klagen des Traumes gehöre, als sogleich die ganze Last ihres furchtbaren Unglückes erkenne und fühle. Barmherziger Gott, sende ihr durch diesen Schlummer einen tröstenden Engel, der sie ausrüste mit Geisteskraft und stiller Ergebung in deinen göttlichen Willen!" Hierauf las er dürre Tannenreiser zusammen, errichtete in der Nähe einen kleinen Stoß, entlockte dem Feuerstein und Brennschwamm, welche Werkzeuge er immer bei sich trug, den knisternden Funken - und bald loderte die zischende Flamme, damit die Gräfin im leichten Nachtgewande beim Erwachen sogleich die erkalteten Glieder an der behaglichen Wärme der Kohlenglut erfrischen möge. Dann setzte er sich in einiger Entfernung nieder und sann hin und her über die Rätsel der verwichenen Nacht, vorzüglich, wie die edle Burgfrau hierhergekommen.

Ungefähr nach Verfluß einer halben Stunde bewegte sich Ludmilla - öffnete die müden Augenlider und sandte den Blick rückwärts in das schaurige Gewölbe, durch das sie hergekommen, dann hinaus in die Dämmerung des Waldes, wo sie keinen Ausweg vor sich hatte. Endlich flog das Auge über die zackigen Eichenäste, von denen das braune Herbstlaub niederrollte, hinauf in den hohen Himmel; und von den blassen Lippen lösten sich die vertrauensvollen Worte: "Du lebst noch, Allgerechter, du Vater deiner verlassenen, bis zum Tode betrübten Geschöpfe! Du wirst auch für mich einen Engel des Trostes haben! Oder doch einen Menschen wirst du mir schicken zu Rat und Hilfe, daß ich nicht verschmachte an dieser öden Stätte!"

Der alte Schloßvogt trat leise heran und flüsterte der Betenden zu: "Seid ruhig, edle Frau! Der Gott der Güte hat Euch schon einen Menschen geschickt! Ihr sollt nicht verschmachten! Seht hier den treuen Simon!" "Du hier? Du alter, lieber Mann!" rief die Gräfin und ein Lächeln der Freude, das erste nach so vielen in Angst und Schrecken durchlebten Stunden, stahl sich aus ihrem schmerzlich verstalteten Munde. Im Augenblicke aber kamen ihr die schauerlichen Ereignisse der Nacht zu Sinnen und sie fragte mit rascher Stimme, als ob sie die Verneinung ihrer Frage zu erwarten wünsche: "Redet, Schloßvogt, ist es denn wirklich so geschehen? Der Brand um Mitternacht? Die Bosheit des wilden Ritters? Ist es wahr? Oder hat mich der böse Geist eines Nachtwandlers ergriffen? Ach, meine Sinne sind mir zerrüttet - und meine Seele glaubt nur an Träume!"

"Leider Wirklichkeit, edle Frau!" entgegnete der Burgvogt und blickte wehmütig zur Gebieterin nieder. "Was ich Euch zu sagen weiß, ist kurz und schauerlich. Das Gewitter entlud sich über Schwabeck. Der Blitz fiel nieder und entzündete das Schloß. Verwüstet liegt es jetzt und öde. Aber wie? Spracht Ihr nicht eben von der Bosheit des wilden Ritters? Ihr scheint wohl mehr zu wissen?"

Die Gräfin überging absichtlich, wie es schien, und von andern Gefühlen und Ahnungen getrieben, die vorschnelle Frage des alten Simon und forschte hastig dagegen, indem sie sich voll heißer Erwartung von der Schwelle des Gewölbes erheben wollte: "Wo ist Gisela? Wo ist mein Kind? Sie sind doch beide gerettet?" Traurig stand der Schloßvogt, verbarg mit zitternden Händen sein Angesicht, um die große Träne auf der eingefallenen Wange zu verdecken und wollte lang nicht reden. Ludmilla blickte zu ihm auf mit dem vollsten Ausdrucke des unsäglichsten Schmerzes, der bittersten Ahnung eines geschehenen Unglücks. Endlich sagte sie:

"Ihr habt mir nichts gutes zu verkünden, Alter, das weiß ich wohl! Doch redet immerhin. Ich bin in diesen schauerlichen Stunden schwerer Prüfungen auf jede Trübsal gefaßt! Ach, welch manchem Unheil wird' ich von nun an noch entgegensehen müssen!" Da dachte Simon in seinem schlichten Sinne: "Lieber jetzt auf einmal ein ganzer Tränenstrom des Kummers und Herzeleids aus den schönen Augen der schwergeprüften Burgfrau herausgelockt, als täglich und stündlich mit neuen Schreckenskunden das einmal zerrissene und wieder vernarbte Herz aufzureißen. So sei es in Gottes Namen!" - Und er berichtete der aufmerksamen, schluchzenden Ludmilla: "Gestern abends, einige Stunden vor dem entsetzlichen Brande, sah ich im Schloßhofe beisammen stehen den geheimnisvollen Schwarzkünstler Matthä Dampf, dem der gnädige Graf Wernher vor seiner Abreise allzu freigiebig eine Herberge im Schlosse angewiesen und den zweideutigen Fischveit von Costnitz, der schon manches Unheil unter den friedlichen Menschen angestiftet. Sie pflogen miteinander unter Fluchen und Verwünschungen, wie ich aus den Gebärden ersah, eine geheimnisvolle Unterredung, nach der Matthä Dampf in Hinterhalt trat, als Siegmund Gäßler nahte. Der Veit besprach sich mit diesem geraume Zeit und ging endlich in die Torstube, in wilder Freude sich erlustigend bei Spiel und Wein. Endlich kam der schwarze Matthä wieder hervor aus seinem Versteck und eilte mit dem Ritter in das Schloß. - Ich hatte fest im Sinne, Euch aufzusuchen und die sonderbare Zusammenkunft anzuzeigen. Allein da fiel mir schwer aufs Herz, wie Ritter Gäßler alle Schloßbewohner bei Euch verdächtigte, daß ich also nichts ausrichten und nur seine Rache auf mich wälzen würde. - Ich bekreuzigte mich in stiller Andacht, vertraute dem lieben Gott unser aller Schicksal und wollte vorsichtig abwarten, was die Zukunft brächte. Da hat der Allmächtige sich dareingemengt mit der Schickung des grausenhaften Unglücks. Das Gewitter der schreckensvollen Nacht zündete, Schwabeck stand in gräßlichen Flammen. Heulend liefen wir durcheinander und schrien nach den teuren Wesen, die das Schloß bewohnten. Ich stieg die Wendeltreppe hinauf, so schnell es meine zitternden Füße erlaubten. Die andern folgten mir. Wir suchten und riefen: Wo ist Gräfin Ludmilla und ihr Kind? Wo ist Gisela? - Aber der Qualm des Brandes und stinkender Schwefeldampf trieben uns betäubend zurück in den Schloßhof. Da sahen wir händeringend das Fräulein Gisela, jammernd nach der edlen Schwägerin und ihrem Söhnlein. Sie eilte noch einmal in das Schloß zurück über die Wendeltreppe - und kam nimmer wieder. Gleich darauf erschien Gäßler, fluchend und wild empört. Sein Gesicht war verzerrt, wie das eines Bösewichts. Der weinende Ulrich lag festumklammert auf seinen starken Armen und hohnlachend eilte der Wilde aus dem Tore, das Freie suchend. Zum Allmächtigen betend standen wir in der gräßlich beleuchteten Ferne. Endlich verließen auch die Reisigen die schaudervolle Stätte, ihre wenigen Habseligkeiten rettend und suchten Heil in schneller Flucht. - Frühmorgens durchschlich ich, wie ein Geächteter, die rauchenden Ruinen. Es herrschte eine Totenstille. Matthä Dampf und der Fischveit waren nirgends mehr zu sehen. Müde und weinend und in der Gewißheit, die gräflichen Bewohner samt den verschmitzten Männern seien von den Trümmern verschüttet, ergriff ich den Wanderstab. - Euch aber hat Gott gerettet, edle Frau! So möge der Herr der ewigen Erbarmung auch fürder Euch geleiten!"

In stummem Nachdenken hatte Ludmilla der Erzählung des Schloßvogts zugehört. Nun aber erhob sie sich von der eisernen Schwelle. Ihr Schmerz über den Verlust der geliebten Wesen war betäubt durch die plötzliche Enthüllung feindseliger Ränke eines Mannes, der ihr zum Schutzherrn war gegeben worden. "Nun ist's mir klar," rief sie und rang die Hände, "ich habe einen Unmenschen beherbergt in meiner Burg. Das Schreckliche, das ich in den Stunden der Nacht vor dem Gewitterbrande erfahren, im Einklang mit Eurer grauenhaften Erzählung, alter Simon, verbreitet ein Licht in meiner Seele, das verzehrender wirkt, als die gräßlichen Flammen auf Schwabeck. - Doch soll der entbehrende Vorfall nie über meine Lippen kommen und ein marterndes Geheimnis bleiben, das schnell zehrte und nage an meiner Lebenskraft, daß ich bald, recht bald vereinigt werde mit meinem Herrn und Gemahl, dort über dem Grabe, wo die selige Belohnung meiner harrt für die vertrauensvoll überstandene schwere Prüfungszeit dieser irdischen Tage." Und ein Strom von Tränen entquoll den müden Augen der unglücklichen Ludmilla. Aber der Schloßvogt sah sie betroffen an und fragt:

"Wie soll ich Eure Rede verstehen? Graf Wernher tot?" "Du sagst es," entgegnete die Gräfin und zog die Schärpe, die sie vor kurzem dem Scheidenden gegeben, aus den Falten ihres Nachtgewandes. "Graf Wernher tot - und seine Gattin eine vom Unglück Geächtete! Gisela begraben unter dem Schutte der Burg - das Knäblein Ulrich, der Sprosse des alten, edlen Geschlechtes, in den Händen seines Feindes, der in Rachgier und Mordlust es zu Tode würgen wird, um als gewaltiger Räuber der Herr seiner Güter zu werden. Ich durchschaue in diesem Augenblicke, wie noch nie, den ganzen fürchterlichen Plan! - Barmherziger Gott, alle Hoffnung ist verloren!" Der alte Simon sank in seine Knie und blickte flehend zum Himmel. Ludmilla starrte gedankenlos in jene Gegend, über die vor kurzem der graue Turm von Schwabeck majestätisch hinwegschaute. Es herrschte geraume Zeit eine schwermutvolle Stille.

"Was nun anfangen?" Mit dieser bangen Frage weckte der Schloßvogt die arme Gräfin aus ihrem inneren Leiden. Und sie erwiderte mit einem Lächeln, aus dem zugleich tiefer Kummer und tröstliche Geistesruhe blickten:

"Auf den Herrn vertrauen, der seine menschlichen Geschöpfe nicht verläßt, wenn sie kindlich und glaubensvoll sich ihm in die Vaterarme werfen!" - Dann fuhr sie fort: "Soll ich zurückkehren? Hilfe suchen auf irgend einer nachbarlichen Ritterburg? So werd' ich mich neuerdings der Verfolgung des Mannes aussetzen, der mir Reinheit und Frauenwürde rauben wollte, und weil er es nicht vermochte, mich nun ohne Kind und Schwägerin hinausstieß in das wüste Elend, und alles, was mein ist, in verwegener Rachgier seine gerechte Beute nennen wird. Eines nur bleibt mir jetzt noch übrig - die stille Zelle irgend eines Frauenklosters.

Dort will ich beten für mein armes, verlassenes Knäblein; beten, daß der Herr es eher zu sich hole, als in den Armen des wilden Ritters unter Fluch und Schande erwachsen lasse; beten will ich dort um eine freudenvolle Auferstehung für Wernher und Gisela; beten für mich um Trost und Ergebung bis zu einem seligen Ende; beten - oh Allbarmherziger, gib mir die Kraft, beten selbst für den, der all dies schreckliche Unheil über Schwabeck verhängt, für die Seele meines Feindes, daß sie sich bekehre und nicht verloren gehe!"

Nach dieser Rede sank die Gräfin erschöpft zur Erde nieder. Der Burgvogt aber faßte sie ehrerbietig und gelinde unter den Armen und führte die von Kälte, Schwäche und Ermattung Zitternde zur belebenden Glut, die seitwärts unter den zugelegten, dürren Reisern knisterte. - Hier kam Ludmilla wieder zu sich, nahm einige Erquickungen aus der Reisetasche des Burgvogts und fuhr fort: "Alter, treuer Simon, den mir der liebe Gott auch in dieser Stunde der Trübsal gnädiglich zugesandt, Eure unglückliche Gebieterin flehet zu Euch um die Erfüllung des letzten Dienstes. Ich habe schon oft gehört, an der Sankt Mangkirche in Sankt Gallen seien gar viele niedliche Klausen und Zellen angebaut, darinnen, gottgeweihte Mädchen und schwergeprüfte Frauen, die der Welt den Scheidebrief gegeben, ein stilles, klösterliches Leben führen. Dorthin geht meine Sehnsucht, mein einzig Verlangen. Unter Eurem Schutz wird das wehrlose, schwache Weib sein irdisches Ziel erreichen. Führet mich dahin, Simon, eingedenk der Wohltaten, die Graf Wernher Euch verliehen und hoffend auf den Lohn, den der liebe Gott dem verheißen, der sich mildtätig annimmt einer verlassenen, trost- und hilfelosen Witwe."

Der Schloßvogt bot schluchzend der flehenden Gräfin die Hand und erwiderte: "So ich vergessen würde, daß ich Euer Diener bin, möge mich der Allmächtige strafen. Das herbe Unglück einer guten Herrschaft entbindet mich nie und nimmer meiner Pflichten. Ich stehe zu Eurem Willen und Gebote und danke dem lieben Gott, daß er meine alten Füße hierher geleitet." Nun bereitete er ein kärgliches Mahl, und nach Verlauf einer Stunde schickten sich die Gräfin und ihr Führer unter Anrufung des göttlichen Schutzes zur Wanderung an. Die Herbstsonne hatte den Sieg davongetragen über den Hochnebel, der um die Gipfel der Eichen und Tannen dampfte und sandte ihre milden Strahlen hernieder, die Glieder der Pilger zu erwärmen und ihr Antlitz und ihre Seele zu erheitern, soviel es in solch trauriger Lage geschehen konnte.

Schon wollte Ludmilla gefaßt und ruhig weiterziehen, da kam ihr noch einmal das Unglück ihres geliebten Söhnleins zu Sinnen - und ein gewaltiger Kampf fesselte sie abermal an die Stelle. Es war ihr im Augenblicke, als könnte, als dürfte sie nicht von dannen, als müßte sie den wilden Gäßler aufsuchen, das Kind von ihm erbetteln, oder von dem Dolch' des Feindes durchbohrt, mit ihrem teuren Unterpfande verbluten. "Ist er nicht ein Mensch?" rief sie begeistert mitten in ihrem Schmerze. "Hat ihm nicht der ewige Schöpfer ein Herz gegeben mit Empfindung und Gefühl? Und sollte denn dieses Herz durch, die Masse ruchloser Taten so sehr versteinert worden sein, daß es der blutigen Tränen einer verzweiflungsvollen Mutter nicht mehr zu achten vermag? Ich will ihm nacheilen, dem pflichtvergessenen Ritter! Wo er sich auch verbergen mag - zu seinen Füßen soll er mich kriechen sehen wie eine Bettlerin! Alles, Hab und Gut, will ich ihm lassen zum Eigentum, und mit herzzerreißender Bitte nichts von ihm zurückfordern, als mein Kind, mein einziges armes Kind!"

Allein, da sie kaum den heldenhaften Plan gefaßt, schauderte sie zusammen. Denn sie gedachte dessen, was im Ahnensaale zwischen ihr und Gäßler vorgefallen. "Nein," rief sie, und ein neuer Tränenstrom benetzte ihr blasses Wangenpaar, "nein, ich kann, ich darf nicht! Der Weg zu ihm ist der Schlangenpfad in das Grauen der Versuchung! Nicht Hab und Gut, nein, meine Ehre wird er fordern für die Zurückgabe, des Söhnleins. Und was ich ihm verweigere, wird der Schändliche mit Gewalt erzwingen wollen. Ludmilla, in Gottes Namen! Wende dein Herz und deinen Blick nach der Friedensstätte in Sankt Gallen! - Du aber Wernhers seliger Geist, umschwebe deinen Knaben mit den Flügeln eines schützenden Engels, und bewahre ihn unschuldig und fromm zu unserer Wiedervereinigung!"

Jetzt kniete sie nieder und betete ein kurzes Gebet. Und aufs neue beruhigt und gestärkt erhob sie sich, nahm den Pilgerstab, den Simon aus dem Gesträuche des Ahorn ihr geschnitten - und wanderte mit dem alten, getreuen Geleitsmann von dannen. Es gab manche schwere Stunde und manch trüben Tag, bis endlich das Ziel der Ruhe, das ehrwürdige Kloster von Sankt Gallen mit seinen Ringmauern und grauen Türmen in der herbstlichen Abendbeleuchtung den Wandernden entgegenblickte. Ludmilla wurde in der Zelle einer alten Waldschwester freundlich aufgenommen und ihr Angesicht alsobald mit einem schwarzen Schleier verhüllt, der bis zu den Füßen niederfloß. Tags darauf nahm der alte Simon Abschied von der gräflichen Gebieterin, und fand diese schon gänzlich eingekleidet in das Gewand der lebensmüden Zellenfrauen. Er stellte sich, die Mütze unter dem Arme, wehmütig und schluchzend neben sie, da sie in der Reihe der ändern zum Frühgebete der Kirche zuwankte und fragte leise: "Habt Ihr, ehrwürdige Frau, dem ehemaligen Schloßvogt von Schwabeck nichts mehr zu gebieten?" - Da flüsterte Ludmilla - eine Träne feuchtete den Schleier - in abegrochenen Worten dem treuen Diener zu: "Simon, ich bitte Euch, noch einen Weg zu machen für die arme Klausnerin! Ich kann mein Söhnlein nicht vergessen! Vielleicht wird Euch eine Kunde von ihm zuteil! Ob er lebt; wie es ihm geht; oder ob die kalte Erde den zarten Leib schon aufgenommen! Wenn Ihr was wißt, eilet hierher, die betrübte Mutter zu trösten oder zu beruhigen! Auch wenn Ihr nichts wißt, kommt und besuchet mich! Es tut dem verwundeten Herz schon wohl, wenn es erfährt, daß ein treuer Mann sich Mühe gegeben, mit dem Balsam freundlicher Teilnahme es heilen zu wollen. Gehabt Euch wohl! Geht mit meinem Segen, im Andenken an meine stillen Tränen! Der barmherzige Gott geleite Euch!" Nachdem sie so gesprochen, stand sie in der Kirche, deren Pforte gleich darauf verschlossen ward. Aber der alte Burgvogt starrte noch lang an der Stelle, wo er Ludmilla zum letztenmal gesehen; und es ward ihm fast, als sei ein schwerer, langer Traum in den Begebenheiten dieser Tage an ihm vorübergegangen. Doch mußte er sich leider im nächsten Augenblicke immer wieder von der Wahrheit der schauerlichen Dinge überzeugen, und tröstete sich endlich mit den Worten: "Der Herr des Himmels, in dessen Hand wir stehen, wird's recht machen!" - Er betete draußen vor der Tür der Kirche, während innen der Gesang der Klausnerinnen dumpf und feierlich durch die bemalte Wölbung tönte. Endlich erhob er sich - der Gottesdienst ging zu Ende - und eingedenk der Mahnung seiner edlen Ge,bieterin verließ er die Hütten und Zellen der Waldschwestern am Kloster von Sankt Gallen.

Zweite Abteilung

Neuntes Kapitel

Die Familie auf dem Karrenberge

Vor ihrer mit Dornen und Hagenbuchen verwachsenen Hütte auf dem Karrenberge saß die alte Hexentrude und spann emsig den gelben Flachs vom Rocken, den sie vermittels einer hänfenen Schnur links um ihre Lende befestigt hatte. Sie warf von Zeit zu Zeit einen freundlichen Blick auf das Moosbett unter die junge Tanne, wohin sechs Stunden des Tages die milde Herbstsonne ihre erwärmenden Strahlen sandte.

Dort schlummerte der kleine Ulrich von Schwabeck. "Armer Knabe," hob sie leise an, und wischte sich eine Träne von der bräunlichen Wange, "wie gern hätt' ich dich deiner Mutter wieder zurückgegeben - allein die Fügung Gottes hat es anders gewollt. Gräfin Ludmilla ist verschwunden, man weiß nicht wohin? Und doch - besinn' ich mich recht? Huh, der wilde Ritter Gäßler, - doch still, arme Trude! Zerreiße dir nicht selbst dein krankes Herz so jämmerlich! - Auch Gisela hat man nicht wieder gesehen. Hundertmal schlich ich durch die halbverschütteten Ruinen des niedergebrannten Schwabeck. Die Leute flohen den Anblick der rätselhaften Trude unter den schauerlichen Bogengängen. Ich habe keine Spur von den weiblichen Bewohnern entdeckt - und niemand kann mir eine Kunde geben. Die frommen Seelen haben unter der Brandstätte ihr allzu frühes Grab gefunden und der Allbarmherzige, der den Blitzstrahl gesandt aus seinen Gewitterhöhen, möge ihnen gnädig sein. Ich aber will den Sprößling der edlen Grafen von Schwabeck auferziehen und bewahren für eine glückliche Zukunft. Das Knäblein sei mir Ersatz für den schrecklichen Verlust kaum verkosteter Mutterfreuden. Und Gott höre meinen kräftigen Vorsatz im Angesichte des reinen, blauen Himmels: Ich will den Knaben fromm und stark heranbilden zum schönen, wohlerfahrenen Ritter, damit er einst seinem alternden Vater, der im Gelobten Lande streitet, zu Schutz und Trutz diene in rühmlicher Heldenweise."

Bei diesen Worten erhob sie sich, pflückte das große Schellkraut, das sie neben ihrer Hütte als Heilmittel angepflanzt, und bestrich mit dem bräunlichen Safte desselben das Angesicht, und die Händchen des schlummernden Knaben. "Gott," seufzte sie, "möge mir einen leichten Betrug verzeihen, kraft dessen ich Erinnerung und Heimweh aus dem Kopfe und Herzen des Kindes verscheuchen muß, wenn ich es in mütterlichem Ansehen mit Ernst und Würde, mit Milde und herzlicher Liebe, großerziehen soll. Auch soll die braune Farbe des Pflanzensaftes das feine Gesicht unkenntlich machen, daß kein Mensch in der Gegend den Grafensohn erkenne!" Die Wirkung des Schlaftränkleins, das sie dem weinenden Knaben schon auf dem Wege nach dem Karrenberge gegeben, ging nun bald zu Ende. Das Söhnlein bewegte Händchen und Füßchen und fing an zu gähnen. Die Äuglein aber wollten sich noch nicht öffnen und zeigten krampfhaft das Weiße, obwohl die redseligen Lippen zu sprechen anfingen: "Wo bin ich denn, Mütterchen? - Vater unser! - Oh, das waren wilde, häßliche Gestalten! - Erlöse uns von dem Übel! - Freundliche Base Gisela, hast du's gesehen? - Himmelauf loderte das Feuer! Huh, es prasselte so schauerlich! - Da kam ein wilder Ritter, der klammerte mich fest. Und als ich schrie, hat mich eine alte Hexe angelacht! - Oh Gott, der du bist im Himmel! - Sieh', da ward's auf einmal so still und heiter um mich! - Ein Moosbettlein unter Blumen hieß mich brüderlich willkommen - und ich bin herzlich gern eingeschlafen!"

"Ulrich!" redete die alte Trude den jungen Träumer an und bückte sich lächelnd zu ihm nieder. Kaum aber, da er die Augen öffnete, bedeckte er das Gesicht mit beiden Händen und jammerte: "Oh weh, da steht sie schon wieder, die mich angelacht!" - Aber Gertrud streichelte ihm freundlich das blonde Lockenhaar: "Närrisches Kind, was fällt dir ein? Was gebärdest du dich so unnatürlich? Du hast einen langen, schweren Traum gehabt, das merk' ich wohl; denn du schwatztest viel von Base Gisela, von Mutter Ludmilla, vom Vater im Gelobten Lande, von einem schönen Ritterschlosse und des Albernen noch mehr! - Nun aber laß dies Zeug und sei bei dir! - Bin ich denn nicht deine Mutter, du lieber Ulrich?"

Da schaute der Knabe ihr ängstlich ins Gesicht. "Ja, wenn du's wärst," sagte er leise und fing an zu weinen, "dann wollt' ich dich recht herzlich gern umhalsen. Meinen Namen weißt du wohl! Wer hat dir meinen Namen gesagt, wunderliches Weiblein?" Die alte Trude sah nun ein, daß ihr List, dem Knaben jede Erinnerung an die Vergangenheit aus dem jungen Herzen zu verbannen, vergebens sei, und hielt für besser, von der Wirklichkeit nur so viel zu sagen, was er ertragen könnte. "Mutter Ludmilla und Base Gisela sind verreist," fing sie an und hob ihn besänftigend in ihre Arme, "du mußt aber nicht weinen, gutes Kind! Sie werden schon wieder kommen. Dann bringen sie lieb Vater mit und ein prächtiges Reitpferd für den kleinen Ulrich. Mutter läßt dich grüßen, herziges Söhnlein, und dir sagen, sollst recht folgsam sein der alten Trude."

Aber der Knabe hörte nicht auf zu weinen. "Mutter, Mutter!" jammerte er immer; "gute Alte, führe mich zu lieb Mütterlein!" - "Gib dich zufrieden, bis es geschehen kann," besänftigte ihn das Wunderweib. "Sieh', hier ist gut und schön zu wohnen! Die Blumen ringsum gehören dein! Die Vöglein auf den Bäumen hüpfen lustig und vertraulich daher und nippen das Futter aus deinen Händchen. Ich habe einen alten Kater in der Hütte; der soll dein vertraulicher Spießgeselle werden. Und ein zahmes Rehböcklein kommt täglich an das Fenster; dem sollst du eine Brotrinde reichen und es wird dir dankbar die rote, gesunde Wange lecken! - Oh, das sind schöne, herzige Freuden, lieber Ulrich; und immer sollst du ein neues Vergnügen haben, das deiner kindlichen Seele angemessen ist. Dafür aber magst du mich Pflegemutter heißen; denn ich will es ja sein von ganzem Herzen, bis du groß bist, recht groß, und einen schönen Schimmel reiten kannst und Waffen tragen, wie dein Vater im fremden Lande. Juhei, das wird eine Lust sein, wenn der schöne, ritterliche Knabe in blanker Rüstung glänzt und das Roß tummelt durch Tal und Wald, über Berg und Hügel. Da werden die Leute stehenbleiben und dich freundlich grüßen. Und tausend Glückwünsche mögen dich begleiten auf allen deinen Wegen. Die Väter der Nachbarschaft werden zu ihren Söhnen sagen: Seht das Muster kecker, kräftiger Jugend! Und die alte Trude wird stolz sein über das Lob, das ihrem Pflegesohne allenthalben zuteil wird. Darum sei munter, Lieber Ulrich! Und hast du das sechzehnte Jahr erreicht und bist ein tapferer, tadelfreier Knappe geworden, lasse ich dich zum Ritter schlagen auf dem Turniere zu Augsburg!"

Die Rede des Weibes gefiel dem Knaben gar nicht übel. Doch wollte er immer nicht Mutter und Base vergessen. Da suchte Gertrud seinen frommen Sinn zu beschäftigen und fuhr fort: "Du kannst ja ein schönes Gebet, mein Söhnlein! Dort auf dem Moosbett, da du so süß schlummertest, hat ein guter Traum dir zwei Worte entlockt: Vater unser!" - Und Ulrich, dessen Neigung zur Alten sich nun immer mehr und freundlicher entwickelte, hobdie Händlein in die Höhe und betete mit zarter Stimme: "Vater unser, der du bist im Himmel!" "So ist's recht, mein Kind!" entgegnete Gertrud und steichelte dessen Wange. "Der Allmächtige, der all dies, was du um dich siehst, geschaffen hat, die hohen Tannen hier auf dem Karrenberge, wie die kleinen, zarten Blümlein an der Erde, die gewaltigen Eichen drüben an der Felsenschlucht, wie die klare Quelle, die du aus geringer Entfernung rieseln hörst; der die Sonne des Tages geschaffen hat, und das Mondlicht und die Sterne der Mitternacht, der weit über allen Höhen und Welten seinen ewigen Thron aufgeschlagen, von dem er herniedersieht auf alle Geschöpfe, um sie zu leiten und zu lenken an seiner allmächtigen Hand - der ist dein Vater. Er sorgt für dich, wie für das Vöglein in den Gesträuchen, wie für die Blume des Feldes. Du darfst kindlich zu ihm aufschauen, zu ihm beten, alle deine Leiden, alle deine Freuden ihm aufrichtig ans Herz legen - und er wird dich nie verlassen für alle Tage deines Lebens."

Diese Rede machte einen lebhaft rührenden Eindruck in das weiche Herz des Knaben. Aufmerksam schaute er in das Angesicht der Alten, die ihm auf einmal nicht wie eine gespensterhafte Hexe, nein, fast lieber und freundlicher als Base Gisela, so zärtlich und fromm als die eigene Mutter, vorkam. Und indem er ihre magere, bräunliche Hand an seine Lippen drückte, fuhr er zu beten fort: "Geheiligt werde dein Name!"

Gertrud aber freute sich ungemein, auf diese andächtige Weise das Herz des Söhnleins zu gewinnen und erklärte weiter: "Wenn du das Gute tust, mein lieber Ulrich, und das Böse meidest; wenn von zarter Jugend an deine kindliche Lippe den Allerhöchsten, den Heiligsten stammelt; wenn du immer und allzeit, wo du weilest, wo du gehst und wandelst, am stillen häuslichen Herde, wie im Getümmel der Schlacht, unter den Waffenspielen deiner Genossen, wie am Altare in der ehrwürdigen Klosterkirche, nur dem Allmächtigen und immer nur ihm die Ehre gibst und allenthalben sein Lob und seinen Ruhm verkündest - so verherrlichst du den Namen deines ewigen Schöpfers, den du im Vertrauen auf seinen göttlichen Sohn, der aller Welt ihn geoffenbart, deinen himmlischen Vater nennen darfst. Und daß dies allzeit geschehe - darum flehest du also im kindlichen Gebeet!"

Die Worte des Wunderweibes entlockten dem aufmerksamen Blicke des Söhnleins ein paar stille, herzliche Tränen, Die Engel des Himmels kamen unsichtbar und faßten sie in eine goldene Schale, um sie emporzutragen zum Throne des Allmächtigen. Immer inniger und gerührter fuhr Ulrich im Gebete fort: "Dein Reich komme zu uns!" "Das Reich des Friedens und der Glückseligkeit!" sagte Gertrud und lächelte dem Knaben zu. Im Himmel gibt es keine Zwietracht und keine böse Lust. Dort wandelt die Tugend unsterblich unter den Engeln. Dort hat sich der lebendige Glaube an Gott den Herrn umgewandelt in ewige Anschauung; dort ist das Sehnen und Vertrauen himmlische Liebe geworden. Und "ewiger Friede" heißt das unaussprechliche Losungswort. Dieses Reich erflehest du im Gebete in dein Herz hinein, in die Herzen aller Menschen - und du tust recht, mein Söhnlein! Der Allbarmherzige möge deine kindliche Bitte recht väterlich erhören!"

Unaufgefordert redete Ulrich, den heiteren Blick am Himmel, im Bilde eines unschuldigen Engels, weiter: "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf der Erde! Gib uns heute unser tägliches Brot! Vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unsern Schuldigern! Führe uns nicht in Versuchung; sondern erlöse uns von dem Übel!"

Und Gertrud erklärte bis ans Ende: "Dort oben, wo die reinen Geister, zum Dienste des Allmächtigen bereit, vor seinem ewigen Throne knien, wird nur immer sein allweiser Wille vollzogen. - So soll es auch auf Erden sein, mein Kind! Und selbst dann, wenn dich die Nacht bitterer Leiden umdüstert, wenn Trübsal deine Lebenstage belastet; jetzt schon, Söhnlein, da du von Vater und Mutter und Base getrennt, deine Jugend verbringen mußt in dieser Einsamkeit, tröste dich mit dem vertrauensvollen Gedanken: So ist der Wille des himmlischen Vaters - er soll geschehen! - Denn es geschieht, was der Allbarmherzige tut, immer nur zum Besten seiner Kinder, die er bald freundlich lächelnd, bald prüfend und züchtigend, zum ewigen Heile führt. Aber nie und nimmer verläßt er die Menschen; er speist den Hungrigen, wenn er bittet; er tränkt den Durstigen, er kleidet den Nackten. Denn der die Blumen auf dem Felde in ihrem duftenden Sehmucke wachsen läßt, der den Sperling auf dem Dache nährt, wird er seiner Kinder vergessen? Jedem öffnet er das Füllhorn seiner Huld und Gnade. Er spendet Regen und Sonnenschein; er läßt die Wiesen grünen, die Bäume Früchte tragen, die Kornähren auf den Feldern reifen. Uns gibt er Brot und Erdbeeren, nahrhafte Schwämme und Ziegenkäse und Äpfel und Birnen wildwachsend in den Wäldern. Und die Quelle dort spendet uns auf sein Gebot täglich den frischen, gesunden Trunk. Drum wollen wir ihm auch, oh mein Kind, von Herzen dankbar sein und ihm unsere kindliche Ergebenheit, unsern Gehorsam besonders dadurch zeigen, daß wir ihn mit keiner Sünde beleidigen. Noch bist du wohl rein, du herziges Söhnlein, und lieb Vater im Himmel wird sein Wohlgefallen an dir haben. Allein, solltest du je einmal das Unglück haben, das größte, das dir begegnen kann, gegen den Allgütigen dich zu verfehlen, so weine ja sogleich reuevoll zu seinen Füßen, bekenne deine Schuld und zeige dadurch Früchte der Besserung, daß dein Herz rein bleibe von Haß und Groll, von boshaftem Neid wider deine Mitbrüder. Verzeihe einem jeden, der dir unrecht und weh getan, der dir schadenfroh Kreuz und Leiden bereitete. Und der Allbarmherzige wird deine tägliche Bitte erhören und auch dir verzeihen. Solang du aber auf dieser Erde wandelst, wird es nicht an Versuchungen fehlen, dich auf ein neues vom rechten Wege ab und zum Verderben hin zu lenken. Schnöde Lüste werden rechts und links an deinem Lebenspfade lauern wie giftige Schlangen, die buntfarbig das Auge ergötzen, Leib und Seele aber unheilbar verwunden. Doch der Allmächtige, wenn du in solcher Zeit der Not brünstig zu ihm flehest, wird dich erretten aus dem sündhaften Herzen, wird dich erretten von dem größten aller Übel, von der Sünde. - So, mein Söhnlein, so ist's recht! Du magst wohl vieles von dem, was die alte Trude gesprochen, nicht verstanden haben. Aber sei unbekümmert! Ich will's dir schon öfter sagen. Und bist du groß, dann verstehst du jedes der Worte und kannst frommen Nutzen ziehen daraus! - Dein Gebetlein aber hast du herzig schön gesprochen; es ist ein kostbares Erbgut, das Mutter Ludmilla und Base Gisela dir hinterlassen. Doch wir alle haben es geerbt von dem, der gekommen ist, die Welt zu erlösen. Gelobt sei Jesus Christus! - Und wenn du die Erklärungen und Ermahnungen der alten Trude nebenbei beherzigst, wird es dir wohl ergehen, liebes Knäblein, und wirst dereinst ein Rittersmann, keck und kühn und rechtschaffen in Gottes Namen; ein wahrer Held ohne Furcht und Tadel! Das gebe der Allbarmherzige! Ave Maria!"

Hierauf nahm sie den Knaben, der nun schon ganz zutraulich geworden war, an der Hand und führte ihn in die Hütte. Da rief sie den alten Kater und pfiff den Vöglein auf den Bäumen. Das Rehböcklein kam auch dahergesprungen; und das Ritterbüblein hatte seine Freude, daß es laut auflachte. "Hei ja, hei ja!." rief es, "das ist ja allerliebst!" und streute den Vöglein Futter und gab dem Reh eine Brotrinde; der Kater wußte aufzuwarten. Gertrud aber stand in der Stubenecke und sagte zu sich selbst: "Oh kindliche Einfalt, wie selig ist die Zeit deiner unmündigen Tage! Bei unschuldigem Spiel vergißt der Knabe das Unglück seiner Jugend und kann gar bald den Verlust der ihm entrissenen Eltern ertragen. - Mir aber, oh Gott der Huld, hast du eine Freude geschickt in diese trauervolle Einsamkeit. Wohl verwahrt will ich dir einst das Pfand zurückgeben, das deine Weisheit und Vaterliebe mir anvertraut."

So lebte diese Familie auf dem Karrenberge, die in einer vermeintlichen Hexe, einem Rittersöhnlein, aus zahmen, vierfüßigen Tieren und den munteren Vöglein der nachbarlichen Gesträuche bestand, beisammen in vertraulicher Friedlichkeit. Und der Knabe, wenn er auch hie und da die Vergangenheit auf Schwabeck unzusammenhängend in Erinnerung brachte, war gar bald durch Milde oder Ernst von Seiten der Pflegemutter zu beschwichtigen. Diese aber tat, was in ihren Kräften lag, den Körper, den Geist und das Herz des Pfleglings, den ihr offenbar die ewige Vorsicht zugesandt, heranzubilden, damit er einst vor aller Welt sich zeigen könne als ein würdiger Sprosse von Schwabecks edlen Ahnen.

Zehntes Kapitel

Reue und Umkehr

Von dem einsamen Dorfe Mickhausen, unweit der Feste Schwabeck, tönte die Friedhofglocke gar traurig und wehmütig durch den Nebel eines düsteren Herbstmorgens. "Was ist das?" fragte Siegmund Gäßler, der in einem entlegenen Hirtenhause krank daniederlag. Und Veit Knall von Costnitz, der den grämlichen Ritter pflegte, antwortete mit gedämpfter Stimme: "Die Leiche des Meiers von Mickhausen wird zu Grabe getragen. Der düsterumflorte Zug muß hier vorüber! Hört Ihr das Requiem des Pfäffleins und den Gesang der rabenschwarzen Träger?" Der Ritter stemmte sich, so gut es sein konnte, ans Fenstergesims und warf den matten Blick hinaus in die trübe Landschaft, das Bild der Vergänglichkeit und des Unbestandes alles Irdischen. Da summte der Grabgesang zu seinen Ohren:

"Wir tragen dich, du Erdenstaub,
zur kalten Grube ein!
Dort wirst du bald der Würmer Raub
und ihre Speise sein!
Gott gebe in der Brettertruh'
dir, arme Hülle, Trost und Ruh'!

Was hat der Mensch nach dieser Zeit,
von allem Gut und Glück?
Leer ist der Erde Lust und Freud',
und nur ein Augenblick.
Die Werke aber folgen nach -
und bringen Heil und bringen Ach!

Wer gut gelebt, dem geht es gut,
in jener ändern Welt;
Wer aber hinnen Böses tut,
ins höllisch' Feuer fällt!
Oh Herre Gott, bewahr' uns treu,
daß rechtlich unser Wandel sei!

Und gib dem Bruder, den wir hier,
heimtragen in die Gruft,
ein selig Örtlein wohl bei dir,
bis die Posaune ruft!
Dann führ' uns alle, klein und groß,
in Christi Jesu Bruderschoß!"

Und die Stimmen der alten Weiblein, die für die Seele des Verstorbenen den Rosenkranz herabmurmelten und das eintönige Klingklang der Grabglocke mischten sich gar sonderbar in dieses Trauerlied der Träger. Siegmund Gäßter sank ermatteter auf das Strohpolster zurück und ein tiefes Huh und Ach entzitterte seinen blassen Lippen. Der Fischveit schien die erschütternde Empfindung mit dem Ritter zu teilen. Denn. auch er stand ganz verblüfft und tief ergriffen von der Szene, die vorübergeschauert, neben dem harten, leidensvollen Krankenlager seines Sündengenossen. Es herrschte eine Totenstille in der Hütte, bis der Grabgesang verstummt und das Friedhofglöcklein verklungen.

"Nun hat das unbarmherzige Grab seine Beute kalt empfangen!" stotterte endlich Ritter Gäßler und rieb mit der mageren Hand die runzlige Stirn, als wollte er wegwischen die Erinnerung an all die Greuel, die er leichtsinnig und boshaft schon verübt. "Was meinst du, Fischveit?" fuhr er, den Costnitzer ängstlich fragend und verzweiflungsvoll lächelnd an, "wird die Totenruhe nicht bald auch diesen morschen Leib verschließen?" "Ritter, Ihr sprecht in Fieberglut!" erwiderte der Fischveit in einem Tone, der wohl verriet, daß er selbst von Gewissensangst gefoltert werde. Dann fragte er, um das Gespräch auf einen ändern Gegenstand zu leiten: "Soll ich Euch nicht erzählen, was sich beim Brande auf Sehwabeck zugetragen?"

"Das weiß ich besser als der Fischveit von Costnitz," entgegnete der Ritter. "Allein ich wollte doch, daß ich es nicht wüßte. Dann wäre mir das Herz nicht so schwer, wie ich es jetzt fühlen muß in den Tagen eisernen Krankheit. Weh mir, ich kann den Anblick nicht vergessen, da ich den Geist meiner verstoßenen Edeltrude sehen mußte. - Lichterloh brannte das Schloß, das Wehgeheul der Reisigen tönte durch die gräßlich beleuchtete Nacht. Ludmilla im Ahnensaale hatte sich hinabgestürzt in das prasselnde Flammenmeer; ich trage die Schuld an ihrem Tode. Gisela jammerte durch die Bogengänge nach der teuren Schwägerin; auch sie ist nicht wieder aus der Burg zurückgekehrt. Ich aber hatte das Ritterkind geraubt; es sollte die Rache sättigen meiner verschmähten Liebe. Schadenfroh und fluchend trug ich es durch den Burghof, das Freie zu suchen, das Kind langsam zu töten in höllischer Freude. Da stand die Hexentrude mitten auf der Brücke. Meine Füße zitterten. Ich hatte Furcht vor dem grausenhaften Gespenst - und doch wollt' ich an der Hexe vorübereilen. Sie aber riß mir den Knaben aus den Armen. Ein Stoß ihrer verzauberten Faust brachte mich aus dem Gleichgewicht - ich stürzte fluchend von der Brücke in den tiefen Graben. In dem Augenblicke brach die Dachung des Schlosses zusammen. Ich hob den Blick - oh schrecklich - fürchterlich Tod, warum hast du mich damals nicht zermalmt? - Ich sah den Geist und hörte die Stimme meiner verstoßenen Edeltrude. Ohnmächtig sank ich in den Sumpf und erwachte erst am Abend des ändern Tages, da mein Todesseufzen dir meinen Aufenthalt, mein Elend verriet."

"Ei wahrhaftig," fiel der Fischveit dem Ritter in das Wort, "kein ehrlicher Mensch hätte Euch in dem stinkenden Sumpf des Schloßgrabens gesucht. Und bei meiner armen Seele, Ihr dürft sattsam zufrieden sein, daß Ihr nur das rechte Bein gebrochen. Ihr hättet gar leicht auch das Rückgrat zerschmettern können - und dann gehabt Euch wohl für immer!" "Das dacht' ich mir schon oft während dieser Tage, da ich nicht von der Stelle kann," erwiderte der Ritter mit dumpfer Stimme und sah dem Wärter gar seltsam bewegt ins schwarze Auge. "Und so es geschah, was war' aus mir geworden? - Veit, Veit, der Meier von Mickhausen liegt auch begraben. Als ich noch vor kurzer Zeit den Forst durchjagte, war er in der Zahl der Schützen, so frisch und gesund wie der Hirsch, der im Nu über die Tannenschlucht hinübersetzte. Der Meier von Mickhausen liegt begraben!" Der Ritter schwieg. Der Fischveit gab keine Antwort. Und, in sich verworren, verband er die Wunde am rechten Beine des Kranken so fest, daß dieser zuckte und ihn ermahnte, fein, zart und leise mit dem schadhaften Teile umzugehen.

Endlich hob der Ritter wieder an: "Veit Knall, hast du das Lied der Leichenträger recht verstanden? Wer gut gelebt, dem geht es gut in jener ändern Welt; wer aber hinnen Böses tut, ins höllisch Feuer fällt! Wollen wir fortfahren in dieser sündhaften Lebensweise? Ich habe des Schauderhaften schon genug begangen! Der Leichenzug und das Lied der Träger haben mir alle meine Verbrechen in Erinnerung gebracht. Ich höre das Winseln meines lieben Töchterleins, das ich aus Haß wider seine Mutter durch dich rauben ließ, indem ich vorgab, es sei durch Leichtsinn und Unvorsichtigkeit der letzteren in den Wellen der Donau ertrunken. Ich sehe Edeltrude, die ich grausam von mir stieß, zu meinen Füßen verzweiflungsvoll die Hände ringen.

Schaudervoll! - Und dann - was ich auf Schwabeck gräßliches verübte! Wie weit mich die Leidenschaft verbotener Liebe hat verleitet! Die Gastfreundschaft mißbrauchte ich auf die wildeste Heidenart! Ich zauberte auf deinen Rat, mit deiner und des Schwarzkünstlers Hilfe den edlen Grafen Wernher aus dem Kreise seiner teuren Familie, aus den Armen seines häuslichen Glücks! Immer wilder und verstockter ward nun mein böses Herz. Um zum Ziele meiner ungerechten Pläne zu kommen, gebrauchte ich deine falsche Nachricht, Wernher sei gestorben. Und da ich dennoch nicht siegte über Ludmillas treues und reines Herz, hat die Hölle mich bewogen, das ganze altadlige, gräfliche Geschlecht ins Verderben zu stürzen, zu vernichten. Das Gewitter jener Schauernacht, das der Himmel zuließ, vielleicht sandte, um mich zu bessern und alle meine Verbrechen gutzumachen, hab' ich schändlich benützt, den Höllenplan auszuführen. Ludmilla liegt tot, Gisela unter den Trümmern begraben, das Knäblein in den Armen einer Hexe. Wer weiß, was mit ihm geschehen, vielleicht verkocht im siedenden Kessel eines geisterhaften Zaubers; und ich, zermalmt von der überirdischen Erscheinung meiner Gattin, zerrüttet an allen Gliedern, fast verzehrt von Gewissensbissen, aus der Verstocktheit aufgeschreckt durch Leichenzug und Grabgesang, hingehalten vom gräßlichen Fieber fressender Wunden des Körpers und der Seele - dem unvermeidlichen Tode nahe. Veit, Veit der Meier von Mickhausen liegt auch begraben!"

Hier schwieg der Ritter und schaute verzweiflungsvoll auf sein zerbrochenes Bein hernieder. Der Fischveit wollte immer noch nicht antworten. Aber es war dies Schweigen nicht die Furcht fortdauernder Verstocktheit, nein, das Zeichen eines entscheidenden Gewissenskampfes. Endlich.fragte er halblaut und eine Träne stahl sich aus dem schwarzen Auge: "Was ist zu tun?"

In dem Augenblicke schaute ein kahler, runzliger, aber ehrwürdiger Mannskopf zum kleinen Fenster herein. Der Ritter fuhr erschreckt zusammen. Doch der Fischveit erklärte die Erscheinung: "Es ist das Pfäfflein von Mickhausen!" Da tönte die Stimme des Geistlichen in tiefem Basse:

"Herr, erbarme dich unser nach deiner großen Barmherzigkeit! - Herr Ritter, Ihr seid schwer gestraft; aber Ihr habt's auch arg getrieben, solang Euch die Leute kennen in diesen Tälern. Ihr habt die Mägdlein der Söldner mit heidnischer Gier verfolgt und durch Euer schlimmes Betragen veranlaßt, daß sich die Söhne des Landes wider Euch verschworen. Und was Ihr auf Schwabeck getan, dem unglücklichen Schwabeck, das weiß Gott der Allmächtige. Kehret in Euch, bereuet und bessert Euch und sucht Vergebung und Trost zu den Füßen des Heilandes aller Menschen. Die deutschen Ritter ziehen scharenweise nach Palästina! Macht das Gelübde, ihnen zu folgen, wenn Ihr genesen solltet! Am heiligen Grabe zu Jerusalem mögt Ihr knien und weinen, am Ölberge Eure Sünden schütten in den Kelch des Leidens, den der göttliche Erlöser für uns alle ausgetrunken. Und als ein gebesserter, neuer Mensch kehrt zurück ins Vaterland, oder verblutet im Kampfe mit den Saracenen für die heilige Sache! Ich will beten für Eure arme Seele! Gott erbarme sich Euer!" Und hinweg war der Geistliche. Aber seine zitternde Stimme tönte noch vom Tale in der Weise des Bußpsalmes: "Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, tilge meine Übertretung nach deiner großen Barmherigkeit. Wasche mich wohl von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde. Denn ich bekenne meine Freveltat und meine Sünde schwebt mir immer vor Augen. Dir allein hab' ich gesündigt und habe gatan was dir mißfällt. Doch wende dein Angesicht von meiner Sünde weg und vertilg' all meine Missetat! Schaffe du, oh Gott, in mir ein reines Herz und in meinem Geiste einen reinen, wohlbefestigten Sinn. Von den Strafen der Blutschulden befreie mich, Gott. Gott, der du mein Retter bist; so soll meine Zunge deine Güte besingen. Brandopfer sind es nicht, die dir gefallen. Die gottgefälligen Opfer sind ein gedemütigter Geist; ein niedergeschlagenes, zerquetschtes Herz wirst du, oh Gott, nicht verachten!" Kaum verstummte das Bußlied im Tale - da brachen die Tränen des Ritters los - und der Fischveit von Costnitz seufzte lang und tief am Krankenbette seines sündigen Genossen. Dann stammelte der Ritter nach kurzer Weile:

"Ich will gen Palästina ziehen, wenn der allbarmherzige Gott mich genesen läßt von meinen Wunden!" Der Fischveit war zufrieden und faßte den Plan, in einem strengen Kloster als Knecht oder Pförtner zu dienen, bis Siegmund Gäßler wiederkehre. Dieser aber erwiderte:

"Es liegt eine andere Pflicht dir ob, Veit Knall! Und erfüllest du sie nicht, wirst du nicht ruhig sterben können! - Du hast mein Kind, mein armes Töchterlein verkauft an eine Zigeunerin. Suche Tag und Nacht; und hast du es wieder gefunden, nimm es zu dir und erzieh' es in frommer Weise, bis ich heimkehre aus dem heiligen Kampfe. Auch mein Weib, wenn es noch lebt, wenn der bittere Gram es nicht schon längst zu Grabe getragen, empfehl' ich deinem steten Forschen. Sag' ihm, daß ich mich bekehrt habe, daß ich es wiedersehen werde, wenn nicht hier, doch im Lande der Erbarmung und des Friedens. Ich aber ziehe fort in den blutigen Kampf mit den Ungläubigen - und vielleicht wird mir das Glück zuteil, daß ich den edlen Grafen Wernher, den schwer beleidigten Gastfreund, retten kann, wenn er umzingelt ist von den giftigen Speeren der Saracenen, daß ich Verzeihung holen kann zu seinen Füßen, oder wenn er nicht verzeiht, ach, es ist schwer zu verzeihen - den erwünschten Tod inmitten des heidnischen Schlachtgetümmels. - Der liebe Herrgott walte über uns und schlichte, was wir Böses angerichtet, zu einem glückseligen Ende."

Nach einigen Tagen trat Veit Knall von Costnitz in den Hammer von Nettershausen und bestellte eine ganz stählerne Rüstung für einen edlen Rittersmann. Denn Gäßlers krankhafter Zustand besserte sich von Stunde zu Stunde. Aus dem Stalle des verstorbenen Meiers von Mickhausen wurde der schönste Rappe angekauft. Und nach einigen Monaten saß der Ritter gepanzert und behelmt, das blaustählerne Visier im Gesichte, reisefertig und kampflustig im hohen Sattel. Das Roß wieherte vor Freude, da es die streitbare Last auf seinem Rücken trug.

Noch einmal legte Gäßler beim Scheiden die Hand herab über die Schulter des Genossen, der wehmütig zu ihm aufblickte; noch einmal erinnerte er ihn an seine Pflicht und wünschte ihm mit Tränen ein glückliches Ziel seines Forschens. Der Fischveit reichte dem Ritter die schwere Lanze hinauf und empfahl in tief berührt dem Schutze des Allmächtigen. Siegmund Gäßler schied. Veit Knall sah dem Ritter nach, bis die Erlen im Tale ihn seinen Blicken verbargen. An der Straße gen Augsburg ritt der Kreuzfahrer am hochwürdigen Herrn von Mickhausen vorüber, der soeben von einem Krankenbesuche nach Hause eilte. Dieser freute sich ungemein, daß seine Worte auf kein unfruchtbares Erdreich gefallen, bekreuzigte den Reiter und rief ihm nach: "Benedicat dominus! Es segne dich der Herr! Zieh' hin im Frieden!"

Elftes Kapitel

Der Kampf in der syrischen Wüste

Aus den heimischen Tälern der Mindel, Wertach und Schmutter, in denen sich binnen kurzer Zeit so manches traurige Ergeignis zugetragen, wende sich die Aufmerksamkeit und Teilnahme des freundlichen Lesers hinweg, und verweile jetzt bei den durch manche wichtige Begebenheit der Vorzeit geweihten Stätten von Asien. Die Sonne brennt glühend heiß hernieder auf die Sandsteppen der syrischen Wüste. Vom Roten Meer bis zu den Ufern des Euphrat ist die Gegend fast ausgestorben; und es scheint, als hafte der Fluch des Allmächtigen, da er die fruchtbare Ebene Siddim ob den Greueln ihrer Bewohner in Schwefel, Pech und Salz verwandelte, immer noch schwer und drückend über der großen, sandigen Erdfläche. Es grünt kein Baum; es blüht keine Blume. Die Quellen aus der Zeit des friedlichen Hirtenlebens sind vertrocknet, oder haben sich verstaltet in den Pfuhl stinkender Schwefeldämpfe. Und verirrt sich hie und da aus den wonnevollen Tälern des glücklichen Arabiens ein bunter Vogel in die öde Wüste, so fällt er bald entkräftet aus der verpesteten Luft und wird der grausamen Hyäne, dem heulenden Grabtiere, eine willkommene Beute. Nur einzelne, wunderliebliche Stellen - die bekannten Oasen - dienen den Wanderern durch die Wüste zum angenehmen, tröstlichen Ruhepunkte. Der Araber nennt einen solchen in die Wildnis gleichsam feenhaft hinein versetzten Garten: El Wahat. - Er hält die süße Quelle, die hier alles erfrischt und zum Blühen und Reifen bringt, so hoch in Ehren, daß er steinerne Rinnsale baut, damit kein Tröpflein des labenden Bornes verloren gehe. Er leitet den Wasserstrahl durch metallene Röhren in einen unverwüstlichen Behälter, auf daß sich Pilger und Dromedar, Reiter und Roß hier köstlich laben und die Wallfahrer unter dem Lob des Allmächtigen gestärkt weiterziehen können. An einer solchen von der Natur geschaffenen Herberge hatte sich unter dem Schatten grünender Dattelpalmen eine Rotte fränkischer Kreuzfahrer niedergelassen und ruhte aus von der Anstrengung eines Gemetzels, worin sie einen Schwarm mordgieriger Saracenen, von denen sie unversehens in der Wüste angefallen worden, besiegt hatte.

Der Anführer des Reiterzuges saß über dem Brunnensteine und wusch sich mit dem hervorsprudelnden Wasserstrahl das Blut einer leichten Stirnwunde aus dem Gesichte. Nebenan stand ein Knappe, legte mitleidig ein Tuch zusammen, goß darauf aus einem Fläschchen, das er aus dem Wams hervorzog, kühlenden Balsam und schickte sich an, die Wunde des Ritters zu verbinden. "Bei dem Kreuze meines Schwertes," sagte dieser, da er es gern geschehen ließ, "ich läge nun mausetot im Sande der großen Wüste, wäre nicht der Speer des flinken Saracenen abgeprallt von deinem büffelledernen Schilde, den du mir, treuer Knappe Kuno, im glücklichen Augenblicke vors Gesicht gehalten. Ich habe dir mein Leben zu verdanken. Allein, was kann ich dir tun in diesem Lande? Ich will's dir nicht vergessen, wenn wir die Heimat wiedersehen!"

"Erwähnt des geringen Dienstes nicht, edler Herr von Schwabeck," erwiderte der Knappe. "Hab' ich denn mehr getan, als meine Pflicht von mir gefordert? Allein, wie ich dafür halte, dürfen wir auf der Hut sein, daß wir nicht überrumpelt werden. Es sind uns einige aus dem Schwarm der Feinde entkommen. Ich sah sie die Flucht ergreifen und ihre behenden Rosse pfeilschnell über die sandigen Hügel jagen. Wer weiß, ob sie nicht Verstärkung holen? Um sich zu rächen, fallen sie uns hinterm Rücken an, ehe wir's denken. Darum, edler Graf, wollen wir die Lanzen nicht aus den Händen lassen, selbst nicht, wenn wir ruhen." "Du magst recht haben," erwiderte der Herr von Schwabeck; "ich ehre deine Vorsicht; denn ihr guter Erfolg hat sich schon oft bewährt." - Hierauf gab er Befehl, daß die Rotte der Kreuzfahrer sich seitwärts unter den Palmen niederlasse, die Streitrosse und die etlichen Kamele zur Tränke führe und sich selbst labe mit Feigen, Datteln, Pistazien und was sie sonst als Produkte der Erde des üppigen Morgenlandes bei sich trügen. Des Panzers aber sollten sie sich nicht entledigen, viel weniger Schilde und Lanze zur Seite legen. Peter von Jenkendorf verdolmetschte diesen Befehl des Grafen unter den streitbaren Männern, die aus den verschiedenartigen und entgegengesetzten Gauen des Deutschen Reiches sich zusammengerottet hatten. Und indem er sich ein gewaltiges Ansehen gab, ermahnte er sie alle strengstens, sogleich bereit zu sein, wenn die geringste Staubwolke in der Ferne der Wüste sich erhebe. Allein gerade er war derjenige, der das selbst nicht hielt, wozu er andere aneiferte. Kaum verstrich eine Viertelstunde - da ward es ihm viel zu langweilig auf der untätigen Lauer und das frische Quellwasser der Oase wollte seiner Gurgel, die stärkere Getränke gewohnt war, gar nicht behagen. Er kauerte sich in die Mitte der Rotte, damit er weder von dem Grafen, der ihn den Bruder Leichtsinn schalte noch von dem Knappen, der jede Kleinigkeit dem Grafen in die Ohren raunte, gesehen werde, und langte schmunzelnd ein gläsernes Flaschen aus der Tasche seines abgetragenen Wamses. "Kameraden," sagte er leise, "da seht nur, was ich erbeutet habe! Einer aus den Dienern Mohammeds hat's verloren, da er sich flüchtig machte. Ich sah ihn, ehe der Kampf begann, einen tüchtigen Schluck aus dem Glase ziehen. Und beim doppelten Tiger auf meinem Wappen, er hat lang dreingehauen wie ein Wütender, hat unserm Herrn und Anführer eines auf die Stirn versetzt, das übel geendet hätte, wäre nicht Knappe Kuno im Augenblicke zur Stelle gewesen, den unverschämten Anhänger des Koran aus den Schranken zu jagen. - Nun wieder zur Flasche! - Ich will das Ding versuchen! - Ei wohl, es schmeckt nicht übel! - Ich denke, was der Muselmann trinken kann, wird den Franken nicht zerreißen! - Brüderchen, laßt's euch munden! Es lebe die Heimat und was Liebes zu Hause ist! Trinkt und glaubt's dem großen Peter! Wir werden Mut kriegen, wie echte Rittersleute vom Schwabenlande!"

Mit diesen Worten setzte er das Glas zum Munde und trank und gab den Kameraden. Sie sangen deutsche Lieder und tranken - und konnten am Ende nicht mehr singen. Denn ihre Köpfe wurden schwer und schläferig. Sie verdrehten die Augen rechts und links und vermochten kaum mehr untereinander unsinniges Zeug zu murmeln. "Ach, meine lieben Brüderchen," stotterte der Jenkendorfer, "nun haben wir's schlecht gemacht! Ich meine, schon einmal gehört zu haben, die Türken lieben ein Getränk, aus einem betäubenden Pflanzensaft bereitet! Das mag so ein Ding gewesen sein! Uns Christen will's, wie es scheint, nicht ordentlich bekommen. Was wird der hochherzige Graf von Schwabeck sagen, wenn er uns taumeln sieht? Ei, du mein heiliger Namenspatron und großer Apostel, sei bei uns und verhüte vorderhand einen plötzlichen Überfall von selten der Ungläubigen." Der gewaltige Kreuzfahrer Peter schüttelte noch drei- und viermal bedenklich den Kopf; dann legte er ihn ins hohe Gras, um ihn abzukühlen. Und die anderen folgten dem Beispiele des Rottenführers. Der edle Wernher von Schwabeck und sein Knappe unterhielten sich mittlerweile ganz vertieft und recht vertraulich mit Gesprächen von der Heimat. "Zwei Jahre sind nun wohl vorüber," sagte der Graf, "daß ich Weib und Kind und Schwester, daß ich das ritterliche Erbgut meiner Ahnen, die stolze Burg, den friedlichen stillen Herd verlassen habe. Keine Nachricht, kein Gruß von zu Hause ist je an mich gekommen, obwohl ich schon manchem heimeilenden Pilger Botschaft mitgegeben und oft seitdem im christlichen Heere Ankömmlinge getroffen, die mir gar leicht vom Heimattale etwas Verlässiges hätten berichten können. Schon seit zwei Monden irren wir unstet umher in diesen unwirtlichen Steppen der großen Wüste, abgeschnitten vom geregelten Heere der fränkischen Ritter, wo wir doch, solang wir mit ihm vereint waren, der Gefahren nicht so viele und gräßliche zu erdulden hatten, als seit diesen etlichen Wochen."

"Ergebt Euch drein, edler Herr!" fiel der Knappe dem Grafen in die Rede, "und denket, daß wir alles unternommen haben und leiden zur Ehre dessen, der einst unfern von dieser öden Wüste, zu unserm Heile in den schönen Tälern von Judäa wandelte."

"Hätt' ich nicht dies Vertrauen in meiner Seele," fuhr der Graf fort mit einem festen Blicke zum reinen Himmel, "so müßt' ich ja verzweifeln, mein treuer Knappe! - Denn war es wohl ein Kleines, vom häuslichen Herde, wo ich der stillen Freuden unzählige genossen, zu scheiden? Weib und Kind und Schwester zu verlassen, eines Ungewissen Zieles wegen, das die gute Sache wohl befördern und dem Allmächtigen gefallen möchte, das aber in jetzigen Umständen noch fern aus unserm Gesichtspunkte liegt? Überhaupt, wenn wir von der Stunde der Scheidung aus der Heimat bis auf diesen Augenblick die Tage der Vergangenheit durchdenken, so haben wir eine Reihe von Unglücksfällen aufzuweisen. Schon bei Straßburg, da wir das Lager schlugen, vermißte ich am Morgen nach einer schwer durchträumten Nacht die himmelblaue Schärpe, die mir Ludmilla zum Abschiede um die Schulter band; ihre Tränen waren darauf gefallen und ich ehrte das Pfand der Erinnerung wie einen Talisman, der mich aus der blutigsten Schlacht unversehrt herausführen sollte. Ich trauerte recht herzlich um die Schärpe. Denn es ist dir nicht unbekannt, mein Knappe, wie innig der brave Ritter solch ein Zeichen ehrt. Und, nenne es Aberglauben, oder wie du willst - er knüpft sein Glück oder Unglück an die Abschiedsspende seiner edlen Liebe.

Wir hatten auch im allgemeinen eine schlimme Fahrt. Wer mag es leugnen? Damals hatte sich der für den Kreuzzug so sehr begeisterte Mönch heimlich auf und davon gemacht. Das war kein braves Stückchen. Wir durchzogen ganz Frankreich; denn von dort hofften wir Verstärkung unseres Zuges und erhielten sie auch. Von schönen Hoffnungen neu beseelt, wandten wir uns gen Oberitalien. Im Meerbusen von Genua schifften wir uns ein und gelangten wohl glücklich nach Sizilien, um dort zu überwintern. Als wir aber von dort absegelten - wenige Stunden waren wir auf der hohen See - überrumpelte uns ein fürchterlicher Meeressturm, der nach langer Irrfahrt endlich nur wenigen vergönnte, bei Alexandria die Küste von Afrika zu erreichen. Den Angriffen der Beduinen preisgegeben, durchirrten wir später die Wildnis des wüsten Arabiens. Und kaum daß wir nach hunderterlei Gefahren das Gesamtheer der fränkischen Kreuzfahrer bei Hebron froh begrüßten, kaum daß uns die Hoffnung leuchtete, dem Könige von Jerusalem, Balduin II., uns zu zeigen, um mit ihm in der Kapelle des Heiligen Grabes den Erlöser der Welt anzubeten - da hat uns die heiße Schlacht mit den Saracenen aufs neue abgeschnitten von dem Heere unserer Kampfgenossen, hat uns hinausgestoßen in diese Sandsteppen und wir sehen, wenn nicht der Gott der Gnade es anders fügt, einem schauerlichen Ende entgegen." Hier schwieg der Graf. Der Knappe hatte keinen Trost für seinen Herrn und unterbrach das Schweigen nicht. Aber wehmütiger fuhr Wernher von Schwabeck nach einer Weile fort:

"Auch eine böse Ahnung, daß in der Heimat ein schlimmes Unglück hereingebrochen, durchschauert meine Seele. Ein schwerer Traum der letztverwichenen Nacht trägt die Schuld daran. Ich sah Ludmilla knien vor meinem Bildnisse im großen Ahnensaale. - Wernher, hörte ich sie rufen, teurer Wernher, sende deinen Geist in die Gestalt dieses Gemäldes - oder wir sind verloren! Die Hölle hat sich geöffnet und will all deine Lieben verschlingen samt der Heimat! - Und in dem Augenblicke stürzte ein Ungeheuer über Schwabeck herein, halb Mensch, halb Drache, schüttelte seine blutigroten Schwingen - und die Burg samt allen teuren Bewohnern lag vernichtet. Ein furchtbares Geschrei weckte mich aus dem Traume - und es begann der Kampf mit den Saracenen, den wir so ritterlich bestanden." "Unser Sieg mag Euren Traum zuschanden machen, edler Herr!" tröstete lächelnd der treuergebene Knappe. Aber das finstere Antlitz des Grafen wollte sich nicht erheitern. Da erhob sich auf einmal in der fernen Ebene eine dichte Staubwolke, die sich immer wilder und schauderhafter der Oase näher wälzte. "Was ich befürchtet, wird geschehen!" schrie der Knappe und sprang auf, die Kreuzfahrer auf einen feindlichen Angriff vorzubereiten. Im Augenblick saß der Held von Schwabeck sattelfest mit vorgehaltener Lanze und ritt vor die Frankenrotte, die angemessenen Befehle zu erteilen. Aber wie erschrak er, da Peter von Jenkendorf und seine Gefährten schläfrig die Augen rieben. "Beim heiligen Ritter Georg," donnerte der Graf, "was ist geschehen? Hat irgend ein böser Geist der Wüste mein Volk verzaubert? Auf, auf, die Saracenen nahen! Die Wolken, die sie hersenden von ihren Rossen, heißt schwarzer Tod, wenn ihr euch nicht als Helden zeigt, ihr deutschen Männer. Unsere glückliche Losung aber ist das Grab des Heilandes!"

Die Kreuzfahrer saßen wohl bald, durch die gewaltige Stimme ihres Anführers aufgeschreckt, auf ihren Rossen. Allein die Wirkung des Mohngetränkes, das den Türken, dessen gewohnt, zum Mute reizt, hatte bei den Franken einen lebensmüden Unmut hervorgebracht, vermöge dessen sie wohl verzweifelt kämpfen wollten, aber nicht konnten. Kaum hatte der Graf so viel Zeit, die Mannschaft an ihre alten Heldentaten zu erinnern und sie durch dieses Lob zu neuen anzuspornen, als die Saracenenrotte nur mehr Wurfspießweite von der Oase entfernt war. Die gräßliche Stimme des feindlichen Anführers, der sein bebendes Roß pfeilschnell umwandte zu seinen Leuten, dröhnte todverkündend durch die schwarze Staubwolke: "Bei Mohammed, dem großen Propheten, sie sind's die wir suchen! Nieder mit den fränkischen Hunden!"

Dies war das Losungswort für die Türkenhorde. Plötzlich erhob sie ein furchtbares Feldgeschrei. Und an Mehrzahl den Kreuzfahrern weit voraus, sandten immer zehn Muselmänner auf einen Christen ihre scharfen Pfeile von den kleinen Bogen. Anfangs widerstanden die dichten Schilde der Franken den fliegenden Waffen ihrer Feinde. Allein in die Länge konnte es nicht mehr währen. Denn mancher Pfeil fand bald einen schwachen Flecken in der Brustwehr der Deutschen, und schwer verwundet sank da und dort ein Betäubter von seinem Pferde. Der Graf erkannte die Gefahr, die mit jedem Augenblicke sich steigerte, wenn nicht ein verzweifeltes Handgemenge das glückliche Ziel des Kampfes herbeiführe. "Brüder," rief er mit donnernder Heldenstimme, "wollen wir uns aus der Ferne töten lassen durch die Pfeile der Saracenen? Der deutsche Ritter siegt nur, wenn er seine gewaltige Keule führen kann in starker Faust! Auf denn in Gottes Namen und zur Ehre des Heiligen Grabes!" Mit diesem Zuruf sprengte er auch schon sein steigendes Streitroß in den Schwarm der Feinde und ließ rechts und links die eisenbeschlagene Keule so derb in die Reihen der Türken fliegen, daß jeder, der ihm nahe kam, wie eine Mücke vom Pferde taumelte. Sein Beispiel spornte die Franken zur schnellen Rache an. Aber leider zu früh schwächte die Wirkung des morgenländischen Mohnsaftes die sonst so ausdauernde Stärke der Deutschen. Die Schwungkraft in den Fäusten der Franken hatte sich verzehrt. Erfolglos blieb der Schlag der Keulen. Das merkte der Feind im Augenblick, dehnte sich auseinander, umzingelte unvermerkt die an der Zahl minderstarke Rotte der Kreuzfahrer und ehe der Graf, der, geschützt von dem Schilde seines Knappen, noch immer tapfer zuschlug, an eine Übergabe dachte, befand er sich samt dem Überreste seiner Kampfgenossen gefangen inmitten der hohnlachenden Muselmänner.

Der edle Herr von Schwabeck verbiß seinen Unmut zwischen den Zähnen und schalt seine Krieger behexte Memmen. Denn er hätte in diesem Augenblick einen schönen Heldentod solch schmählicher Gefangenschaft zehnmal vorgezogen. Der Anführer der Saracenen aber spottete und schrie: "Beim Edelsteine der heiligen Kaabe, die List eines Gläubigen hat euch Abendländer besiegt. Ihr habt euch betäubt mit der Flasche, die einer aus uns, um sich für die im vorigen Kampfe erhaltene Wunde zu rächen, aus dem Kaftan fallen ließ. Wir wissen, daß ihr keinen Trunk verschmäht! Und beim Turban des großen Propheten, ihr seid wunderschön in die Schlinge gegangen!"

Dann wandte er sich zu dem Grafen von Schwabeck und wie es schien, nicht ohne Ehrfurcht und Verwunderung: "Ich lobe deine Tapferkeit, Nazarener! Doch wird der Emir in Damaskus, zu dem wir euch führen, dir wenig Dank wissen. Du hast seinen einzigen Sohn erschlagen!" Hierauf wurden die Kreuzfahrer entwaffnet und ihre stählernen Rüstungen von denen aus der Türkenhorde, die sich im Kampfe ausgezeichnet, als Siegeszeichen in Empfang genommen. Dann gab der Anführer Befehl, daß man je zwei der Gefangenen festbinde auf den erbeuteten Pferden. Und im wilden Freudengeschrei ging der Zug vorwärts durch die Wüste - gen Damaskus.

Der Emir, ein siebzigjähriger Mann mit schneeweißem Barte, der bis über die Brustfalten des reichbestickten Kaftan herniederfloß, ließ die gefangenen Franken vor sich erscheinen. Lang betrachtete er unmutig und finster den Grafen von Schwabeck, der in edler, fast trotziger Unerschrockenheit vor ihm stand und sagte endlich: "Bei Mohammed, dem großen Propheten und bei Allah, dem großen Gott des Propheten, ich könnte dich erwürgen lassen, Christ, wie du meinen Sohn getötet. Allein dann hätte ich meiner gerechten Rache nicht genug getan; du hättest Ruhe im Grabe, während mein altes Herz sich martert mit dem Gedanken, einen edlen Erben meiner Güter gehabt zu haben. So aber, wenn du lebst und mir als Sklave dienst, kannst du dich quälen mit der Erinnerung an die Heimat, wo um dich trauern Weib und Kind, die du nie mehr sehen sollst in deinem Leben, so wahr ich vom Adel des großen Propheten stamme."

Graf Wernher entgegnete kurz und offen: "Wer fragt im Kampfe nach Stand und Namen? Überdies war ich der Herausgeforderte? Und so ich fiel - wer hätte genuggetan Wernhers unglücklicher Witwe im Schwabenlande?" Jetzt schwieg er und erwiderte mit keiner Silbe auf die vielen Fragen, die an ihn ergingen. Der Emir aber winkte und die umstehenden Muselmänner warfen verächtlicherweise einen alten Sklavenkittel über die Schultern des edlen Wernher. So erniedrigt sollte er in einem halbverfallenen Turme verschlossen liegen, bis es nach Monden dem stolzen Emir gefiele, seine Dienste zu begehren.

Da öffnete sich der Mund des gräflichen Gefangenen noch einmal und zwar zu einer Bitte: "Ich stehe in deiner Hand, Verehrer der Kaabe," sagte Wernher zum finster horchenden Emir, "aber auch über dir schwebt eine weit mächtigere Hand, die des ewigen Gottes, der es zuließ, daß der Kampf in der Wüste zu meinem scheinbaren Unglücke hat geendet. Ich murre nicht - und ertrage diese Schmach mit der Kraft eines deutschen Mannes. Doch, weil du jetzt mein Herr bist, ich dein Sklave, so bitt' ich - und du magst gewähren. Den treuen Knappen hier, der keinen Augenblick seit dem Abzug von der Heimat mich verließ, laß auch jetzt an meiner Seite weilen. So du es erlaubst, ist er glücklich mitten in unseren Leiden. Vergönn' ihm dieses Glück - er hat dir ja keinen Sohn erschlagen."

"Die Bitte sei dir gewährt," erwiderte der Emir nach kurzem Bedenken. "Ihr Nazarener sollt nicht sagen können, daß ihr Unbarmherzigkeit gefunden bei den Gläubigen."

"So dank' ich dir," sagte der Graf; "und könnt' ich, würd' ich dir deinen Sohn gern wieder geben für diesen kleinen Dienst!" - Hierauf blickte er mit tränenfeuchten Augen zum klaren Himmel und betete: "Herr, Gott, der du diese schwere Prüfung, vielleicht auch Strafe - und ich habe sie verdient - über mein Haupt hast kommen lassen, sei von mir gepriesen, auch wenn du züchtigest! - Verlaß die Lieben in der Heimat nicht, die jetzt trostlos um den Gatten, um den Vater, um den Bruder jammern! - Tröste sie und sende mir und ihnen nach so vielen Nächten der Trübsal und des Kummers auch wieder einmal das Morgenrot des Friedens und der Freude! - Wohl ist die Hoffnung des Wiedersehens jetzt fast vernichtet! - Doch, was ist dir nicht möglich, du Gewaltiger? Wo die Not am größten, da bist du ja am nächsten mit deiner Hilfe! Ich schaue gen Jerusalem hinüber und lobe dich in Ewigkeit!" Jetzt wandte der Emir das Gesicht nach Mekka, um für seinen Sohn zu beten. Dies war das Zeichen, daß man die Gefangenen entfernen müsse. Da wurde die Frankenrotte zum beschwerlichen Bautendienste, Graf Wernher und sein Knappe in den schauerlichen Sklavenkerker abgeführt.

Zwölftes Kapitel

Die Zigeunerbande

Die Erzählung der merkwürdigen Ereignisse aus jener ritterlichen Zeit führt uns in ihrer voranschreitenden Entwicklung wieder hinein ins romantische, stille Mindeltal im Schwabenlande und zwar an einen Punkt, wo die Natur viel des Wechselnden und Schönen bietet. Wenn der gemütliche Wanderer, der seine Freude hat an malerischen Landpartien, im Marktflecken Thannhausen beim goldenen Engel, beim schwarzen Adler, oder beim goldenen Stern mit kräftigem Gerstensaft sich gelabt - so besteige er die Spitze eines blumenreichen, mit einzelnen Eichen aus alter Zeit und einigen jungen Schleedorngehegen ausgestatteten Hügels, den man den Eichberg nennt. Dort oben angekommen, schaut er fast senkrecht unter sich die reinlichen Häuser, weiten Straßen und zahlreichen Gärten des ansehnlichen, gewerbereichen Marktes. Und wenn nun eben ein heiterer Sommerabend das Tal umdämmert - da wird man so seltsam träumerisch ergriffen von der holden Anmut und zarten Feier, mit der in ihren wechselnden Tinten die verschiedenen Naturgemälde leuchten. Jenseits am Ufer der Mindel ragt Ursberg empor aus dem üppig grünenden Wiesengrunde, die ehrwürdige Abtei, noch frisch und jung mit ihrem himmelragenden Turme - das festgebaute Kloster hat den rauhesten Zeiten getrotzt.

Von dem Standpunkte aus, der oben beschrieben worden, eröffnet sich nun die Aussicht über das Tal in meilenlanger Strecke; stromabwärts über die waldbewachsenen, mit Dörfern und Burgen bestreuten Grenzhügel ergeht sich das scharfblickende Auge bis in die weite Fläche des Donautales; stromaufwärts aber verliert es sich, nachdem diesseits und jenseits an den Klöstern, Weilern und Kirchtürmen, die über die Buchenwälder ragen, Gespenstern freier Natur, den ewig mit Schnee bedeckten, ewig dämmernden Alpen. In jener mittelalterlichen Zeit aber war an solche anmutig überraschende Aussicht von der gerühmten, hügeligen Stätte aus gar nicht zu denken. Denn damals erstreckten sich vom Lech und der Wertach über alle Berge herüber bis an die Mindel die uralten, unwirtlichen Tannen- und Eichenwälder, die nur dann fast unbemerkbar gelichtet wurden, wenn ein freigebiger Burgherr seine Nachbarn an der Donau und die hochwürdigen Klosterpröpste der Gegend mit Bauholz beschenkte, oder auch, wenn die Schutzfeuer gegen Hochwild, von den Besitzern der zerstreut liegenden Meierhöfe angelegt, durch den Windzug gestöbert den Urwald erreichten und ihre Flammen Laub, Blätter und Gras versengend, stundenweit sich durchs Gehege schlängelten. Wo jetzt der gewerbereiche Markt am Hügel sich ausdehnt, stand damals unter andern weniger bedeutenden Söldnerhütten, das große, hölzerne Gebäude eines reichen Meiers mit einer Herberge für Reisende. Hochragende Tannenbäume umgrenzten das Meiergut und von daher will man den Namen Thannhausen leiten bis auf die jetzige Stunde.

Der sechste Frühling nach dem unglücklichen Brande auf Schwabeck jenseits über den waldigen Höhen hatte sich im Mindeltale angemeldet. Es war die Zeit der Fasten vorüber. Und das lauwarme Aprilwetter lockte die irrfahrenden Zigeunerbanden, die der Winter in ihre Schlupfwinkel und Höhlen eingesperrt hatte, wieder ans Tageslicht.

In der großen Scheune, worin der Meier von Thannhausen das Stroh und Heu zur Fütterung seiner Kuhherden und Ziegen aufgespeichert, ging es bunt und lustig durcheinander. Zinken rauschten, Tamburine schnurrten und ein zerflissener Dudelsack brummte naseweise dazwischen. Auch ein Triangel ließ sich hören, die ganze Zigeunermusik übertönend und folterte jedes Ohr, dessen Nerven nicht faustdick waren, wie die von Meiers Oberknecht, der, während sein großes, vierschrötiges Gesicht im ausgelassensten Lachen sich verzehrte, mit weit aufgesperrtem Maule und durch rohe Gebärden mit Händen und Füßen die zügellose Bande ermunterte, das Ding noch lustiger zu treiben. Jetzt fingen Männer und Weiber, Buben und Dirnen, alle in ein Gemisch von spanischer, welscher und deutscher Tracht gekleidet, zu tanzen an. Und bald mengten sich des Meiers Dienstknechte und viele Leibeigene von Kloster Ursberg, die die Langeweile des Feiertages nach Ostern über die Mindel herübergelockt hatte, in die saubere Gesellschaft.

Aber auch von der Augsburger Straße, wohin das wilde Gejauchze tönte, war ein fremder Wanderer durch das Dickicht der jungen Tannen und Hagebuchen unvermerkt herangekommen; ein Mann, blaß und düster von Angesicht, aber mit keckem, durchdringendem Blick, den er pfeilschnell herumwarf, als ob ihm ja nichts entgehen dürfte. Er trug ein Wams von aschgrauer Farbe, am Arme einen ledernen Schlauch, über dem Rücken eine längliche Butte, mit geräucherten Fischlein gefüllt aus dem Bodensee. Langsam trat er näher und näher, dem Zigeunergetriebe zuzusehen. Als der dickleibige Meier seiner gewahr wurde, rief er ihm lachend zu: "Siehe da, Veit Knall von Costnitz! Wahrhaftig, der lustige Fischveit darf bei solchem Gelage nicht fehlen! Nun immer heran! Es gibt der sauberen Dirnen genug in der Scheune! Eine wird wohl noch übrig sein, mit dem Costnitzer den spanischen Reigen zu schlingen!" - Aber der Fischveit ermahnte mit aufgehobenem Zeigefinger den voreiligen Schwätzer zum Stillschweigen, stand mit einem leichten Sprung vor ihm und flüsterte ihm geheimnisvoll ins Ohr: "Sachte, sachte und nicht so vorlaut, mein lieber Meier! Ich wünsche nichts so sehr, als daß mein Name verborgen bleibe vor der Zigeunerhorde! Wißt Ihr denn nicht, daß ich der Spürhund der großen Herren und Ritter bin? Nennet mich nur Veit geradhin, wenn Ihr mir einen Dienst erweisen wollt!"

"Auch recht," erwiderte gutmütig der Meier. "Aber wollt Ihr denn nicht, Veit von Cost - oder Veit geradehin, einen Tanz loslegen bei dem lärmenden Geschnurre der Tamburine? - Weiß Gott, so allmunter geht's nicht her, wenn der blinde Bänkelsänger von Mindel-heim im Herbstmonat den Erntereigen hält vor dem Hause des Meiers von Thannhausen. Geschwind hinein in die Scheune, sag' ich Euch! Seht nur, dort auf dem Gebälk sitzt noch eine allerliebste Tänzerin frei und frank, als ob sie auf Euch gewartet hätte. Das Dirnlein hat wohl kaum ihr zehntes Lebensjahr hinter sich; allein was tut's? So ist's umso besser! Ein junges Reh überspringt nicht selten den griesgrämigen alten Bock." - Diesen groben Witz begleitete der Meier mit einem gellenden Lachen. Allein der Fischveit ließ sich den Spott gern gefallen. Denn er konnte in diesem Augenblicke schnurgrade in das Gesicht des Mädchens blicken, das seinen Schleier gehoben hatte, um die vom Luftzug verstalteten blonden Locken in Ordnung zu bringen. Die freudige Überraschung bei ihrer Entdeckung malte die runzligen Wangen des Fischhändlers bald mit dunklem Rot, bald verfärbte sich dessen ganzes Gesicht zu einer schaurigen Totenblässe.

Da sah ihn der Meier mit großen Augen an und schrie wieder: "Beim heiligen Christoph, meinem Namenspatron, Ihr habt ja das kalte Fieber! So rat' ich Euch aufs neue, vertreibt es mit lustigen Sprüngen! Ich habe einen Preis ausgesetzt für den gewandtesten Tänzer, einen großen Humpen würzhaften Apfelmostes. Sonst ward Ihr doch. immer der erste, sich ein solch Bestes zu gewinnen! - Oder seid Ihr während der Zeit, als ich Euch zum letztenmal gesehen, frömmer geworden? Dann geht hinüber zu den ehrwürdigen Vätern von Ursberg und betet mit ihnen die Vesper und Mette!"

Der Fischveit aber bekräftigte den Meier in der kurz vorhin gefaßten Meinung und versicherte, er sei wirklich nicht recht bei guter Kraft; das Schneegestöber vor zwei Tagen habe ihn auf offener Straße überrumpelt; und seitdem spuke es in seinem Leibe herum, als wollte ihn eine Krankheit zu Bette werfen.

Nun war der Meier, doch ein gutherziger Mann, zufrieden, reichte dem Fischhändler ein Glas vom besten Moste und hieß ihn Platz nehmen unter der großen Tanne. Inzwischen hatte das Gedudel der Zigeunerhorde sein Ende erreicht. Und der Fürst des braunen Völkleins zog sich jucheiend in die Wohnstube des Meiers, um zu zechen. Wer Füße hatte, folgte ihm; selbst der Meier blieb nicht zurück. Und war kurz vorhin die Musik in der Scheune kaum anzuhören, so war jetzt das Geschmause und Gebrause in der Stube innen unausstehlich.

Nur das zehnjährige blonde Dirnlein war zurückgeblieben. Es saß so einsam und verlassen auf dem morschen Balken und spielte mit den Blättern einer halbverwelkten Frühlingsblume, bald lächelnd, bald weinend. Dann hob es den schönen, anmutsvollen Blick seitwärts an den heiteren Lenzhimmel und flüsterte: "Oh Gott, hilf mir armen, verlassenen Kinde!"

Der Fischveit kauerte sich hinter den dicken Stamm der alten Tanne und betrachtete das Mädchen in stummem Entzücken; und je länger er hinsah, desto mehr erheiterte sich sein Gesicht. "Sie ist's! Sie ist's," flüsterte er leise vor sich hin. Endlich einmal nach so vielen Jahren unsteten Forschens könnt' ich sie entdecken! Oh Gott, oh Gott, wie gut bist du! Der alte Fischveit darf sich wieder freuen! - Damals, als ich vom Ritter Siegmund schied, als ich reuevoll im Wiesengrunde bei Mickhausen kniete und hinauf flehte in deinen Himmel um Verzeihung meiner Sünden - damals flog der Gedanke durch meine Seele: Veit, wenn du Schwinhilde findest, sei es dir ein Zeichen, daß dir Gott vergeben! Schon wollt' ich verzweifeln - aber ich betete. Und siehe, heute wird mir das Glück zuteil - Gott hat mir vergeben!"

Und als er aufs neue hineinblickte in die Scheune, da sah er das Mägdlein auf dem Boden knien. Und er hörte das kindliche Gebet von ihren Lippen tönen:

"Schutzengel, den mir Gott gegeben,
zu leiten meinen Erdenlauf,
verlaß' mich nie in diesem Leben,
und führe mich zu Gott hinauf!"

Diese Worte waren mit solcher Anmut und Lieblichkeit, im Ausdruck so reiner Unschuld über des Kindes rosenroten Mund gegangen, daß heilige Rührung dem alten Fischveit Tränen aus den Augen preßte. Er schlich vor aus seinem Versteck und stand unvermerkt vor dem Mädchen, das noch auf der Erde kniete. Dieses erschrak heftig und wollte entfliehen. Aber Veit Knall milderte durch ein gefällig Lächeln sein bärtiges Angesicht, so gut er konnte, hielt das Mädchen sanft beim Arme und redete es an: "Fürchte nichts, du kleine Beterin, und bleibe! Bei der Unschuld deiner Seele, es geschieht dir ja kein Leid! Du hast mich gerührt, du holdes Engelkind, in deiner reinen Andacht. Und ich kann mich nicht genug wundern, daß in der wilden Zigeunerhorde ein solch frommes Wesen zu finden!" Die leutselige Rede des Fischhändlers drang ermutigend in das Herz des Mädchens. Es blieb stehen und schaute dem Mann prüfend ins Gesicht. Dann sagte es: "Meinst du das Gebetlein zum lieben Schutzengel? Hat's dir gefallen, Mann? Oh, es ist schön und stammt noch aus goldener Zeit! Lieb Mutter hat es mich gelehrt; soviel weiß ich noch und ich mußte es täglich vor ihr beten. Aber seit ich kein Mütterlein mehr habe, muß ich nur beten, wenn meine Leute mich nicht hören. Sie lachen mich aus, oder schimpfen gar. Das ist ein hartes Leben." Und das Mädchen fing zu schluchzen an. Da tröstete es der Fremde, streichelte freundlich seine Wange und fragte: "Willst du denn immer bei diesen Leuten bleiben, armes Kind?" - Die Kleine lächelte mitten unter ihren Tränen: "Weißt du was Besseres für mich, du lieber Mann, ei so sag' es nur geschwind!"

"Komm' mit mir!" entgegnete Veit Knall. Da zauderte das Mädchen. "Mit dir? Warum nicht gar! Ei, ich entsinne mich - so ein Mann, so ein grauer war's, der mich hinweggetragen und mich verkuppelt an die Zigeunerhorde! Laß mich fliehen! Du hast nichts Gutes vor!" Aber der Mann mit der Fischbutte wandte all seine Redseligkeit auf, das Mädchen zu gewinnen. "Tu' nicht so scheu und spröde!" sagte er, "du sollst's gewiß gut bekommen. Hier hörst du nur Fluch und Schimpf und schamlose Reden. Du vergissest am Ende den lieben Gott - und deine Unschuld geht verloren, du armes Kind! - Wohin ich dich aber führen will, dort wird es dir Wohlgefallen. Dort lernst du immer mehr und mehr den gütigen Gott erkennen und lieben; und viele schöne Sprüchlein und Gebete, wie jenes, das dich Mütterlein gelehrt, sollst du inne werden. Auch manche schöne Arbeit wird deiner fleißigen Hand entkommen; und so magst du zum braven, anmutigen Fräulein erwachsen, wie's der liebe Herrgott haben will und es die Menschen freut. Komm' nur, Ich bringe dich zu den ehrwürdigen Frauen eines Klosters!"

Das Antlitz des Mägdleins ward immer klarer und freundlicher; der aufrichtige Plan des Mannes tönte gar einladend in das weiche Herz, das unter der wilden Horde schon so oft gejammert und geweint und sich weit in die Fremde, in einen edleren Menschenkreis, gewünscht. Aber auf einmal durchschwirrte ein anderer Gedanke das blonde Köpfchen und wehmütig bittend flüsterte die Kleine zu dem Fischhändler: "Lieber guter Mann, warum willst du mich nicht zur Mutter führen?" "Ach, könnt' ich's nur, du holde Kleine," erwiderte dieser und trocknete sich eine Träne von der Wange, "wie gern wollt' ich's tun! - Allein, ich weiß ja nicht, wo deine Mutter zu finden! - Doch tröste dich, armes Kind! Kommt Zeit, kommt Rat! Endlich wird es doch noch geschehen können! - Aber horch', nun wird's ruhig in der Stube drinnen! Die Horde hat ausgetobt. Die betrunkenen Zigeuner werden herauskommen, um hier über den Strohbündeln ihren Taumel zu verschlafen. Es ist höchste Zeit! Willst du, so spute dich - sonst kann es nimmer geschehen und du bist verloren auf ewig!"

Da sah das Mägdlein dem beredten Manne, dem es sogar sehr um die Flucht der Holden zu tun war, kindlich fromm ins Auge und fragte mit klarer Stimme: "Darf ich dir trauen, Mann?"

"So wahr ich Barmherzigkeit bei Gott erhoffe!" entgegnete der Fischveit aufrichtig und kurz und bekräftigte die Wahrheit seiner Rede mit einem feierlichen Blick zum Himmel. "Nun denn," sagte das Mädchen entschlossen, "so übergeb' ich mich dir und meinem heiligen Schutzengel, zu dem Mütterlein mich beten gelehrt. Nimm das arme Waislein, lieber Mann, und führ' es zu guten Leuten."

"Komm' nur! Komm'!" flüsterte Veit Knall und ging voran. Ihm folgte das Kind, eine kleine Laute unter dem Arme. Forschend steckte der Führer den Kopf ins Freie. Und da er den Vorplatz unter den Tannen leer sah von Verdacht, trat er aus der Scheune, bog sich, indem er die Kleine nachzog, pfeilschnell um das Gebäude und mit hundert Schritten hatte er den gefährlichen Ort hinter sich und stand in der Nacht des Urwaldes, dessen Schluchten und Nebenwege er zur günstigen Fortsetzung der Flucht genau kannte. Das Mägdlein betete halblaut hinten drein: "Schutzengel, den mir Gott gegeben, zu leiten meinen Erdenlauf, Verlaß' mich nie in diesem Leben, und führe mich zu Gott hinauf!"

Nach ein paar Wochen, während deren der Fischveit, um jede Spur seiner und des Mägdleins Flucht unkenntlich zu machen, da und dort an den Ufern des Lechstromes sich verborgen - stand er frühmorgens vor dem Frauenkloster Diessen im Bayernlande und zog die große Portalglocke. Die Schwester Pförtnerin erschien verschleiert am Eisengitter vor der Tür und fragte den Wanderer:

"Was begehrt Ihr?" - "Ich bitte nur, Ehrwürdige!" war die Antwort. Da lächelte die Nonne freundlich unter ihrem Schleier und nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß sie der Bitte gewärtig sei. Veit Knall aber fuhr zu reden fort: "Man sagt, dies Kloster sei der Zufluchtsort der Leidenden und Bedrängten! Manch sturmbewegtes Gemüt habe hier schon seine Ruhe gefunden und die zerknirschte Seele ihren Frieden! - Auch seien die Frauen dieser Einsamkeit gar mildtätig und barmherzig mit armen Witwen und Waisen. Wenn dem so ist, oh dann stoßt mich nicht unerhört von dieser Pforte. Seht her, ehrwürdige Schwester, hier steht ein armes Rittertöchterlein, eine verlassene Waise. Das Mägdlein ist unschuldig wie ein Täubchen und rein wie eine Lilie. - Aber wie leicht könnte es vom Strudel der bösen Welt gepackt und hinabgerissen werden in den Abgrund des Verderbens. Darum möcht' ich es anvertrauen der sorgsamen, heiligen Obhut dieses Klosters. Nehmt es auf in eure stillen Zellen und erziehet es Gott wohlgefällig, bis ich in der Zeit des Glückes und süßer Hoffnungen wiederkommen und Gott lobend und euch dankend es heimholen werde zum langersehnten Mutterherde."

Nach einigem Bedenken entgegnete die Nonne Pförtnerin: "Tröstet Euch kurze Zeit - ich will Eure Bitte zu den Ohren der Äbtissin bringen." - Und alsobald eilte sie durch den langen Klostergang, die Treppe hinan, zu der hochwürdigen, milden Frau. Diese betete die Matutin, da sich die Schwester an der verschlossenen Tür meldete. Und als sie nun öffnete, und den Bericht der Pförtnerin vernahm, lächelte sie hold und freundlich und entgegnete: "Es ist immerhin billig, Schwester Agatha, daß wir dem Wunsche des Mannes willfahren! Das Mägdlein sei aufgenommen in unserem Kloster! - Mein Gelübde soll pünktlich und genau vollzogen werden. Du erinnerst dich ja, was ich schon einmal unter Dank gegen Gott, den Allbarmherzigen, dir erzählt! - Damals, als die Heimatburg lichterloh brannte, als ich jammernd und um Hilfe rufend die weiten, schaurigen Schloßhallen durchlief, und über mir die brennenden Balken prasselten - damals hab' ich gelobt in meinem Innern, so ich noch einmal das Leben freundlich grüßen dürfte, mich zu weihen dem Dienste des Herrn in einem Frauenkloster, und alle weiblichen Waisen, jede bedrängte Witwe, die sich melden würde, mütterlich aufzunehmen. Der Gott der Güte hat mich gnädig erhört und ließ mich ein Pförtlein offen finden, durch das ich in die Schloßkapelle und von da mit einem leichten Sprunge durch ein kleines Fensterlein ins Freie mich flüchtete, ehe das gleich darauf niederstürzende Gewölbe mich begraben konnte. Aber, ach Gott, wie es meinen Lieben auf Schwabeck ergangen, ich wußt' es nicht - und hab' es auch bis auf diese Stunde nicht erfahren. Mein Leid und meine Sehnsucht trieb mich von der Stätte des Unglücks hinweg und hinan nach dem Ziele geistlicher Seelenruhe. Als Pilgerin verkleidet, erreichte ist dies Kloster, gab mich zu erkennnen und wurde mit Freuden aufgenommen. Ich hatte das Glück, von den ehrwürdigen Frauen geachtet, geliebt zu sein - und mußte nach Jahren wohl wider meinen Willen, die Würde, aber auch die Pflichtenlast und einstige Rechenschaft der Äbtissin auf mich nehmen. So ist's ergangen, liebe Schwester Agatha! - Nun spute dich, das Töchterlein in das Kloster aufzunehmen. Was Fräulein Gisela von Schwabeck in jenem Augenblicke der schrecklichsten Gefahr versprochen - das hält auch genau und gewissenhaft die Äbtissin vom Nonnenkloster am Ammersee."

Die Schwester verneigte sich und eilte hinab zur großen Pforte. "Der Herr segne deinen Eintritt, liebes Töchterlein!" sagte sie, als sie draußen stand über der steinernen Treppe und dem Mädchen freundlich winkte, heranzukommen. Die ehrwürdige Frau Äbtissin hat es gern erlaubt, um was ich in deinem und deines alten Begleiters Namen sie gebeten. Darfst nicht weinen, lieb Kind! Es soll dir gewiß nicht schlimm ergehen; wirst an der liebenswürdigen, edlen Frau eine Mutter finden." Bei diesen Worten küßte Schwester Agatha das Mädchen schmeichelnd auf die Stirn, und nahm es treuherzig in den Arm. Nun war es Zeit, daß der Fischveit Abschied nahm von der kleinen Wiedergefundenen, die er denn doch, obwohl er sich freute, sie so sicher bewahrt zu wissen, mit gerührtem Herzen und weinenden Augen verließ.

"So lebe denn wohl, liebe Schwinhilde," sagte er zum letztenmal. "Bilde dich zur liebenswürdigen Jungfrau in den heiligen Klostermauern und lebe der süßen Hoffnung, daß ich nach Jahren, wenn ich Mutter oder Vater oder sonst einen Freund gefunden, wieder vor dieser Pforte erscheinen werde, um dich abzuholen."

"Dominus tecum! Der Herr sei mit dir!" gab Schwester Agatha dem Costnitzer den Scheidegruß und schloß die große Klosterpforte. Nonne und Mädchen standen innerhalb der heiligen Mauern.

"Dominus tecum! Der Herr sei mit dir!" wiederholte Veit Knall langsam, gegen die verschlossene Pforte gewendet, und ging endlich wehmütig gestimmt seiner Wege.

Dreizehntes Kapitel

Der blanke Ritter

"Gott zum Gruß!" redete das Weiblein vom Karrenberge die Gesellen von Nettershausen an, als es mit seinem zum starken Jünglinge herangereiften Pflegesohne in die dampfende Esse eintrat, wo soeben der schwerste Hammer mit furchtbarem Schlage das Roheisen schmiedete. "Mögt ihr mir sagen, ihr wackeren Burschen, wo Meister Hans zu treffen? Ich habe eine Waffenbestellung bei ihm zu besorgen, die ihm, so sie nach Wunsch ausfällt, blanke Münzen in die Tasche liefert."

Da trat der hinkende Heinz, der Fürst vom Gebläse, mit der rußigen Mütze unter dem Arme vor die gefürchtete Hexe und entgegnete: "Der Meister ist hinüber nach Ursberg, den alljährlichen Pachtschilling gewissenhaft dort zu entrichten. Denn die hochwürdigen Herren vom Kloster haben die Verwaltung der Einkünfte und Güter von Schwabeck übernommen, bis der Graf vom Morgenlande oder ein rechtmäßiger Erbe sich zeigen wird, selbst wieder davon Besitz zu nehmen. Doch so Ihr Euch gedulden wollt, lieb Wunderweiblein, mögt Ihr Euch auf die Tonne setzen dort im ruhigen Ecke. Hans Netter wird jeden Augenblick zurückerwartet."

Gertrud nahm Platz am besprochenen Orte und während ihr junger Begleiter gedankenvoll in die sprühende Flamme schaute, summte sie das Sprüchlein vor sich hin:

"Ist die Arbeit mit Gott begonnen,
endet der Tag nicht nutzlos zerronnen!
Wollet ihr drum am Abend Glück,
hebet am Morgen nach oben den Blick!

Juchu!
Hammer schlag' zu!,

Schmiede dem wackern Rittersmann,
fest und geschmeidig die Rüstung an!"

Bald darauf trat Meister Hans in die Esse und staunte nicht wenig über den frühmorgigen Besuch vom Karrenberge. "Ihr seid schon zeitig genug aufgestanden!" redete er Gertrud an, die ihm entgegentrippelte. "Die Vöglein vor Eurer Hütte singen auch gar zu früh und die Klosterglocke, wenn die Väter von Ursberg zur Mette gehen, weckt Euch mit ihrem einladenden Widerhall jedesmal zum Morgengebete."

"Wie es einer gutgläubigen Christin wohl ansteht!" entgegnete das Wunderweib und machte ein großes Kreuz von der Stirn bis auf die Brust. Unwillkürlich taten der Meister und die Gesellen wie bezaubert das nämliche. - Nach einer Pause unheimlichen Stillschweigens fragte endlich der Pächter: "Was ist Euer Begehr in Hans Netters rußiger Esse?"

Und Gertrud entgegnete kurz und schnurrig: "Waffen sollt Ihr mir schmieden, ehrbarer Hammermeister!" - Da wurden die großen Augen des schwarzen Mannes noch viel größer. Und mit weit aufgesperrtem Munde dehnte er halb neugierig, halb erschreckt die Frage auseinander: "Waffen? Waffen und für die He - Gott helfe mir, wollt' ich sagen, für Gertrud vom Karrenberge?" Das braune Gesicht des Weibes verzog sich in einem launigen Lachen: "Was fällt Euch ein, Hans Netter vom Eisenhammer? Ist nicht mein Pflegesöhnlein groß gewachsen? Da seht den handfesten Buben. Es ist Zeit, daß er ein anderes Handwerk treibe, als mit dem alten Kater zu spielen und die Raben vor der Hütte zu füttern. Zwar hat er sich schon längst ein Schwert geschnitzelt aus derbem Eichenholz und eine Lanze gebrochen vom jungen Birkenstamme; die Decke des Edelhirsches, den er als erste Wildbeute erlegt, hat er gegerbt und dreimal übereinander genäht zum undurchdringlichen Schilde und die zähen Wurzeln des Eppichs und der Hagebuche zusammengestrickt zum biegsamen Panzerhemde. Ich wette zwei blanke Silbergroschen an nichts, jeder Eurer rußigen Gesellen wird von meinem kecken Knaben besiegt im Handgemenge. - Aber was soll dies heißen? Fort muß der Junge, fort mit stählernen Waffen! Soll er verkümmern in der schaurigen Einsamkeit des Karrenberges? Nein, das soll er nicht! Die alte Trude weiß nur zu gut, daß ein edles Blut in den jugendlichen, starken Adern rollt!"

Die Herausforderung des Wunderweibes hätte die Hammergesellen fast verdrossen und murrend rotteten sie sich zusammen, das Faustringen instand zu setzen. Da sie aber gegenüber die schlanke und nervige Gestalt des Burschen vom Karrenberge vor sich sahen, der in der Erwartung eines willkommenen Kampfes in ihren Augen fast zum Riesen ward - brummte Heinz den ändern zu: "Beim großen Hammer, die Alte kann es hexen!" Und gutwillig zogen sie sich zurück. Gertrud hatte die Bewegung der Gesellen wie ihren Rückzug genau bemerkt und wohlgefällig lächelte sie auf ihren Pflegesohn. Dann aber sprach sie zum Meister:

"Laßt den Hammer kräftig fallen,
schmiedet flink und tapfer drein!
Soll ich Euch mit Silber zahlen,
muß auch gut das Eisen sein!
Schwert und Helm und Schild und Lanze,
Bügel, Panzerhemd und Sporn!
All dies Zeug gehört zum Tanze,
heißer Schlacht, samt Jagdenhorn! -
Schmiedet drum, ihr Rußgesellen!
Seid ihr fertig vor der Zeit,
soll der Lohn euch auch nicht fehlen,
Gertrud hält ihn schon bereit! -
Hammer auf und Hammer nieder,
morgen sehen wir uns wieder!"

Und kaum daß der Meister stillschweigend das Maß nehmen konnte an der regelmäßigen Körperform des Jungen, war das Wunderweib mit diesem auch schon aus der Esse hinaus und schlug den Hohlweg ein, nach dem Karrenberge.

Unter den uralten Tannen, aus deren Dunkel man hinübersah zu den silbernen Schlangenkrümmungen der erlenbekränzten Mindel - hielt sie an, und redete zum Pflegesohn: "Mein lieber Ulrich, bald stehst du nun fertig da in der blanken Rüstung eines wackeren Ritters und der Augenblick des Ausrittes aus den Knabenjahren, auf den du dich schon so lang gefreut, erscheint mit der Frühsonne des morgigen Tages. Du wirst sechzehn Jahre voll, wie der Denkzettel, den ich in einem goldenen Büchslein auf deiner Brust gefunden, mir es geoffenbart. Allein die Zeit der Freude, in der ich dich nun nach wenigen Tagen als stählernen Mann mit Schild, Schwert und Lanze sehen will, bringt auch ein hartes Leid mit sich. Wir müssen uns trennen, liebwertes Rittersöhnlein. Die einsame Weiberstube auf dem Karrenberge ist keine Herberge mehr für den starken Körper, der mit dem Feinde es aufzunehmen imstande ist, kein rühmliches Ziel für den unternehmenden Geist, der sich nach großen Taten sehnt. Anfangs hatte ich den Plan, in den Dienst eines edlen Ritters dich zu bringen und hättest du dich unter seiner Leitung zum würdigen Knappen gebildet, wollt' ich dich selbst zum Ritter schlagen lassen auf dem berühmten Turniere zu Augsburg. - Allein ich hatte Furcht, dein weiches Herz und dein gutes Gewissen möchten im Schwarm der lustigen Gesellen einer Ritterburg groben Schaden leiden - und ich behielt dich an meiner pflegemütterlichen Seite in der unschädlichen Einsamkeit unserer Berghütte. Nun aber ist es Zeit! Du mußt hinaus, hinaus in ferne Lande! Palästina ruft jeden tapfern Kämpfer! Von dort her winkt das Kreuz des Erlösers! Von dort her flattert die heilige Fahne! Auf, Söhnlein, auf! - Was du bei irgend einem Turniere nicht geworden, dazu sollen dich kühne Taten stempeln. Und es ist mir lieber und deiner würdiger; in der Schlacht für den Glauben an den Heiland der Welt erhalte den Ritterschlag!"

Stolz und kräftig stand der Pflegesohn vor der alten Trude, als er diese Worte hörte. Das Feuer jugendlichen Mutes blitzte aus seinen funkelnden Augen. Dessen freute sich das Weib gar inniglich und küßte zärtlich seine bräunliche hohe Stirn. Dann sprach sie weiter: "Ich habe, lieber Ulrich, an dir getan, soviel nur immer in meinen Kräften stand. Und erntest du einst in goldener Zukunft die süßen Früchte, wirst du auch gerne eine Träne des Dankes mir zollen über der Gruft des vermoderten Wunderweibes. - Da du noch ein Kind warst, belebte ich mit guten Sprüchlein und Grundsätzen die Liebe zu Gott und den Menschen in deinem zarten Herzen. Ich lehrte dich beim frühesten Erwachen deiner Vernunft das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Ich beschäftigte deine Einbildungskraft, wie deinen Körper, mit allerlei Dingen, die dir einst nützlich werden könnten. Als du zum lebensfrohen, gesunden Knaben emporgewachsen, schickt' ich dich zu den ehrwürdigen Chorherren von Ursberg Sie unterrichteten dich unverdrossen in manchem, was du zu deiner und fremder Wohlfahrt brauchen kannst. Freigiebig ließen sie dich hineinschauen in die Geheimnisse der Natur; du lerntest die verborgenen Kräfte derselben kennen. Du betrachtetest in andächtiger Wißbegierde die Sterne der klaren Mitternacht. Dein Forschen drang in die ewigen Bahnen, die ihnen der Unendliche vorgezeichnet. - Ulrich, lieber Pflegesohn! Heute sag' ich's dir mit heiterbewegtem Herzen, du hast mir viel Freude gemacht. Und wenn du heimkamst aus der Klosterschule - dann harrten andere Künste und Beschäftigungen deiner, daß sie von dir erlernt und betrieben würden zum Vorteile.deiner Zukunft. - Was hat sich die alte Trude nicht Mühe gegeben? Jedes Kräutlein, die kleinste Wurzel, Blumen, Früchte und Rinden, in denen eine wunderbare Heilkraft verborgen, hat sie dir zehnmal und zwanzigmal gezeigt, bis du ein jedes erkannt und die Anwendung in den Krankheiten der Menschen genau erlernt. - Außerdem hast du, was du so gern tatest, den jungen Körper abgehärtet im brennenden Sonnenstrahl, wie im stürmischen Gewitter, im kalten Schneegestöber, auf der wilden Jagd im Eberforst, im Faustringen und Preiskampfe bei den ländlichen Festen der Talbewohner. - Und vor allem hast du dir bewahrt die Zierde eines ehrenfesten Jünglings, die Krone aller klugen Reden und edlen Taten, den christlichen Sinn im rechtgläubigen Herzen. - So magst du immerhin von mir scheiden, mein teures Söhnlein! Ich kann mich vom ersten Augenblick des Abschieds an auf den freundlichen, süßwillkommenen Tag der Zukunft freuen, da du die alte Pflegemutter Gertrud wieder besuchen wirst als ein wackerer, schwäbischer Ritter!" Hier schwieg sie und betrachtete wohlgefällig den Jungen, der dankbar ihre runzlige Hand an sein hochroten Lippen drückte.

Dann stiegen sie nebeneinnander den struppigen Berg hinan. Und während die Alte dem aufmerksamen Pflegling noch manche gute Lehre erteilte, gelangten sie, als die Vormittagssonne über die dunkelgrünen Gipfel der Tannen hinaufstieg, an die einsame Hütte.

Die nächstfolgenden Tage kletterte Gertrud noch oft hernieder zum Hammer von Nettershausen, bestellte allerlei, womit sie den Jungen -beim Abschiede überraschen wollte und ermunterte die Gesellen mit einigen Silbergroschen, das Waffenzeug fix und fertig zur bestimmten Stunde bereit zu halten. Und da Hans Netter ihr eines Morgens die Kunde zuschickte, der stählerne Ritter stehe blank in der Esse, lenkte sie eilends ihren Fußtritt auf den Feldweg nach Thannhausen. Sie hielt auch wirklich am dortigen Meierhofe, um dem dickleibigen Christoph einen jungen, mutigen Schimmel abzuhandeln. Der Knecht des Meiers sollte das Pferd am anderen Tage in aller Frühe den Karrenberg hinanleiten und zugleich die Rüstung vom Hammer, an dem ihn der Weg vorbeiführe, mit sich bringen. Gertrud konnte die ganze Nacht nicht schlafen. So sehr war sie ergriffen vom wehmütigen Vorgefühle der nahen Trennung. Und doch freute sie sich selbst wieder auf den schönen Augenblick, da sie den starken Jungen vor sich sehen konnte als geharnischten Ritter.

Kaum daß das Grauen der tieföstlichen Dämmerung sich heimlich hindurchstahl durch die Ritzen der Bäume, hatte sie ihre Binsenmatte verlassen, weckte den Pflegling und trat mit ihm hinaus in die frische Morgenluft. "Heute also müssen wir scheiden, lieber Ulrich!" sagte sie tiefgerührt, "wohl nur eine Stunde noch - und du hast das freundliche Mindeltal, die stille Hütte auf dem Karrenberge und deine alte, weinende Pflegemutter weit hinter dir gelassen. Kurz sag' ich dir noch den Inbegriff aller Lehren, die ich dir von Kindheit an gegeben! Behalte sie in deinem Gedächtnisse und handle danach - und du wirst selbst in den Tagen der Drangsal die innere Ruhe, den Frieden deiner Seele nie verlieren. - Fürchte Gott und halte seine Gebote! Liebe deine Mitbrüder! Hasse das Unrecht, fliehe die Versuchung! Bewahre deine Unschuld! Kämpfe zu Gottes Ehre! Sei ein Löwe in der Schlacht, ein Lamm im Frieden! Verficht das Recht der Witwen und Waisen! Schütze die Reinheit edler Jungfrauen vor den Nachstellungen böser Ritter! Und - höre mich wohl - vergiß das Gebet nicht! Morgens und abends und so oft dir sonst während der Tagzeiten ein guter Gedanke beifällt, sei er dem lieben Heiland geweiht, dessen heiliges Grab das Ziel deiner Kreuzfahrt ist! - Oh dann, Söhnlein, wenn ich dich wiedersehe, wenn ich alte Trude den jungen, stattlichen Ritter in meinen Armen habe, dann möge mir Gott der Herr den Stolz verzeihen, weil ich dich Pflegekind schelten darf. - Kommst du aber zurück und findest Gertrude vom Karrenberge nimmer in der Tannenhütte, dann wandle seufzend hinaus ins Mindeltal; du weißt ja das Plätzchen an der kleinen Kapelle im Eichbühl, das ich mir auserkoren zur letzten Ruhe. Wandle hinaus, segne meine Asche - Söhnlein, herziges Söhnlein und schenke mir eine Träne kindlicher Dankbarkeit!" Hierbei schwammen dem Wunderweibe manche Wermutsperlen um die bräunlichen Augenlider. Ulrich aber weinte laut und lang, daß eine Zähre die andere verdrängte aus den feuchten Wimpern.

Endlich stieg der Knecht mit dem Schimmel und der Rüstung den Berg hinan. Und da sie ihn kommen sahen, erheiterten sich auf eine Viertelstunde die trüben Blicke. Das feurige Roß wieherte von weitem, seinen jungen, ehrenwerten Reiter zu begrüßen. "Oh treues Pflegemütterlein, wie habt Ihr so trefflich für mich gesorgt!" rief der Jüngling und herzte die Alte fast wonnetrunken. Diese aber ließ ihn nicht weiter zum Worte kommen, eilte hinzu, lud den Panzer samt allem Zugehörigen vom Rücken des Schimmels und schickte sich an, dem jungen Auswanderer das stählerne Kleid anzuschnallen. Ei, wie glänzte die Freude in ihrem Angesichte! Alles paßte so fest und nett; und wer in dem Augenblicke den Pflegling der Hexentrude gesehen hätte, der wäre in der Verwunderung so weit gekommen, ihn für den ersten Ritter im Schwabenlande zu halten.

Nun wischte sie ihm mit einer Schale voll Morgentaues den bräunlichen Saft des Schöllkrautes aus dem Gesichte. Und schneeweiß glänzte die Stirn des Jünglings. Seine Wangen glühten im natürlichen Rot, wie seine Lippen;

und über die Schultern rollte das schwarze Lockenhaar. Die sorgsame Pflegemutter hatte bald da, bald dort noch eine Schnalle anzuziehen, oder eine Spange locker zu machen, wiewohl diese Geschäftigkeit ganz überflüssig war.

Darauf reichte sie dem Geharnischten Schwert und Lanze und endlich den Schild. Der war eigens schön geformt von Meisters Hand und die Ursache des oft wiederholten Ganges der Alten nach dem Hammer gewesen. In erhabener Arbeit war über seiner Wölbung eine altertümliche Burg zu sehen, aus deren Bogenfenstern rötliche Flammen leckten und schwarze Rauchwolken in die bläuliche Luft wirbelten. Darunter stand mit goldenen Buchstaben in arabischer Zeichnung die rätselhafte Inschrift: "Der Unbekannte."- Gertrud spielte auf die traurigen Schicksale aus der Kindheit ihres Pfleglings an und sagte: "Sei von heute an Ulrich, der Ritter von der brennenden Burg! Und wer immer dir in den Sandsteppen irgend einer Wüste begegnet, oder in der Abendherberge entfernter Städte mit dir trinkt, heiße dich willkommen unter dem Namen des Unbekannten. Den Denkzettel aber im goldenen Büchslein, der Auskunft gibt über dein echtritterliches Geschlecht, bewahre ich sorgfältig unter meinem Mieder, bis du wiederkommst. Und geh' ich während der Zeit zur Grabesruhe ein, findest du ihn vergraben unter der großen Tanne hinter der Hütte. Nun steige zu Roß, du edler Ritter! Zieh' hin im Schutze des Allmächtigen! Die alte Trude vom Karrenberge wird täglich für ihr Söhnlein beten!"

Ulrich hatte die Pflegemutter geküßt und saß flink auf dem mutigen Schimmel. Das Schwert klirrte an seiner Linken, hoch flatterten die weißen und roten Federn über dem Helme und die Lanze stak rechts in der Scheide am ehernen Bügel.

Der Augenblick des Scheidens war gekommen. Der Blick der Alten ruhte gar schmerzlich auf dem frischen Antlitz ihres Lieblings. Und noch einmal nahm sie das Wort und sprach: "Ich habe dir hinten am Sattel des Pferdes einen langen, schwarzen Talar aufgepackt, mein Söhnlein, und dazu ein Kistchen mit Heilkräutern, Rinden, Wurzeln und stärkendem Balsam! In der Zeit der Not, da dir die Kunst des Arztes und die Ausübung heilsamer Wissenschaft mehr Vorteil bringt, als das Handwerk des Ritters, magst du dies Zeug umtauschen gegen Lanze,Schild und Panzer. So reite hinaus in Gottes Namen! Und wenn dir im fernen Lande deutsche Ritter begegnen, laß sie nicht an dir vorüber, ohne das du sie genau betrachtest! Dein Vater trägt auf der Wölbung seines Schildes das ungarische Wappenfeld und den polnischen weißen Adler! - Fahre wohl denn, Söhnlein! Glück zu, Ritter von der brennenden Burg! Glück zu, tapferer Unbekannter!"

Bei diesen Worten, die durch ihr Schluchzen oft unterbrochen wurden, gab sie ihm den letzten Handschlag und zeichnete ein Kreuz auf seine geharnischte Brust. Er aber schlug, um die Träne des Scheidens zu verbergen, das blaue Visier ins Gesicht, spornte den Schimmel - und hinweg war er zwischen den hohen Gesträuchen. Langsam trat Gertrud zurück in die Hütte und betete den ganzen Tag hindurch unter mütterlichem Schluchzen.

Vierzehntes Kapitel

Der deutsche Arzt

Da noch erst in den Tälern der Wertach, Schmutter und Mindel die Tage des Vorfrühlings sich angemeldet, brannte die Sonne des höchsten Sommers hernieder auf die sandigen Steppen der großen syrischen Wüste. Sie begrüßte aber auch die paradiesischen Hochebenen von Damaskus, der schon durch die wunderbare Bekehrung des großen Apostels berühmten, in der Folge aber von Mohammeds Nachkömmlingen, den Kalifen, beherrschten Stadt. Diese Gegend bildete mit der nahe grenzenden Wüste einen auffallenden Gegensatz. Denn da grünten die schattigen Palmen in den großen Gärten, die die große Stadt umgaben; es blühte der Ölbaum und reifte die Dattel. - Bis auf diese Stunde lobt der Muselmann vor allen Früchten die Traube von Damaskus; und das liebste Getränk ist ihm der Sorbet aus Damaszener Rosinen.

An einer sprudelnden Quelle, die die Gärten und Wiesen der Stadt bewässert, saß in dar frühesten Morgenstunde der Ritter von der brennenden Burg und betrachtete, von sonderbaren Gefühlen durchdrungen, mit herumschweifendem Blicke die ruhig liegende, orientalische Häusermasse mit den unzähligen Minarets, die in der goldenen, reinen Morgenbeleuchtung schimmerten wie festlich geputzte Herolde mächtiger Fürsten.

Und endlich nach einer langen Weile tiefen Nachdenkens und unschlüssiger Betrachtung löste er die Schleifen des Panzers und entkleidete sich bis auf das enganliegende Beinkleid. Dann öffnete er den Mantelsack auf dem Rücken des Schimmels, der unweit der Quelle das fette Gras der blumigen Wiesen sich schmecken ließ, und langte nach dem schwarzen Rocke, den die sorgsame Pflegemutter vom Karrenberge samt dem Arzneikästchen ihm auf die Wanderung mitgegeben. "Ich will den guten Rat der alten Gertrude befolgen," sagte er zu sich, "und die große Kalifenstadt, die den bewaffneten Ritter feindselig empfangen würde, als fränkischer Arzt betreten. Helm, Panzer, Schwert und Lanze sind mir liebe und treue Gefährten in der offenen Schlacht, oder wenn ich dem einzelnen Muselmann begegne in der öden Wüste. Hier aber würden sie mir nur Verdacht oder gar Sklavenketten und Verderben bringen. Der einzelne Starke unterliegt dem Angriff der Menge. Aber der deutsche Arzt ist, wie ich gehört, willkommen und geachtet unter Mohammeds Volk. So wird die Kunst selbst vom Feinde in Ehren gehalten. Lieb Pflegemütterlein, wie herzlich dank ich dir aufs neue für den geheimnisvollen Unterricht, dessen Frucht zu schmecken mir nun trefflich zu statten kommt im fremden Lande. Durch diese List begünstigt, hoff ich das christliche Heer bei Hebron glücklich erreichen und vor dem heiligen Grabe bald in Andacht knien zu können." Er hatte währenddem das stählerne Ritterzeug zusammengepackt unter dem Mantelsack und dem Rücken des Pferdes aufgeladen. Nur das Schwert hing unter dem langen Rocke verborgen an seiner Seite. Das Kistchen mit den Arzneien aber trug er unter dem Arme. Und an der Hand den Zügel, an dem er den treuen Schimmel hinter sich herführte, näherte er sich der Stadt Damaskus. In einer abgelegenen, menschenleeren Straße suchte er sich eine Herberge. Und bald ging die Nachricht von Mund zu Mund: "Ein reisender Frankenarzt bietet den Kranken in Damaskus seine Hilfe an."

Kaum waren einige Wochen vorüber, so hatte das Glück, mit dem er die geheime Wissenschaft trieb, ihn zum Wundermann erhoben. Ehrerbietig ward er gegrüßt von jung und alt und von Hunderten besucht, sie seines weisen Rates und seiner Hilfe bedurften. Da trat eines Abends ein Mann zu ihm, groß und schlank und begabt mit einem langen schwarzen Barte. Die Kleidung verriet den Türken. Aber wie staunte der Deutsche, da der Muselmann seinen Mund öffnete. Dieser nämlich redete ihn in seiner Muttersprache an: "Der Emir Abdel Meiek sendet mich zu dir und läßt dich bitten, mir zu folgen. Er ist vom Pferde gestürzt und eine schmerzhafte Wunde fesselt ihn ans Krankenlager. Die Ärzte von Damaskus schütteln bedenklich die Köpfe und wollen fast zweifeln an einem glücklichen Ausgang der Krankheit. Da hat man dem Emir deine Kunst angepriesen - und ein glänzender Lohn soll dein werden, wenn du ihm helfen kannst."

Der verkappte Ritter von der brennenden Burg besann sich nicht lang, der Einladung Folge zu leisten. Er nahm geschwind Heilkräuter und Wundbalsam und ging dem Muselmann willig und schweigend nach durch die dunklen Straßen. Nach Verlauf einer halben Stunde standen sie vor einer hohen Gartenmauer, über die die Zweige der Palmen und Äste der Robinien, wie Gespenster mit langen Armen, herab sich neigten. Der Führer des Arztes hatte den Schlüssel zum Tor und öffnete. Sie traten in den Garten und wandten sich bald rechts, bald links durch die von duftenden Gesträuchen umdüsterten Gänge. Auf einmal hielt der Deutsche vor einem alten, aus grauen Quadern erbauten Turme. Es war ihm, als sei ein Menschengeseufze aus dem Eisengitter an sein Ohr gelangt. Er horchte still auf und hatte sich nicht getäuscht. Von tiefen Männerstimmen tönte der deutsche Schmerzensruf in.die Nacht hinaus: "Oh Herr und Heiland, erbarme dich unser und rette uns!"

Der Arzt, von Mitleid ergriffen, sah seinen Führer fragend an. Und dieser erzählte: "Das Angstgebet, das Ihr soeben vernommen, tönt nun schon eine lange Reihe von Jahren aus diesem Kerkerloch. Ach, es zermalmt mir das Herz und doch kann ich nicht helfen. Ein deutscher Graf mit seinem Knappen liegt hier innen gefesselt. Er wurde gefangen während eines Kampfes mit den Saracenen in der syrischen Wüste. Ich, Peter von Jenkendorf, war sein Streitgenosse und teilte ein gleiches Schicksal mit ihm. Der Emir, dem wir als Sklaven ausgeliefert wurden, der nämliche, der nun deiner Hilfe bedarf, forderte von uns die Entsagung vom christlichen Glauben und die Annahme des Islams. Der Graf und sein Knappe widerstanden hartnäckig dieser Forderung und zogen einem mußevollen Leben den jahrelangen schrecklichen Aufenthalt in diesem Turm vor. Allein ich hielt die Drangsal nicht aus. Und dacht' ich, was ist denn auch Schlimmes daran, wenn ich den Turban trage und mich Muselmann schelten lasse; im Herzen kann ich ja doch dem christlichen Glauben treu ergeben sein. Manchmal schauert's mir freilich sonderbar durchs Gewissen und eine peinliche Angst, als hätt' ich unrecht getan, jagt den Schlaf der Mitternacht von meinen weichen Polstern. In solchen Augenblicken lag' ich fast lieber neben dem Grafen im Turme. Jedoch die Hoffnung, es werde einmal ein Retter kommen, der die Gefangenen aus dem Kerker und mich vom Turban befreit, erwacht mit jedem Morgen in meiner Seele. Nun wißt Ihr, was es mit den Klagestimmen im Turme für eine Bewandtnis habe. Und daß ich noch ein echter Christ bin, mögt Ihr aus meiner Aufrichtigkeit gegen den Landsmann erkennen. Ich hoffe aber auch, daß Ihr die Mitteilung dieser traurigen Geschichte nicht zu meinem Schaden mißbrauchen werdet." "Habt keine Sorge," entgegnete der Arzt, als sie ihre Fußtritte auf einen breiten Pfad hinlenkten, der schnurgerade zum Palaste des Emirs führt. "Im Gegenteil werde ich alles aufbieten, das, was ich gehört, zu Eurem und der Gefangenen Vorteil zu benützen. Allein ich kann Euch nicht verhehlen, Peter von Jenkendorf, Ihr habt schlecht gehandelt, mit Eurem Glauben zu spielen, wie mit einem Kinderballe. Und ich sag' es Euch derb heraus, Ihr seid nie ein guter Christ gewesen. Denn wer so mir nichts dir nichts das äußere Zeichen vertauscht bloß einer gelinderen Behandlung wegen, der ist auch bald daran, für einige Silberlinge den Heiland zu verleugnen. Pfui, das war von Euch böse getan, Peter von Jenkendorf! Und das deutsche Vaterland muß Euch verachten, wenn Ihr je dahin zurückkehren solltet."

Der große Mann im Turban sah den Franken verblüfft und fast vernichtet an. So hatte er die Wahrheit nicht gehört seit Lebenszeiten. Es war auch so gräßlich und wild die Sünde, die er leichtsinnig begangen, nie vor ihm gestanden, wie in diesem Augenblick. Zähneknirschend vor Unmut über sich selbst kauerte er sich näher an den Arzt und fragte mit bewegter Stimme: "Was ist zu machen, daß meine Seele dereinst nicht verloren gehe?" Und der verkappte Ritter von der brennenden Burg erwiderte, da er seinen Führer also weich gestimmt sah, vorsichtig um sich blickend, ob kein ungeladenes Ohr sie belausche: "Aus Eurer Rede am Turm glaub' ich schließen zu dürfen, daß Ihr nicht ungeneigt wäret, Euch zu freuen, wenn der Graf mit seinem Knappen von den Ketten, Ihr aber vom Turban errettet würdet. Ich habe nun in meiner Seele den Entschluß gefaßt, dieses Wagstück zu unternehmen. Euren groben Fehler könnt Ihr aber dadurch gutmachen und Verzeihung erlangen vom lieben Herrgott, wenn Ihr mir beisteht im großen Werke, soviel es in Euren Kräften liegt. Doch weh Euch, wenn Ihr einen Verräter spielen und mich verraten wollt. Ich führe ein gutes, kräftiges Schwert unter diesem Rock. Und der erste der Muselmannen, die daran zappeln sollen, müßt Ihr sein, Jenkendorf."

Bei diesen Worten standen sie an der großen Pforte des Palastes. Die Angeln knarrten und die eine Seite der Doppeltür öffnete sich. Ein Sklave erschien stumm und ehrerbietig, den Arzt in das Innere der Gemächer einzuführen. Peter von Jenkendorf flüsterte diesem zu:

"Ich habe hier zu warten, bis Ihr das Geschäft bei Abdel Meiek abgetan, um Euch wieder durch den Garten zurückzugeleiten. Dann wollen wir uns genau darüber besprechen. Einstweilen habt Euch wohl und nehmt den Segen Gottes mit ans Krankenbett des Emirs."

Der Sklave führte den Arzt durch eine Reihe von prachtvoll geschmückten Gemächern, in denen da und dort wachhabende Eunuchen standen oder lautlos vorüberschritten, die Nachricht von dem Übelbefinden des vornehmen Türken in den Harem zu bringen. Endlich vor einem purpurroten, von dem bemalten Plafond bis auf den glänzenden Boden herabfließenden, goldbestickten Vorhange, mußte der deutsche Arzt sich bescheiden, bis der Kranke den Einlaß gestattete. Nach einer Weile wurde von innen mit einer goldenen Schnur die kostbare Hülle zu beiden Seiten zurückgezogen und der Unbekannte stand vor einem reichgewirkten Diwan, auf dem der kranke Emir, blaß und hager, mit düsterem Unmute, daniederlag. Es herrschte eine unheimliche Stille im dunkeln Gemache. Der Blick des Emirs ruhte in der Gegend von Mekka. Da aber der Leidende den hilfebringenden Deutschen vor sich sah, legte er die Hand auf das mit Diamanten besetzte Schwert, das vor ihm lag und sprach mit zitternder Stimme: "Christ, ich habe gehört, daß du die Kunst verstehst, arge Wunden zu heilen. Beim Grabe des erhabenen Propheten, ich werde dich belohnen mit der Großzügigkeit eines Emirs, wenn du mir helfen willst. Hast du aber Arges im Sinne, so soll dies Schwert sich baden im Blutstrome deines Herzens."

Der Deutsche verneigte sich kaum bemerkbar. Und dieser stolze Ernst gab seinem geheimnisvollen Anstande eine seltene Würde. Dann entgegnete er: "Fürst von Damaskus, die edle Arzneikunde fragt weder nach der Religion des Hilfebedürftigen, noch nach dem unterschied des Standes. Zeige mir deine Wunde."

Und die Sklaven, die ehrerbietig in der Ferne standen, eilten auf einen Wink des Emirs herbei, den Verband vom beschädigten Fuß hinwegzunehmen. Schweigend untersuchte der Arzt die Wunde, schweigend langte er aus dem schwarzen Talare ein silbernes Büchslein, goß Balsam auf ein kühlendes Heilkraut, legte es über den Fuß und wickelte diesen in ein seidenes Tuch. Dann träufelte er zwölf Tropfen einer stärkenden Tinktur in das Glas mit Sorbet, das in einer vom schwachen Lampenlicht durchdämmerten Nische vor dem Kranken stand. "Hier," sprach er, "trinke in der Stunde zweimal, und ehe die Morgensonne sich spiegelt in den metallenen Ziegeln der Minarets von Damaskus, wird, so der Allmächtige dich segnet, die Krankheit zum Besseren sich gewendet haben."

Er verneigte sich wieder. Und weil der Emir nichts mehr zu gebieten hatte, trat er den Rückzug an durch die fürstlichen Gemächer. Vor der großen Pforte stand Peter von Jenkendorf des Landsmannes gewärtig, ihn zurückzugeleiten durch den langen Garten, zwischen dessen Palmen und Ölbäumen die früheste Morgenstunde zu dämmern begann. Sie besprachen noch vieles miteinander und da sie schon durch die Gesträuche hindurch der grauen Mauer sich näherten, sagte der Muselmann:

"Eure Worte, ehe Ihr in den Palast einginget, und das Mißtrauen auf meine Redlichkeit hätten mich fast verdrießen können! Allein ich will Euch zeigen, das unter diesem Kaftan des Türken noch ein deutsches Herz schlägt! Verlaßt Euch auf mein Wort. Der Graf samt dem Knappen soll gerettet werden." Hierbei reichte er dem Arzte die Hand, schob ihn sanft hinaus zur geöffneten Gartenpforte und eilte fürbaß in den Palast zurück, um keinen Verdacht zu erregen.

Fünfzehntes Kapitel

Die Befreiung

Der Besuch des Ritters von der brennenden Burg bei dem kranken Emir mußte noch öfter wiederholt werden. Letzterer aber zeigte mit jedem Tage ein fröhlicheres Gesicht. Die Wunde fing zu heilen an und jede Gefahr war beseitigt.

Da rückte denn der Abend heran, an dem der Arzt den Kranken zum letztenmal besuchen wollte. Und die Stunde schlug, welche bestimmt war, die Gefangenen aus dem Turm zu befreien. Es war eine heitere, sternbesäte Sommernacht. Die Düfte der Aloe und des Tulpenbaumes, der balsamische Tau der Rosenhecken und des persischen Flieders tanzten, wie muntere Genien, unsichtbar durch die reinen Lüfte. Die griechische Nachtigall schlug in den dunklen Zweigen.

Peter von Jenkendorf harrte innerhalb der verschlossenen Gartenpforte, auf ein verabredetes Zeichen dem Arzte sie zu öffnen. Aber siehe, wie staunte er! Es trat nicht der Arzt - nein, ein schöner, geharnischter Mann trat ein mit Helm und Visier, mit Schwert, Schild und Lanze. Fast hätte er in seinem Aberglauben diese Erscheinung für den irrenden Geist eines deutschen Ritters gehalten, der von einem Muselmann erschlagen, im Lande der Ungläubigen keine Ruhe fände. Allein da er ihm recht genau ins Gesicht blickte und seine Stimme hörte, überzeugte er sich höchlich verwundert, es stehe die längst bekannte Person des Arztes vor ihm.

Dieser ließ dem großen Peter nicht Zeit zu seinen hundert Fragen, sondern flüsterte ihm zu in notwendiger Eile: "Habt Ihr Wort gehalten, Jenkendorf, so wollen wir keinen Augenblick versäumen." Der Muselmann schmunzelte in selbstgefälliger Art und entgegnete: "Wie mögt Ihr auch Eure Rede noch so bedingungsweise setzen? Da seht den Talisman, der uns die Gittertür des Turmes öffnet!" Hierbei zog er einen großen Schlüssel aus den Falten seines Kaftans und fuhr fort: "Das Pulverchen, das Ihr mir neulich gabt, hat seine Wirkung getan. Ich mischte es in den Sorbet, den ich heute abends dem Sklavenmeister reichen mußte. Kaum hatte er das Getränk zu sich genommen, fiel er in einen Schlaf, der so betäubend auf seine Stirn drückte, daß ich mit vieler Bequemlichkeit den Turmschlüssel heraussuchen konnte aus dem mannigfaltigen Metallzeug, das über seinem Kopfe hängt. Nun aber laßt uns eilen!" Bald standen sie vor dem grauen Turm und hörten wie neulich das Klagegebet: "Oh Herr und Heiland, erbarme dich unser und rette uns!"

"Seid getrost!" flüsterte der Ritter durch das Eisenfenster. Peter von Jenkendorf öffnete inzwischen die Tür. Und ein schauriger Anblick, der alles menschliche Mitleid rege machte, bot sich den Eintretenden dar. Zwei Männer waren zu sehen, von denen der eine, eine langbebartete, durch, den Aufenthalt im dumpfen Turme abgemagerte Gestalt, händeringend am Boden knieend; der andere aber, dessen Jugend der giftigen Kerkerpest zum Teil noch widerstanden, am Gesims des Eisengitters lehnte und den wehmütigen, hoffnungslosen Blick hinauf wandte zu dem nächtlichen Gestirn. "Trocknet eure Tränen!" redete der unbekannte Ritter sie an. "Der Herr und Heiland, zu dem ihr so oft und lang gefleht, will sich euer erbarmen und euch retten. Euer Kerker ist geöffnet! Kommt, folgt mir ins Freie! Der Allmächtige segne eure Flucht!"

Und ohne daß die Gefangenen wußten, wie ihnen geschah, waren sie an die geöffnete Pforte gekommen, durch die der Fußpfad vom Palaste aus sich hinüberschlängelte in die blumigen Wiesen und sonnigen Hügel des Tales Gutha. Hier sanken die Geretteten auf ihre Knie und dankten Gott. Tränen der Rührung und der Freude zitterten in ihren Augen, die bisher nur von Kummer und Hoffnungslosigkeit feucht geworden.

Nun aber gab sich Peter von Jenkendorf zu erkennen. "Zürnt mir nicht, edler Graf, daß ich mit dem Turban mein Christenhaupt befleckte! Beim Heiligen Grabe, es war mir nicht ernst mit dem Koran! Die Schwäche, mit der ich zitterte vor den Strafen der Sklaverei, möge mir Gott verzeihen! Ihr aber werdet Euren Groll beiseite legen, wenn Ihr erfahrt, daß dieser edle Ritter gerade ohne mich, den Muselmann, Euch nicht hätte befreien können. Ich sage dies nicht zu meinem Ruhme - nur zum Lobe und zur Verherrlichung der ewigen Vorsicht, die das Schicksal des Menschen lenkt und am Ende alles zu seinem Besten wendet."

Der gerettete Graf bot dem großen Peter die Hand, zum Zeichen, daß er ihm nicht weiter zürne, wenn er durch Reue und Leid seines groben Fehlers wegen sich ausgesöhnt mit dem lieben Herrgott. Dann aber kehrte er den Blick nach dem Ritter, der schweigend vor ihm stand und die blasse und doch Ehrfurcht gebietende Gestalt des Grafen tief gerührt betrachtete. "Wer seid Ihr?" fragte der Gerettete mit weicher Stimme. "Ich brenne vor Begier, Euren Namen zu erfahren, den ich, wenn mich der Schutz Gottes in die Heimat führt, meinem Sohne ins Herz schreiben will, daß er ihn seinen Kindern und diese ihn wieder den ihrigen nennen bis in die spätesten Zeiten! - Sagt an, wer seid Ihr?" "Der Unbekannte!" war die Antwort des Ritters. "Sonderbar!" fuhr der Graf fort und betrachtete den Eisenmann vor sich mit großen Augen. Was für ein Zeichen führt Ihr in Eurem Schilde?" Und der Ritter zeigte hin, "Unbekannter von der brennenden Burg!" sagte der Graf mit vieler Rührung. "Ihr habt einen deutschen Mann nach jahrelangem Elend im grausigen Kerker seinem Weibe, seinem Sohn wiedergegeben! Hier im Lande des Feindes, wo mir kein Grashalm zu Gebote steht, kann ich Euch nur mit Dank vergelten, mit Gebet zum Himmel um Segen und Heil für Eure Kreuzfahrt! Allein ich will mir Eure Gestalt, Euer Gesicht und das Zeichen Eures Schildes wohl ins Gedächtnis prägen und in der Heimat, wenn mir das Glück zuteil wird, Euch zu finden, wird Graf Wernher von - -"

"Dank dem großen Propheten! Hier sind sie, die wir suchen!" schrie eine Stimme von hinten und eine starke Hand packte den unbekannten Ritter. Der Sklavenmeister war zu früh von seinem Taumel erwacht, blickte zufällig nach der Wand, wo die Ketten und andere Gerätschaften der Sklaven hingen, vermißte den Kerkerschlüssel über seinem Kopfe, hegte Verdacht und eilte mit einigen Dienern nach dem Turme. Wirklich fand er diesen offen und leer. Und unter Flüchen durchsuchte er die Hecken und Laubgänge des Gartens, der Entflohenen, wenn es möglich wäre, wieder habhaft zu werden. An der Mauer hatte er ein Gemurmel vernommen, ging darauf zu und freute sich schon, da er die Männer an der Pforte gewahrte, noch frühzeitig genug die Flucht vereiteln zu können.

Allein der Ritter von der brennenden Burg, keck und trotzig, wand sich pfeilschnell aus der feindlichen Umarmung des Sklavenmeisters und hielt ihm und allen, die ihm nachkamen, die Lanze entgegen. Dadurch gewannen die Befreiten, die er mit lautem Ruf zur Flucht ermunterte, so viel Zeit, daß sie die weite Ebene vor dem Garten, ohne verfolgt zu werden, erreichen konnten. Und Peter von Jenkendorf rechts, der Knappe links unterstützten den durch Gram und Elend geschwächten Grafen mit ihren stärkeren Armen und trugen ihn in die Nacht hinaus. Der stählerne Ritter aber, als er keine Gefahr mehr für die Fliehenden befürchtete, zog die Lanze an sich, mit der er die Gegenwehr gebildet und verriegelte die Gartenpforte. Und indem er sich als Gefangener ergab, warf er die Schlüssel über die hohe Mauer, den deutschen Männern eine gesegnete Wallfahrt wünschend. Als die Geretteten fern von Damaskus auf freiem Fuße sich befanden, warfen sie sich nieder auf ihre Knie, dankten Gott und beteten für den großmütigen, unbekannten Ritter, den nun vielleicht die Nacht des nämlichen Kerkers aufnehmen werde, aus dem er sie mit Gottes Hilfe und seiner eigenen Entschlossenheit erst befreit.

Graf Wernher hatte das Gelübde getan, wenn er noch einmal in Freiheit käme, die Rückreise in die Heimat als frommer Pilger gekleidet anzutreten und das Ordenskleid erst wieder abzulegen, wenn er die hohen Türme von Schwabeck im Auge hätte. Jetzt wollte er's halten. Sein Knappe aber und Jenkendorf mußten ihn mit Schwert und Lanze schützen, bis die Heimat, glücklich erreicht wäre. Ohne sich durch besondere Abenteuer durchkämpfen zu müssen, hatten sie mit einem Schwarme heimkehrender Kreuzfahrer die Küste von Frankreich im Angesichte. Und belebt von heimwehlichen Gedanken, getrieben von der heißen Sehnsucht nach dem häuslichen Herde und all den Lieben, die dort unter Tränen und Kummer nach dem Schwervermißten geseufzt, wallfahrtete der gräfliche Ordensmann über die Kettengebirge der helvetischen Alpen, um endlich durch die Schweiz und über den Bodensee in das geliebte Schwabenland einzutreten und seine Familie herzlich zu umarmen, dort im prachtvollen Ahnensaal, umgeben von allen Freunden und Bekannten des wiedergefundenen Grafen Wernher von Schwabeck und Balzhausen.

Unerschrocken und männlich aber stand der Ritter von der brennenden Burg vor dem alten Emir, vor den der fluchende Sklavenmeister am Morgen nach der Gefangennehmung ihn gebracht hatte. Der Nachkömmling Mohammeds betrachtete den geharnischten Deutschen mit durchdringendem Auge. Und als es schien, er habe zwischen Stahl und Eisen versteckte, wohlbekannte Gesichtszüge herausgefunden, verzog er die Lippe zu einem durch das Gemisch von Hohn und Überraschung hervorgebrachten Lächeln, daß der graue Schnurbart kaum bemerkbar sich kräuselte. Bald aber umdüsterte der vorige Ernst sein hageres Gesicht. Und er redete den Deutschen an: "Ist es wahr, Nazarener, was man mir berichtet? Du hast die Flucht deiner gefangenen Landsleute ungerechterweise befördert? Gib Rechenschaft!" Und der Ritter erwiderte: "Ungerecht? Was nennst du ungerecht? Das deutsche Blut, das ihr Muselmannen zu vertilgen sucht, euch aus den räuberischen Klauen zu entreißen, ist eine edle Rittertugend! Ich hab' es getan und danke Gott dafür!"

Schwer beleidigt durch des Deutschen derbe Rede langte der Emir an den Griff des Schwertes - aber im Augenblick legte sich sein innerer Zorn; denn es waren seinem funkelnden Auge die Gesichtszüge des Unbekannten begegnet. Dann fuhr er fort mit sonderbarem Nachdruck: "War' es um den fränkischen Arzt nicht schade, den deutschen Ritter würd' ich vertilgen von der Erde, so aber soll er im Sklavenkerker schmachten und die Milde dieser Strafe dem Heilkünstler verdanken, dessen Glück und Geschicklichkeit mich zum Schuldner gemacht!" Spottend verzog der Deutsche sein Gesicht und sprach dagegen: "Ihr zahlt mit schlechter Münze und achtet Euer eigen Leben gering, weil Ihr die Kunst, die es Euch erhalten, nicht höher anschlagt, als den Wert des Unterschiedes zwischen Tod und ewiger Kerkerstrafe. Das ist der Saracenen Dank! Ich bin's zufrieden!"

Mit diesen Worten bot der Ritter dem Emir verachtend den Rücken und wollte gehen, um seine Strafe anzutreten. Da entstand im Herzen des Muselmanns ein heißer Kampf zwischen Rache und Edelmut. Endlich schien der letztere zu siegen. "Halt, Nazarener!" rief der Emir den Ritter ins Gemach zurück. "Nicht umsonst nennt man euch die derbe, trotzige Nation! Habt. ihr dem Feinde einen Dienst erwiesen, so tragt ihr das eigene Lob frech auf der Stirn und fordert auch gleich die Zahlung! - Du aber, Christ mit dem Panzerherzen, sollst nicht sagen können, du habest Undankbarkeit gefunden im Palaste Abdel-Meleks, des Emirs von Damaskus. Du bist frei, und daß dir nichts Unangenehmes mehr begegne, lasse ich dir das Geleite geben bis an die Vorposten des Frankenheeres. Geh' und erzähle deinen Landsleuten, was dir begegnet, auf daß sie milder gesinnt seien gegen die Diener und Abkömmlinge des großen Propheten! - Allah segne dich!" Und ohne die freudige Bewegung oder den Dank des Ritters abzuwarten, war der Emir hinter dem seidenen Vorhange verschwunden.

Sechzehntes Kapitel

Die Beduinen

Fünf Stunden von Jerusalem und drei von dem Toten Meere entfernt, in der grausenhaften und doch majestätischen Wüste Mar-Saba, wo in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt die frommen Einsiedler von Palästina sich die Felsenzellen heiliger Andacht ausgehöhlt - lagen ringsumher zerstreut und in den nächtlichen Schluchten lauernd, die Vorposten des abendländischen Heeres.

Ritter Siegmund Gäßler, der Anführer einer Kreuzfahrerrotte, hatte sich an dem Felsenbette des Kidron, der nur zur Zeit der Winterregen durch die Tiefe des engen Schauertales strömt, sonst aber vertrocknet liegt, mit seinen Leuten gelagert. Er sollte von hier aus die Saracenen zurücktreiben, wenn sie vom Salztale und den Ufern des Toten Meeres kämen, einen Einfall auf das von den Christen wiedereroberte Heilige Grab zu wagen. Der Ritter hatte, seitdem er das Morgenland betreten, manches gefahrvolle Abenteuer bestanden und um die Schandflecken der Vergangenheit abzutilgen, keinen einzigen Laut eines Mißmutes vernehmen lassen bei all den Mühseligkeiten, denen er unter Hunger und -Durst, unter fast täglicher Lebensgefahr sich preisgegeben fühlte. Sein edler Sinn strebte nach immer neuen Taten; und wo er das Unglück mildern, den Leidenden trösten, den Gefangenen befreien, den Unschuldigen schützen konnte, da tat er's mit wahrhaftig ritterlicher Kraft und herzlicher Christenfreude.

Er saß gedankenvoll unter einer alten Pinie und schien mit einer schmerzlichen Erinnerung aus den Tagen seiner Jugend beschäftigt zu sein. Tränen fielen aus den braunen Wimpern auf sein Panzerherz. Und endlich löste sich sein Gram in folgendem Selbstgespräch: "Wenn dir, oh Gott, auf dessen Barmherzigkeit und Gnade ich hoffe, wenn dir angenehm und wohlgefällig ist, was ich in deinem Heiligen Lande Ritterliches getan, oh, so gib mir ein sicheres Zeichen deiner Huld! Laß mich endlich zurückkehren in die Heimat, und meine Gattin, die ich so schändlich und ungerecht verstoßen zum stillen Leben meiner alten Tage wiederfinden! Segne die Schritte des Costnitzer Fischers, meines Sündengenossen, und sein Gelübde, das er beim Abschiede von mir feierlich abgelegt, führe zum freudenvollen Ziele. Schwindhilde, mein Töchterlein, möchte ich dereinst unschuldig und sittsam, eine stillgedeihende Klosterblume, an meinem väterlichen Herzen sehen, möchte der klagenden Mutter sie vorführen in entzückender Umarmung. Allbarmherziger, ich wollte dir kindlich dafür danken durch all die Tage meines Lebens, die deine Huld mir noch bescheren mag auf dieser Erde!"

Er schwieg mit einem Blick zum Himmel und trocknete sich die Perlen innigen Gebetes vom feuchten Auge. Nach einer Weile fuhr er fort: "Was mag wohl aus dem Knaben von Schwabeck geworden sein, den die Hexe vom Karrenberge mir einst aus den Armen gerissen? Oh schreckliches Ungeheuer, das ich war! Ich hab' ihm seinen Vater, seine Mutter, seine Base geraubt! - Und wenn er nun als wilder Zauberer, als gottloser Zigeuner die Welt durchschwärmt, wenn seine Seele verloren geht, bin ich der Schuldige. Dieser Schreckensgedanke zermalmt mich noch mehr, als mein eigenes Unglück. - Seliger Geist der unschuldigen Ludmilla, die ich so schwer beleidigt, wo du herniedersiehst aus den ewig gesegneten Fluren des Himmels, oh, so umschwebe deinen Sohn, wo er auch wandeln mag; beschütze du, von dem Heiland zu seinem Engel erwählt, den verwaisten Jüngling vor jeder Gefahr des Leibes und der Seele; und im Falle sein Vater noch verschont geblieben von den Mühseligkeiten der Kreuzfahrt, wenn ihn das Schwert der Saracenen noch nicht getötet, so führe beide zusammen und laß sie die traurige Vergangenheit in seeliger Umarmung vergessen! Ich aber, wenn es mir als Strafe bestimmt ist, mein Weib, mein Kind nicht mehr zu sehen auf dieser Erde, will in der Einsamkeit einer heiligen Klosterzelle unter Gebet und Bußtränen das Grab erwarten, das Ziel meiner selbstverschuldeten Leiden!"

Nach diesem Gespräch erhob er den Blick, um in der fernen Bläue des Himmels Trost und Erquickung zu suchen. Da sah er von der Spitze eines nachbarlichen Felsens einen geharnischten Ritter herniederklettern, der seinen ermüdeten, furchtsamen Schimmel vorsichtig nach sich zog, und bald stillstehend das Falkenauge durch die schaurigen Klüfte warf, bald langsam vorschreitend mit Absicht vom Wege abschweifte, um, wie es schien, einer nahedrohenden Gefahr zu entgehen. - Siegmund Gäßler konnte sich die Bewegungen des Ritters, auf dessen Brust ganz deutlich das rote Kreuz glänzte, lang nicht erklären. Endlich entdeckte er in einem Hinterhalte jenseits des Kidronbettes einen Schwarm lauernder Beduinen, die aus dem steinigen Arabien sich herausgestohlen hatten, den Engpaß des Tales von Mar-Saba zu besetzen, Pilger und Kreuzfahrer räuberisch anzufallen und mit Beute beladen in ihre Felsen zurückzueilen. "Auf," flüsterte Gäßler seinen Leuten zu. "Dem Kreuzritter dort auf der Spitze des Gebirges drohet Gefahr! Greift zu den Waffen und laßt uns ihm flugs zu Hilfe eilen!"

Jeder hatte im Augenblick Schwert und Lanze zu Hand. Und vorsichtig jedes Geräusch vermeidend, kletterten sie seitwärts hinan, die Spitze zu erreichen, ehe der Hagel der räuberischen Pfeile den Ritter treffen könnte. Allein die Beduinen, der Felsenwege und Krümmungen des engen Tales kundig, hatten sich bald hinangekauert in die Nähe des unbekannten Ritters, der mutig und entschlossen zur Verteidigung seines Lebens bereit stand. Dutzende der feindlichen Pfeile prallten an seinem stählernen Panzer erfolglos ab und konnten nicht verhindern, daß der auf meuchlerische Art Angefallene mit vorgelegter Lanze zum Hinterhalte der Beduinen vordrang, um mit Riesenkraft einen nach dem ändern in den Abgrund zu stoßen. Da hatte unglücklicherweise ein scharfer Pfeil sich Bahn gemacht durch das Panzergelenk zwischen Brust und Oberarm. Und der Ritter schwankte ermattet, fast am Ziele eines herrlichen Sieges. Seine Faust hatte die Kraft verloren; es sank die Lanze zu Boden. Ein Blick christlicher Fassung flimmerte durch das Visier. Und ruhig sah der Überwundene dem Tode entgegen.

Mit dumpfem Freudengeheule stürzten die Beduinen hervor aus dem Hinterhalte, und der Scheik dieser Rotte war der erste, der dem Ritter das Schwert entwand und ihm mit demselben das Herz durchbohren wollte. Im Augenblick aber fühlte sich der Räuber von starken Fäusten gepackt und ward unter einem deutschen Fluch hinabgeschleudert in den Abgrund.

Siegmund Gäßler hatte sich mit seinen Leuten noch früh genug der Felsenspitze genähert und mit dem Sturze des Häuptlings die Pfeilwunde in den Brustmuskeln des unbekannten Ritters vergolten. Winselnd bei dem Verlust ihres Scheiks entflohen die Beduinen durch die schwarze Gebirgsschlucht. Gäßler aber, der keine Gefahr für das Leben des Geretteten befürchtete, gab seinen Leuten Befehl, den von der Anstrengung und Hoffnungslosigkeit ohnmächtig gewordenen Landsmann in das Zelt am Kidronbette hinabzutragen. Er selbst nahm dessen Lanze, Helm, Schwert und Schild, und folgte, den trauernden Schimmel hinter sich führend, dem Zuge.

Wunderbar bewegt betrachtete er das Zeichen auf dem Schilde des Ritters und las drei- und viermal die rätselhafte Inschrift. Er ward unwillkürlich an den Brand auf Schwabeck und die grausigen Ereignisse erinnert, die sich dortselbst zugetragen. Da die Kreuzfahrer im tiefen Tale angekommen, verband Gäßler die Wunde des Ritters, die nicht ganz bis an die Brustrippen vorgedrungen war und die Hoffnung einer baldigen Heilung gewährte. Ein dreistündiger sanfter Schlaf hatte den Körper des Unbekannten erquickt und seinen Geist gestärkt, als ob der Kampf mit den Beduinen gar nicht vorgefallen wäre. Sein erster Blick suchte den Kreuzherrn Siegmund Gäßler, den Tapfern, edlen Retter seines Lebens. Ein fester deutscher Händedruck zeigte den herzlichen Dank für die köstliche Hilfe in der höchsten Not. Gäßler verbat sich jedes weitere Lob, indem er die eiserne Hand gen Himmel erhob, von wo herab die menschliche Kraft und der schleunige Rettungsversuch so glucklich gesegnet worden.

Dann aber, um auf ein anderes Gespräch zu kommen und zum Teil seine Neugierde zu befriedigen, fragte er den fremden Ritter, was es für eine Bewandtnis mit dem Zeichen auf seinem Schilde habe. Lächelnd erwiderte der Unbekannte: "Weiß ich es ja selbst nicht recht, und nur wie eine düstere Dämmerung erscheint mir aus frühester Kindheit ein Ereignis, auf dessen traurigen Ausgang das Zeichen anspielen soll. Man hat mir gesagt, ich habe die Welt erblickt in einer schönen Burg; mein Vater aber sei fortgezogen ins Gelobte Land; inzwischen sei die Burg ein Raub der Flammen geworden; und lieb Mutter samt einer herzig guten Base sollen bei diesem Brande verschwunden sein. Den Vater aufzusuchen, nahm ich das rote Kreuz. Am ungarischen Wappenschild und am weißen polnischen Adler sollt' ich ihn erkennen. Ganz Palästina durchzog ich, keine Gefahr scheuend und keine Mühe. Allein ich entdeckte kein solches Zeichen - und der Vater blieb mir fremd!"

Der Unbekannte wischte eine Träne aus dem Auge. Aber Siegmund Gäßler zitterte in sonderbarer Gemütsbewegung, sah den jungen Ritter vor sich mit wehmütigem und doch freundlichen Blicke an, und fragte wieder: "Wer hat Euch all dies gesagt? Wer hat Euch herangebildet zum schönen, stattlichen Kreuzfahrer? Oh redet und verschweigt mir nichts!" "Warum verschweigen?" war des Ritters Antwort. "Wollt' ich's ja doch lieber der ganzen Welt erzählen, was meine treue Pflegemutter an mir getan! Sie ist gar ein gutes, frommes Weib! Ärgert Euch an dem Namen nicht, den sie wahrlich nimmer verdient. Sie heißt gemeinhin - die Hexe vom Karrenberge!"

"Und Ihr!" rief Gäßler und hing am Halse des hocherstaunten Jünglings. "Heißt Ihr nicht Ulrich von Schwabeck?" "Ulrich - das ist wahr. Ob von Schwabeck - das weiß ich nicht!" entgegnete der Ritter von der brennenden Burg. Aber Siegmund Gäßler fiel auf seine Knie und dankte Gott mit lauter Stimme: "Herr des Himmels, du hast mein Gebet erhört! Was ich einst Übles angerichtet, ließest du mich zum Teil dadurch gutmachen, daß ich das Leben des Jünglings retten konnte, dessen Geschlecht ich in den Tagen bösartiger Leidenschaft verderben wollte. Um wie viel leichter ist's mir nun im Herzen, aus dem die Hoffnung freundlicher Zukunft fast verschwand! Neu belebt erheb' ich mich zu dir, mein Gott! Du, der mir diese Freude geschickt, hast vielleicht noch manche wunderbare Bescherung bereit, deinem reuevollen Kinde zu zeigen, wie groß deine Allmacht und Vaterliebe ist!"

Nachdem er durch diesen Aufruf zum Himmel die Empfindung seines gerührten und freudetrunkenen Herzens zu erkennen gegeben, wandte er sich an Ritter Ulrich, dem man in seiner Überraschung ansehen konnte, daß er von allem nichts verstand. "Ich fühle wohl," sagte er, "daß dich junger Kreuzfahrer, dies mein Betragen befremden muß. Jetzt aber will ich schweigen und das Geheimnis, in Ehren halten, das Gertrud vom Karrenberge in ihrem Herzen verschlossen hält. Doch, so wahr ich ein deutscher Ritter bin vom roten Kreuze, ich werde keinen Schritt von dir weichen in diesem Lande der Abenteuer und Gefahren! Als ein treuer Schutzgeist will ich dich beschirmen auf allen deinen Wegen, bis wir erreicht das heimatliche Schwabenland. Ich will noch einmal mit dir ganz Palästina durchziehen und vielleicht, oh Hoffnung, du süße Trösterin der Menschen, lächle uns freundlich zu! Vielleicht begegnen wir dem ungarischen Wappenschild, dem polnischen Adler!"

Siegmund Gäßler hielt Wort. Er war der treue Gefährte des Jünglings. Beide gewannen sich in kurzer Zeit ungemein lieb. Und der jüngere ehrte die weisen Klugheitslehren des älteren, die während der Kreuzfahrt oft von großem Nutzen waren, mit wahrhaft kindlichem Gehorsam. Die Mühe und Sorgfalt aber, mit der sie das Land durchstrichen, um den Aufenthalt des Grafen von Schwabeck zu entdecken, die genauen Erkundigungen, die sie an jeder heiligen Stelle, wohin ihn die Andacht hätte treiben können, eingezogen, - alle blieben fruchtlos und ohne gesegneten Erfolg. Traurig und mit einer Träne im Auge sagte eines Tages der Jüngling zum älteren Gefährten: "Wir haben getan, was wir konnten, aber ich fürchte, der Sturm der Zeit und die Gefahren des Landes haben den ritterlichen Vater hinabgerissen in ein unvermeidliches Grab. Seine Gebeine liegen wohl schon verschüttet vom Sande der Wüste oder in irgend einer Schlucht der grauen Felsen am Toten Meere. Laßt uns, edler Ritter, zum Heiligen Grabe wallfahren, um für die ewige Ruhe seiner Seele zu beten."

Schweigend zogen sie hinan zum Ziele christlicher Feierandacht. Und kindlich flössen die Tränen des guten Sohnes in der Ehrfurcht gebietenden Kapelle des Heiligen Grabes, die Tränen der Sehnsucht nach dem Vater, den er von den frühesten Tagen der Kindheit an, wo er von ihm auf dem Schöße geschaukelt worden, aus der Erinnerung verloren; kindlich flössen die Tränen der Trauer über den Verlust einer zärtlichen Mutter, einer lieben Base, in deren Arme die alte Trude vom Karrenberge ihn zu führen oft versprochen, aber nie gehalten hatte. Er empfahl endlich getröstet und gefaßt die Seinen samt allen Menschen in den Schutz des Herrn, bat für sich und seinen Reisegefährten um eine glückliche Heimkehr und verließ, nachdem er eine Reliquie zum Zeichen, daß er dort gewesen, zu sich gesteckt, die ehrwürdige Kapelle des Heiligen Grabes.

Siebzehntes Kapitel

Der Pilger und die Waldschwester

Die Dämmerung des ersten Morgens vom Frühling 1145 umflorte die ehrwürdigen Türme der Abtei von Sankt Gallen, als deren herrliches Geläute schon so früh, majestätisch zur Andacht einladend,. durch das von grünenden Hügeln umkränzte Tal hinaus tönte. Die christlichen Bewohner kamen scharenweise dahergegangen, unter den ehrwürdigen Hallen der großen Klosterkirche ihr Morgengebet zu verrichten. Auch die Klausnerinnen an der Sankt Mangkirche verließen, das Angesicht in einen dichten Schleier verhüllt, paarweise ihre Zellen und wandelten, den geistlichen Morgengruß flüsternd, langsam und ehrerbietig, wie fromme Geistergestalten, in das nur für sie bereitstehende Klosterchor.

Aus einer Zelle aber tönte noch wehmütiges Schluchzen und das leise, tränenvolle Gebet war vernehmbar:

"Höre Gott, an diesem Tage
meines Herzens letzte Klage.
Ende, Heiland, meine Leiden!
Nimm mich auf zu deinen Freuden,
daß ich an des Gatten Brust,
lobe dich in Himmelslust!
Lieber Heiland, gnädiglich,
schau' herab und höre mich!"

Das Gebet heiliger Sehnsucht, und stiller Trauer kam aus Ludmilla's Herzen. Nach einem schweren, inneren Kampfe mit der Hoffnung dieses Lebens hatte sie sich endlich in die Trösterarme gänzlicher Ergebung in den Willen Gottes geflüchtet. In den ersten Jahren ihrer Verborgenheit, da von Zeit zu Zeit der alte Simon, der ehemalige Schloßvogt von Schwabeck, an das Fensterlein ihrer Zelle gekommen, und mit allerlei freundlichen Nachrichten, die er freilich nie verbürgen konnte, und, wie es schien, nur zu ihrer Belebung ersonnen hatte, den Funken der Hoffnung in dem zarten, leichtgläubigen Frauengemüte anfachte, hingen ihre Gedanken noch immer an den Bildern einer gesegneten Zukunft. Nun aber, seitdem wie sie zufällig erfahren, der Schloßvogt bei seinen Verwandten am Bodensee zu Grabe gegangen und jede trostreiche Nachricht ausblieb, hatte sie, um innere Ruhe zu gewinnen, nach mancher schwerdurchweinten Nacht, nach manchem in der Klosterkirche mit herzlichem Gebete zugebrachten Tage, endlich sich freiwillig der Entsagung irdischen Glückes hingegeben, um die kurze Zeit ihres Lebens ungestört und heilig dem Herrn allein weihen zu können.

Die Klosterglocken waren verstummt. Über dem Tale lag ein feierliches Schweigen, während der Chor der Betenden aus den ehrwürdigen Hallen tönte. Da wankte auch die Waldschwester Ludmilla aus ihrer Zelle der Kirche zu. Und als der Kreis der Andächtigen sie aufgenommen, begannen die dumpfen, feierlichen Orgeltöne zu einem vollständigen, ernsten Choralgesange. Inzwischen hatte sich ein fremder Pilger im langen, schwarzbraunen Muschelrocke vor der verschlossenen Kirchentür eingestellt. Zwei gepanzerte, mit dem roten Kreuze gezierte Waffenknechte, die seine Begleiter zu sein schienen, waren beschäftigt, in aller Eile eine Bude aufzuschlagen. Und nach einer Viertelstunde hatten sie voll Emsigkeit und frommen Eifers allerlei Reliquien und Schätze aus dem Gelobten Lande ausgepackt, als da waren: Geweihte Erde vom Heiligen Grabe, fein aufbewahrt in silbernen Kapseln; kleine Partikel vom Kreuze Christi, umwunden mit goldenen Fäden und eingefaßt in wertvolle Perlen; Korallenkügelchen an seidenen Schnüren zur leichteren Abbetung der Psalmen und anderer Andachtsformeln; verschiedene Bilderchen, gemalt und gezeichnet von orientalischen Mönchen; kleine Statuen der Fürsten und Ritter, die sich im heiligen Kampfe ausgezeichnet, verfertigt aus bräunlichem Asphalt vom Toten Meere; und noch manch anderes Zeug, dessen Ankauf oder Besitz dem fromm einfältigen Sinne des andächtigen Landvolkes entsprach.

Alles war niedlich gereiht und geordnet auf einem mit türkischem Teppich bedeckten Tische. Daneben stand der Pilger mit dem großen Muschelhute im Gesichte. Rechts dehnte sich der einer der Waffenknechte auf einer steinernen Bank und spielte mit einem Falken; links summte der andere, auf das Kreuz seines Schwertes gestützt, ein Freudenlied heimkehrender Rittersleute. Dumpfer tönte die Orgel aus der Klosterkirche; feierlicher schallten die Stimmen der Andächtigen, als man das Trauerlied vernahm:

"Herr, laß ihn ruh'n im Frieden!
Laß leuchten ihm dein Licht!
Was ihm gebrach hienieden,
das fehl' ihm dorten nicht!
Und tröste die im Kummer,
die um den Gatten weint.
Bis einst der Grabesschlummer,
sie dort mit ihm vereint!"

Und die Klosterväter schlossen den Gesang des Volkes mit ihrem frommen, lateinischen: "Requiem aeternam!" Dann herrschte eine Totenstille.

"Was war dies für ein trauriger Gottesdienst?" fragte der Pilger vor seiner Reliquienbude den Sakristan, der die Tür der Kirche öffnete. Und dieser erwiderte: "Es wurde die Seelenfeier abgehalten für den edlen Grafen Wernher von Schwabeck, der im Gelobten Lande als heiliger Kämpfer den Tod gefunden. Die Gemahlin des Verstorbenen, die fromme Klausnerin Ludmilla, die Ihr sogleich aus der Kirche werdet hier vorbeiwandeln sehen, hat diesen alljährlichen Gottesdienst gestiftet zum Frommen ihres Gatten und zum Troste ihrer eigenen Seele."

Kaum hatte der Sakristan dies gesagt, verschwand er unter der herausströmenden Menschenmasse. Der Pilger aber hob in seltsamer Bewegung des Herzens den Blick zum Himmel, rang zur Verwunderung aller, die ihn sahen, lächelnd und weinend die Hände, befahl den Waffenknechten, die Reliquien unentgeltlich unter das Volk zu verteilen und stellte sich dicht an die Kirchentür. Das Gedränge war vorüber. Paarweise erschienen, wie vorher, die Klausnerinnen und Waldschwestern. Vorwitzig und fast unartig hatte der Pilger einer jeden der stummen Frauen unter den Schleier geguckt, diesen wohl hie und da ein wenig gelüftet, als wenn es von ungefähr geschähe; aber was er zu suchen schien, immer noch nicht gefunden. Und mißmutig wollte er sich entfernen, als die letzte der Waldschwestern schluchzend aus der Kirchenpforte trat, den Blick an der Erde, für alles tot, was um sie im Gewühle der Menschenmasse vorging. Da erkühnte sich der Pilger, von freudiger Ahnung angefeuert, den Schleier vom Gesichte der schwarzen Frau zu heben. Diese fuhr mit einem Schrei des Entsetzens zusammen und viele aus dem Volke eilten herbei, die Frechheit des scheinbar verschmitzten Pilgers zu strafen. Im Augenblicke aber fiel von dessen Schultern der Muschelrock, aus seinen Händen der Pilgerstab, vom Haupte der Hut mit der breiten Krempe.

"Ludmilla!" rief der Mann und drückte der Waldschwester einen feuerigen Kuß auf die blassen Lippen. "Wernher! Mein Wernher!" war ihre Erwiderung und ohnmächtig lag sie in den Armen ihres Gatten. Das Volk, das größtenteils bisher seine Aufmerksamkeit der Reliquienbude geschenkt, hatte jetzt neugierig die Gruppe des Wiedersehens umringt. Und da man endlich den wahren Grund dieser ungewöhnlichen Umarmung erfahren, erhob sich im Klosterhofe ein allgemeines Lobpreisen der Güte und Erbarmung Gottes. Graf Wernher nahm die blasse, in freudiger Überraschung hingesunkene Gattin unter die Arme und trug sie beim vollen Freudengejauchze der Menge in die niedere Zelle an der Sankt Mangkirche. Hier endlich gelang es ihm, durch den wohlbekannten Ton seiner Stimme, durch die süßen Worte herzlichen Willkomms die Ohnmächtige wieder zu sich zu bringen. Jetzt erst flossen auf seine geharnischte Brust die silbernen Tränenperlen des Wiedersehens in wonnevollen Strömen.

Und endlich lagen beide auf ihren Knien, durch ein inniges Gebet die Empfindungen ihrer entzückten Herzen zu entbinden. Freundlicher Leser, erlasse dem Erzähler die Schilderung dieser süßesten Augenblicke. Was die Lippe nicht aussprechen, was die Feder nicht zu geben vermag - das ist allein den Gefühlen der reinen, frommen Menschenbrust zu fassen aufbewahrt. Und je weniger die stille Feier geschildert wird, desto schöner entfaltet sich ihr inneres Empfindungsleben.

Aber bald wurde die erste Stunde des Wiedersehens getrübt durch die Erzählung der Ereignisse, zu der Ludmilla von dem düster horchenden Grafen aufgefordert worden. Wehmütig schilderte sie das Unglück auf Schwabeck, das Verschwinden des Knaben Ulrich, den gewissen Tod der Schwester Gisela, die im Schutte der letzten Trümmer der Burg begraben liege. Gäßlers Betragen, den der Graf als zuverlässigen Schutzherrn statt seiner zurückgelassen, suchte sie voll milder Christenliebe in einem nicht zu grellen Lichte darzustellen und meinte, daß mit Matthä Dampfs Schwarzkünstlerei das Unglück über das edle Geschlecht von Schwabeck hereingebrochen. - Sie tröstete den betrübten Gatten mit der Hoffnung, daß das teure Söhnlein, jetzt vielleicht zum schlanken, braven Ritter emporgewachsen, doch wieder zu finden sei. Habe sie ja nie mehr daran gedacht, den treuen Gatten auf dieser Erde noch einmal zu sehen.

Am allerwenigsten konnte Graf Wernher begreifen, wie der Fischveit von Costnitz zu der Schärpe gekommen und zürnte in gerechter Weise dem Siegmund Gäßler, der dieses Zeichen mißbraucht, um die Nachricht von seinem Tode in Ludmillas Herzen zu bekräftigen. "Wenn, wohl gar," sagte er tief vor sich hinsinnend, "die Flucht des Mönches von Straßburg mit dem Raub der Schärpe und der falschen Kunde von meinem Tode zusammenhänge, dann müßt' ich glauben, daß eine meineidige Verschwörung wider mich im Gange war, deren üble Folgen der Allmächtige zum Teil nun schon glücklich abgewendet." Hierauf erzählte er seine jahrelange Gefangenschaft, in der er aller Hoffnungslosigkeit hingegeben war, und endlich seine fast wunderbare Rettung durch den unbekannten Ritter.

Aufs neue flossen die Tränen der Freude, der Rührung und des Dankes zum Gott der Güte. Ob auch Ludmilla die Einsamkeit der Zelle liebgewonnen, so ging sie doch an der Hand des wiedergefundenen Gatten so innig gern wieder zurück in die häuslichen Freuden des Heimatherdes, wohin die ewige Vorsehung sie aufs neue gnädiglich gerufen. Und kaum war Graf Wernher mit seiner Gattin und den Waffenknechten Kuno und Jenkendorf an den Ruinen von Schwabeck angekommen, so erscholl das Gejauchze herrlichen Willkomms unter den Bewohnern im Mindel-, Schmutter- und Wertachtale. - Der Propst von Ursberg mit den Chorherren übergab feierlich die gewissenhaft gepflogene Verwaltung der gräflichen Güter. Hans Netter vom großen Hammer kam mit seinen Gesellen und Tausende der Grenzbewohner boten sich an, Frondienste zu tun beim Wiederaufbau des Schlosses von Schwabeck. Noch denselben Sommer erhob sich ein stattliches Gebäude aus den öden Trümmern. Und bald blickte eine neue schöne Burg ins Tal hinab mit hohen metallbe-kuppelten Türmen.

Die gräflichen Ehegatten betraten hocherfreut ihr Eigentum und suchten im brünstigen Gebete zum Himmel die Hoffnung eines vollständig wiederkehrenden Familienglückes festzuhalten.

Achtzehntes Kapitel

Der Harfner und sein Mägdlein

Der Herbst war wieder angekommen im Mindeltale mit all seinen heimwehlichen Zeichen und Erscheinungen. Über die Stoppeln strich der herbstliche Südwest und schüttelte die gelben, roten und bräunlichen Blätter von den Buchen der alten Wälder, von den Kirchbäumen der stillen Gärten und von den Erlen am Mindelufer. Eine trauliche Stille hatte Einkehr genommen in der Gegend von Netters Hammer. Sie wurde nur unterbrochen von dem eintönigen Schlag, der das Eisen schmiedete, von dem Geläute der einzelnen Kühe und Ziegen, die in der Schlucht des Karrenberges das spärliche Herbstfutter pflückten und von dem Geschnatter der Wildgänse, die hoch in der Luft, in seltsamer Ordnung daherfliegend, die Ankunft des Winters verkündeten.

Die Sonne neigte sich ihrem Untergänge. In magischer Beleuchtung des stillen Abends lag die einfache Behausung von Hans Netter. Der Rauch aus dem Kamine, der bekundete, daß Frau Elsbeth ihrem Manne und den Gesellen, den Abendbrei zubereitet, wirbelte in einer Purpursäule gerade aufwärts, zum frohen Zeichen, daß ein kühler, aber ätherisch reiner Morgen zu erwarten sei. Die Kapelle am Eichbühl, deren innere und äußere Wandung der fromme Pächter vor wenigen Monaten hatte erneuern lassen, blickte mit ihrem blendenden Weiß im freundlichen Abendscheine, wie eine silbergeschmückte Braut, im Tale umher und die bebuschten Hügel gegen Osten flimmerten in ihren bunten Farben. Nur im Westen begegnet dem zarten Auge eines empfindsamen Beschauers eine schauerliche Gruppe. Es waren die Riesen schwarzer Tannen, die an der Schlucht empor mit. ihren dunkelgrünen, nie verwelkenden Stacheln, wie böse Geister, in die freundliche Abendszene herab sich neigten, als wollte sie die Anmut ihrer Nachbargegend feindlich zerstören.

Aber siehe, aus der schwarzen Wölbung der Tannen trat ein alter Mann. Er schleppte mühsam auf der Schulter eine fast zerbrochene Harfe. Seine gerollten Haupthaare, halb schwärzlich, halb weiß, glichen der Asche einer ausgeglühten Eichenkohle. Ja, so schien es, eine Eiche mußte der starke Mann gewesen sein. Aber die Glut schwerer Ereignisse des äußeren und inneren Lebens hatte die Kraft des Holzes verzehrt und die Asche war auf dem alten Haupte zurückgeblieben. Der lange Kinnbart samt der Schnurre war von der Farbe des frischgefallenen Schnees. Braune Falten übten ihre Herrschaft über die hohe Stirn, verzogen den Mund zu einem seltsam wehmütigen Lächeln und verbargen fast den Blick der Augen. Die mageren Hände zitterten samt dem Wanderstabe, auf den sich von Zeit zu Zeit der ermattete Körper stützte. Aber die Brust, wenn sie Atem holte, hob sich gewaltsam unter dem schwarzen Wams, das mit einem silbernen Gürtel um die Lenden gebunden war. Eine abgenützte, aber milchweiße Halskrause bedeckte den gelblichen Nacken. Und der einfache Kopfschmuck war ein braunfarbenes Barett mit einer Reiherfeder, das der Alte soeben abgenommen, um den kalten Schweiß von der Stirn zu trocknen.

"Gott sei's gedankt," sprach der Greis mit freudig zitternder Stimme, indem er sich zu einer weiblichen Gestalt umwandte, die mit ängstlichen Schritten, schluchzend, ihm auf der Ferse folgte: "Gott sei's gedankt! Schwinhilde, er hat unser Gebet erhört. Wir dürfen nicht, wie gestern, in der schauerlichen Schlucht des Waldes übernachten. Ich erkenne die Gegend, wo wir uns befinden. Siehe, dort am Fuße des waldigen Hügels steht ein Haus. Hörst du die dumpfen Schläge? Es ist der Hammer des ehrlichen Pächters Hans Netter, eines Mannes, den ich wohl kenne aus der Zeit, deren ich mit Schmach und Reue gedenke. Wir wollen Herberge suchen. Er ist zu mildtätig, als daß er sie uns versagen könnte. Wird er mich wohl erkennen? Nein, dies Sorgenhaupt, dies Gesicht mit Runzeln tausendfältiger Gewissensbisse und Leiden mag jedes Fünkchen der Erinnerung in ihm vertilgen. So ist's mir lieber, bis ich vielleicht erfahren habe, was dir, Schwinhilde, zum Heile dienen könnte."

Das weibliche Wesen hinter dem alten Manne antwortete nicht, sondern seufzte nur und ging, wie ein zartes Lämmlein, dem Führer nach, wohin er es auch leiten möge. Vom Hammer aber ertönte durch Tal und Schlucht das Lied der Gesellen taktmäßig zu den wiederhallenden, dumpfen Schlägen:

"Ein Ritter zog in das ferne Land,
hoi auf, hoi auf, von Weib und Kind.
Was willst du, Ritter, im fernen Land?
Oh weh! Oh weh! Kehr' um geschwind!"
- Und als der Ritter die Stimme vernahm,
da wieherte sein treuer Rapp'!
Und eilends kehrt er um und kam,
hoi, klapp, klapp, klapp! -
Und ritt an einem Hammer daher:
"Hoi auf, hoi auf! Wer rief. mich hier?"
"Das ist das Schwert, mein lieber Herr!
Ho je, ho je, das schmieden wir!
Ihr habt es bestellt zu Wehr und Schutz,
für Euer eigen Weib und Hab'!
Nun bietet es Euch männlich Trutz,
hoi, klapp, klapp, klapp!" -
"So schmiedet Gesellen, das Schwert mir fein,
hoi auf, hoi auf, es ist mir lieb!
Ich folge der Stimme und reite heim!" -
Hipp, hipp! Hopp, hopp! - Und sieh' er blieb,
am stillen Herde bei Weib und Kind!
Juchei, juchei! In edler Weise häuslich gesinnt!"

Das Lied der Gesellen war noch nicht zu Ende, da hatte der alte Wanderer mit seiner verschleierten Reisegefährtin die Schwelle von Netters Hause erreicht. Als der gastfreundliche Hans den Alten vor der Tür gewahrte, trat er ihm sogleich entgegen, und wollte ihn, ohne weitere Aufklärung zu verlangen, in die warme Stube einführen, wo Elsbeth soeben den fertigen Brei auf den reinlichen Tisch stellte. Allein der Wanderer wünschte die Nachtherberge nach herkömmlicher Weise zu verdienen, richtete seine Harfe zurecht und winkte, der schüchternen Begleiterin, sie möge ein Gleiches tun mit ihrer Laute. Allsobald nahm sie diese zur Hand, stimmte die Saiten, und sang, während Elsbeth aus der Stube und die Gesellen vom Hammer herbeieilten, mit anmutiger, zarter Stimme:

"Gott verläßt die Menschen nicht,
wenn sie fromm auf ihn vertrauen,
kindlich stets nach oben schauen!
Gott verläßt die Menschen nicht,
auf die Nacht folgt Morgenlicht!
Drücken Leiden, dich und Nöten -
Einer kann dich ja erretten!
Auf die Nacht folgt Morgenlicht!
Wenn es dir an Trost gebricht,
oh, so denke still ergeben:
Ihm gehört mein Sein und Leben!
Gott verläßt die Menschen nicht!"

"Ihr habt uns mit Eurem Gesange eine herzliche Freude gemacht!" sagte der Pächter zu dem alten Harfner, als das Lied zu Ende war. "Kommt nur immer herein und tut Euch gütlich in Hans Netters Behausung." - Und Elsbeth nahm die Sängerin am Arme und führte sie eilig in die Stube. "Ach, du mein Gott!" jammerte sie, "wie das arme Ding zittert vor Frost! Die zarten Gliedlein sind nicht geschaffen, den rauen Herbstwind, der durch die Tannen pfeift, so tapfer auszuhalten, wie unsereins! Ich bedaure Euch wohl von Herzen, lieb Mägdlein! Aber Ihr sollt am warmen Kamine und bei der nahrhaften Suppe die Unbill vergessen, die Euch der kalte Herbstwind angetan!" Und die mildtätige Elsbeth sputete sich, einstweilen Brot und Ziegenkäse aufzutischen und dem alten Manne ein Glas erwärmten Apfelmostes, dem Mägdlein aber eine Schale mit süßer Milch darzureichen. Dann bereitete sie eine kräftige Eiersuppe und einen schmackhaften Hammelbraten, der besonders dem grauen Harfner sehr gut bekam.

Am eichenen Tische, wo zu oberst die fremden Gäste, daneben der Pächter mit seinem Weibe, zu unterst aber die Hammergesellen vertraulich untereinander saßen, wurde unter der Mahlzeit viel geplaudert von Kreuzrittern und heiligen Pilgern, von Klöstern und Ritterburgen und vorzüglich von der glücklichen Wiederkehr des Grafen Wernher von Schwabeck, der in einer Waldschwesternzelle zu St. Gallen seine edle Gemahlin wiedergefunden.

"Ihr seid gerade recht gekommen," sagte Hans Netter, sich an seine Gäste wendend. "Am Feste des heiligen Michael, das wir heute über acht Tage feiern, gibt der Graf zu Ehren seiner gesegneten Heimkehr ein Freudenmahl in der neu erbauten Feste. Ihr sollt den Tag verherrlichen, ihr lieben Leute! Und so es euch gefällt, lad' ich euch ein, die kurze Zeit mit Netters Kost und Wohnung zufrieden zu sein. Und zur bestimmten Stunde wollen wir gemeinschaftlich über Hügel und Tal nach Schwabeck ziehen."

Das ernste, wehmütige Gesicht des alten Harfners erheiterte sich zusehends, zum Zeichen, daß sein Herz bei der Rede des Pächters mit willkommener Freude erfüllt oder durch irgend eine süße Hoffnung belebt worden. Er sagte der Einladung seines gutherzigen Wirtes gern zu mit deutschem Handschlage und ermunterte das Mägdlein mit der Laute, nicht so trüb drein zu sehen, sondern froh zu werden ihrer jugendlichen Tage. Vom Kloster Ursberg tönte die Glocke zur friedlichen Nachtruhe. Sie beteten gemeinschaftlich ein frommes Abendgebet. Die Lautenspielerin ließ sich noch einmal hören im heiligen Liede, wodurch die weichherzige Elsbeth bis zu Tränen gerührt ward. Dann suchte jedes sein Ruhelager, mit dem herzlichen Wunsch einer guten Nacht.

Aber der Harfner hatte keine gute Nacht. Als das Mägdlein frühmorgens vor sein Bett trat, ihn mit ihrer Silberstimme zu wecken, erschrak es, daß es an Händen und Füßen zitterte. Denn der Harfner lag da in heißer Fieberglut. "Mir hat die Reise in kalter Herbstluft schlecht bekommen, armes Kind!" stotterte er zu der Weinenden. "Und wenn mir nicht baldige Hilfe wird, mag ein gefährliches Ende mich erwarten." Eilends ging die Holde und erzählte den Hausleuten das Unglück unter schmerzlichem Jammer. "Das dürfen wir nicht versäumen!" entgegnete Hans Netter voll Teilnahme. "Doch seid getrost! Da kann ja geholfen werden! Gertrud vom Karrenberge hat viele Heilkräuter und Wunderwurzeln. Ich will sogleich zu ihr schicken und sie bitten lassen, daß sie den Kranken besuche. Gertrud kommt gewiß! Sie läßt nicht umsonst sich bitten! Gertrud ist gar ein gutes dienstfertiges Weib! - Betet indes, lieb Dirnlein! Das Gebet ist die beste Arznei. Und der gütige Herrgott der beste Arzt!" Und getröstet kehrte die arme Lautenschlägerin zurück zum Krankenbette des alten Harfners.

Neunzehntes Kapitel

Die Ritter auf dem Karrenberge

Am frühen Morgen, da die Herbstsonne, einen freundlichen Tag verkündend, durch die Ritzen der Tannen blickte, saß Gertrud vom Karrenberge vor ihrer Hütte und las, Tränen auf den braunen Augenwimpern, aus einem alten Andachtsbuche die trostreichen Verse:

"Du menschlich Herz, was willst du verzagen,
in deinen Leiden, in deinen Klagen?
Sieh' auf zum Himmel! Dort wohnet dein Gott,
der kann dich erretten aus aller Not! -
Der lächelt, hernieder - da wird sich's wenden,
es werden die Tage des Kummers enden!
Was Elend dir schien in dem Augenblick,
das scheint dir im ändern das größte Glück!
Drum immerhin Mut und auf Gott vertrauet! -
Ei ja, du Herzlein, so ist es recht!
So frommt es dem Adligen, wie dem Knecht!"

Sie legte das Buch beiseite und während sie den Vöglein auf den Gesträuchen ihr Frühfutter gab und die gestern gesammelten Heilkräuter zum Trocknen in die Strahlen der Sonne legte, wandelte ihr Geist zurück in die Tage der Vergangenheit. "Wahrlich," sagte sie zu sich selbst, "ich bedarf der obigen Trostsprüche, damit das arme Herz nicht schwach werde im Glauben und Hoffnung. Jetzt, da Schwabeck wieder blüht im Besitze des alten Grafen, der wunderbarerweise seine Gattin heimgebracht - jetzt fehlt der jugendliche Sprosse des edlen Geschlechtes, den ich der Rache des Siegmund Gäßler entrissen, den ich auferzogen zu glücklicher Zukunft. Warum mußt' ich ihn hinauslassen ins wilde Treiben der Welt? Ach, wenn mir der Knabe nicht wieder käme? War es nicht genug, daß ich mein eigen Töchterlein schauderhafterweise verlieren mußte? Soll auch der Pflegesohn im fernen Lande unter dem Schwerte der Saracenen verbluten, in Sklavenketten verschmachten, oder gar von den Krallen wilder Tiere zerrissen werden?

Oh Gott, oh Gott! Hilf, hilf der armen, jammernden Gertrud! - Was nützt es, wenn ich gen Schwabeck eile und alles entdecke? - Sie werden den Sohn von mir fordern und ich kann ihn nicht geben!" Hier schluchzte die Wundertrude recht jämmerlich. Und matt auf den Wacholderstab gelehnt, gab sie sich einer stillen Schwermut hin. Dann fragte sie sich wieder - ihr Gesicht ward blasser unter der braunen Schminke und das Auge blickte düsterer: "Siegmund Gäßler? Was mag aus ihm geworden sein? - Gertrud! Gertrud! Du hättest all das Unglück auf Schwabeck verhüten können, hättest du das deine nicht gefürchtet! - Aber in Gottes Namen!" fügte sie, sich beruhigend, hinzu "ich muß mich trösten mit dem Gedanken, die ewige Vorsehung hat es so haben wollen, oder es wenigstens so zugelassen. Und sagt nicht das Sprüchlein im Buche: "Gott lächelt hernieder - da wird sich's wenden! Es werden die Tage des Kummers enden!" -Mut gefaßt, arme Gertrud! Tapfer ausgelitten, du alte Hexe! Kommt doch eine Zeit, da du keine Hexe mehr gescholten wirst! - Und geben sie dir auch noch im Grabe diesen Namen - dort über den Sternen kennt man wohl die schwergeprüfte, martervolle Rittersfrau. Drum nur getrost! "Ei ja, du Herzlein, so ist es recht! So frommt es dem Adligen, wie dem Knecht!"

Unter diesem Selbstgespräch hatte sie unwillkürlich den Blick auf den muntern Vöglein gehabt, die zwitschernd ihr Futter pickten. Nun aber sah sie empor - und, oh welche Erscheinung! - Ein geharnischter Ritter sprengte sein Roß den Karrenberg heran. "Das ist mein lieber Pflegesohn!" rief die Alte hüpfend vor Freude, wie ein junges Mädchen. Und sie eilte an ihrem Krückenstabe dem Ritter flugs entgegen. Aber drei Schritte vor ihm hielt das Entsetzen sie fest an der Stelle. Totenblaß ward ihr Angesicht, ihre Füße zitterten. Sie war einer Ohnmacht nahe. - Doch der Ritter stieg rasch vom Pferde und eilte ihr zu Hilfe.

"Gertrud!" sagte er schmeichelnd, "müßt nicht so erschrecken, wie einst in der Wohnstube des Meisters vom großen Hammer! Ritter Siegmund Gäßler ist nicht mehr so böse, wie ehemals! Dürft ruhig sein!" - Und er führte das Wunderweib auf die eichene Bank vor der Hütte. "Seht," fuhr er fort, da die Alte wieder zu sich gekommen und mit äußerst bewegtem, wehmütigem Blicke ihn betrachtete, "seht, das Unglück hat mich mürbe gemacht! Erinnert Ihr Euch des schauderhaften Augenblickes auf der Fallbrücke von Schwabeck? Gertrud ich sah den Geist meiner verstoßenen Gemahlin! Ach, der Jammer und das Elend werden in jener Stunde, da ich ein abscheuliches Bubenstück begehen wollte, die Unglückliche vielleicht einem langsamen Martertode preisgegeben haben. Und der Allmächtige ließ es zu, daß ihre scheidende Seele mich vor dem ewigen Verderben warne. Tausend Gewissensbisse quälten mich fast zu Tode. Ich lag im tiefen Graben, schwer verwundet am rechten Beine, matt und entkräftet am ganzen Körper. Der Fischveit von Costnitz rettete mich zum Heil meiner Seele. Meine Sünden zu büßen, nahm ich das rote Kreuz - und zog gen Palästina. Wo die Gefahr am größten war, dahin wagt' ich mich am ersten. Hundertmal flehe ich zu Gott, er möge meine Buße annehmen in Gnaden und eine Gelegenheit mir senden, bei der ich das Unglück, das ich in meinem eigenen Hause, das ich auf Schwabeck angerichtet, nur im mindesten verbessern könnte. - Und siehe, der Ritter von der brennenden Burg - Ulrich von Schwabeck -" "Wie?" rief die Alte innig überrascht. "Mein Pflegesohn? Wo ist er? Redet, redet!" "Ich konnte ihn retten, da ihn eine Rotte wilder Beduinen erwürgen wollte!"

Und kaum daß Ritter Gäßler diese Worte ausgesprochen, tönte eine wohlbekannte Stimme hinter der Hütte:

"Willkommen auf dem Karrenberge!" Ulrich lag in den Armen der treuen Pflegemutter und weinte, wie sie, die Tränen der herzlichen Freude. Seitwärts stand Ritter Siegmund und dankte Gott, daß er ihn zum Schöpfer dieser wonnevollen Sekunde auserkoren.

Die hocherfreute Trude konnte sich nicht satt sehen an der edlen Gestalt ihres Pflegesohnes: "Oh du herziger Knabe!" flüsterte sie, küßte ihn auf die Stirn und gab ihm ihren Segen. "Wie schmerzlich hab' ich deiner geharrt! Und nun, weil du da bist, sollen die Tage einer glücklichen Zukunft beginnen!" - Dann wandte sie sich zu Gäßler, drückte dessen Hand in wehmütig freundlicher Bewegung und sagte: "Euch, Herr Ritter, dank' ich von ganzem Herzen für den Edelmut, mit dem Ihr mir das liebe Pflegesöhnlein aus den schrecklichen Todesgefahren herausgerissen. Der liebe Gott wird Euch dafür belohnen! - Glaubt es mir, die alte Hexe vom Karrenberge, die Euch einst beim Hammer so unfreundlich die Wahrheit gesagt, kann auch Glückliches prophezeien. Nur sei mir eine Frage erlaubt. Es ist nicht Vorwitz, nein, es ist die Begierde, auch für Euch die Tage eines häuslichen Friedens herbeizuführen. Siegmund Gäßler, habt Ihr Eures Weibes nicht ganz vergessen? Könnet Ihr die Schuldlose, die Ihr ungerecht verstoßen, wieder liebend aufnehmen in Eure Arme, in Euer Herz? Oh, antwortet mir! Ich glühe vor Sehnsucht, eine aufrichtige Antwort zu hören!"

Der Ritter brach in lautes Schluchzen aus. - "Weiblein, Weiblein!" rief er, "Ihr habt mit dieser Frage alle Saiten meines Herzens berührt! Ob ich sie aufnehmen könnte? Ach, ich habe nur diesen einzigen Wunsch in meinem Leben, sie wiederzusehen, und mein Kind, ihr herzig Töchterlein, wieder zu finden! Dies Verlangen durchdringt meine Seele, seit ich durch herzliche Reue den Weg zur Umkehr und Besserung gefunden." "Euer Kind? Edeltrudes Töchterlein?" fragte das Wunderweib. "Ist den nicht wahr, was man sagte, daß es in den Wellen der Donau ertrunken?"

"Nein!" rief der Ritter, und Tränen erstickten fast seine Worte. "Ich Unmensch hab' es der Mutter rauben lassen, weil ich Gattin und Tochter haßte. Wohl hatte ich den Mordplan gefaßt; allein der Fischveit war menschlicher und verhandelte das Kind an eine alte Zigeunerin. Gott weiß, wo es nun herumirrt in der Wildnis unglücklicher Tage! - Aber lächelte mir die Freude, Edeltrude wieder zu finden, so dürft' ich auch hoffen, Schwinhilden zu sehen. Der Allbarmherzige beschert ja dem Reuigen und Gebesserten so gern das ganze Maß der Wonne." Jetzt konnte sich die alte Trude nicht mehr halten. Sie mußte dem Strom der Tränen freien Lauf lassen. Und um die Empfindung ihres Herzens vor dem Ritter zu verbergen, trat sie hinter die Hütte, kniete nieder, rang die Hände und betete mit einer freudevollen Sehnsucht, daß die geharnischten Gäste nicht wußten, was mit dem Weibe vorgefallen.

Unterdem war die schwäbische Magd von Netters Hammer den Karrenberg heraufgestiegen, trat vor die Hexentrude und bat gar innig: "Kommt doch a bissele mit mir, Gertrud! An alter Harfner liegt krank bei Meister Hans; der het a Heilkräutle bedürftig! Gott wird Ena segna!" Das Weib ließ sich nicht zweimal bitten, erhob sich sogleich, nahm Wunderwurzeln und Heilkräuter zu sich, trat vor die Ritter und sagte: "Geduldet euch, bis ich wiederkomme! Es ruft mich die Menschenpflicht!" Den Pflegesohn aber vertröstete sie noch ganz besonders: "Magst dich derweil laben, mein Ulrich, mit der Erinnerung an deine Jugendzeit, die du in dieser Hütte zugebracht. Freilich findest du deine alten Bekannten nimmer so vertraulich beisammen. Dein Gespiele, der schnurrige Kater, liegt begraben unter der großen Tanne. Auch der Rehbock ist bald nach deinem Scheiden nicht wieder ans Fenster gekommen; der scharfe Pfeil eines unbarmherzigen Weidmannes hat ihn wohl getötet. Nur der Rabe noch, dem du das rote Bändlein um den Hals gehängt, zeigt sich täglich unter den Futter suchenden Vögeln. Du magst ihn grüßen, den schwarzen Bekannten und ihm erzählen, wie die Jahre dich zum Manne gemacht, draußen in der weiten Welt. - So gehabt euch wohl! Die alte Trude muß Hilfe bringen in Netters Hammer; oder doch trösten, wenn menschliche Kunst nichts mehr vermag."

Und mit einer Eile, über die man sich verwundern durfte, war das Weib mit der schwäbischen Dirne den Berg hinunter.

Zwanzigstes Kapitel

Der Krankenbesuch

Eine vorsichtige Stille, zum Zeichen, daß ein Schwerkranker beherbergt werde, herrschte in der Wohnstube vom großen Hammer. Wehmütig standen Hans Netter und sein Weib in einer Ecke. Die Gesellen aber ruhten in der Esse; denn der Meister hatte, seines Gastes zu schonen, das Getriebe stehen lassen. "Schwinhilde," flüsterte der alte, blasse Harfner dem Mägdlein zu, das schluchzend vor seinem Bette kniete: "Singe mir das Trostlied von gestern! Es gibt dem lebensmüden Herzen Beruhigung!"

Und Schwinhilde nahm die Laute zur Hand und sang unter stillen Tränen gar anmutig und feierlich:

"Auf die Nacht folgt Morgenlicht!
Drücken Leiden dich und Nöten,
einer kann dich ja erretten!
Gott verläßt die Menschen nicht!"

Durch den Trost der zarten Stimme ermuntert, lächelte der Alte und faßte neuen Mut, als Gertrud vom Karrenberge in die Stube eintrat. Sie ward seltsam überrascht bei dem Anblicke der unbekannten Gäste, die Hans Netter so gastfreundlich in sein Haus aufgenommen. Und mit dem Gruße "Ave Maria" trippelte sie zum Krankenbette. Sie untersuchte vorsichtig und ernst den Zustand des alten Harfners, trat hierauf beiseite, mischte ein Tränklein von Wurzeln und Krautern, die sie an der Glut des Kamines mit Kalmuswasser ins Kochen gebracht und reichte mit segnender Miene die Arznei dem nach Labsal gierigen Manne dar. Stillschweigend verweilte sie ein paar Stunden am Bette; stillschweigend las sie in einem alten Buche, das sie mit sich gebracht; und betrachtete bisweilen, mit weiblicher Teilnahme das sittsame Mädchen, das in ein stummes Gebet vertieft zu Häupten des Krankenlagers kniete. Nach Verlauf der von ihr vorgeschriebenen Zeit, in der sie dem Leidenden Milderung des Fiebers verheißen erhob sich dieser auch wirklich mit dem tröstlichen Lächeln einer merklichen Besserung. Das Wunderweib aber kehrte sich zu ihm und hob an: "Was den Zustand Eures Körpers betrifft, so hat der liebe Gott Euch und mich gesegnet! Ihr seid der nahen Gefahr einer Zerrüttung Eurer Nerven entrönnen. Allein es sagt mir die Kunst, sowie der reine Blick der Erfahrung, daß Ihr, alter, fremder Mann, von einem schweren Leiden Eurer zitternden Seele umfangen seid. Und bald wird die Krankheit Eures schwächlichen Körpers wiederkehren, wenn Ihr nicht die Bürde des Gewissens von Euch schüttelt. Es ist mir klar! Ihr haltet ein Geheimnis verborgen in Eurem Herzen!"

Jetzt wars still in der Stube vom großen Hammer. Mitleidsvoll ruhte das Auge des Wunderweibes immer noch auf den kummervollen Gesichtszügen des kranken Harfners. Schwinhilde am Bette zerfloß in halblautem Schluchzen. Der Pächter aber mit seinem Weibe zog sich zurück. Beide waren zu bescheiden, als daß sie zu unberufenen Zeugen einer bevorstehenden Herzensergießung des kranken Gastes sich aufdrängen wollten. Da lächelte der Harfner in sichtlicher Freude über die glückliche Gelegenheit, die sich ihm darbot, den schweren Kummer, die Hauptursache seiner körperlichen Schwäche, einer mitleidsvollen Seele vertrauen zu können. Und er erwiderte: "Es erfordert die Dankbarkeit, die ich der freundlichen Hilfe, die Ihr mir geleistet, schuldig bin, daß ich Euch mein Herz eröffne mit allen, seinen innerlichen Leiden und Geheimnissen. Auch betrifft diese Mitteilung die Zukunft des stillen Mägdleins, das Ihr an meinem Bette schluchzen hört. So merket wohl und vernehmet in herzlichem Mitgefühl die aufrichtige Kunde: Ich bin der Fischer Veit Knall von Costnitz, ehemals ein verschmitzter Genosse des Ulmerritters Siegmund Gäßler, der sein Weib ungerecht verstoßen und im Verein mit mir dereinst Schreckhaftes begonnen auf der Feste Schwabeck. Das Unglück und die Gnade von oben haben uns beide zur Erkenntnis unserer Schuld und zur aufrichtigen Reue gebracht. Der Ritter nahm das rote Kreuz, seine Sünden im Kampfe für die Eroberung des Heiligen Grabes abzubüßen. Mir aber legte er, als er weinend von mir schied, die heilige Pflicht aufs Herz, Tag und Nacht zu forschen nach den verstoßenen Weibe und das arme Töchterlein, das ich in der Zeit unserer Greueltaten unbarmherzig in den Wellen der Donau ersäufen sollte, zu erretten aus den zügellosen Armen der schwarzen Zigeunerhorde, an die ich es damals, den Mordplan des zornentflammten Ritters mildernd, verkauft hatte. - Vergebens suchte ich nach der armen Rittersfrau! Ach, sie liegt wohl schon getötet von namenlosem Kummer und begraben unter dem abgefallenen Reisholz schauerlicher Wälder! - Glücklich aber ist mir das letztere gelungen! Hier, das weinende Mägdlein an meinem Bette - es ist Fräulein Schwinhilde!"

Schon während der Erzählung des Mannes mußte die alte Trude vom Karrenberge von einer gewaltigen Empfindung durchdrungen worden sein; denn ihre Gesichtszüge veränderten sich bald zu schmerzlicher Wehmut, bald zu unverhoffter Freude. Und endlich bei den letzten Worten des Harfners brach ein Tränenstrom hervor aus dem himmelwärts erhobenen, glänzenden Augenpaar. Sie rang in wechselnden Gefühlen die Hände, betete wiederholt ein inbrünstiges Ave Maria, lächelte in geheimnisvoller Wonne, eilte auf das Mädchen zu, drückte es rätselhaft begeistert an ihre Brust, küßte es auf die Stirn, auf den Mund, auf die schwach geröteten Wangen, legte die Hände segnend auf das blonde Lockenhaupt und nahm das hocherstaunte Kind, das sich fast fürchtete, immer aufs neue wieder in ihre zitternden Arme. Dann sank sie nieder auf ihre Knie und in unnennbarem Wonnegefühl betete sie die Verslein:

"Gott lächelt hernieder, da muß sich's wenden!
Die Tage des Kummers - sie müssen enden!
Was elend mir schien vor dem Augenblick,
erscheinet mir nun als mein größtes Glück! -
Drum' immerhin - Mut und auf Gott vertrauet,
und all meine Hoffnung auf ihn gebauet!
Ei ja, mein Herzlein, so ist es recht!
So frommt es dem Adligen, wie dem Knecht! -
Glück auf, Glück auf! Herbei und schau',
du martervolle Rittersfrau!
Der Morgen lächelt, der Tag ist da!
Du bist der höchsten Freude nah'!"

Und nach diesem Freudenruf der Alten war's in der Hammerstube so feierlich ernst und still, wie an einem frühlingsheiteren Sonntagsmorgen im Andachtskirchlein wenn ein Gesalbter des Herrn seine tief gerührte Gemeinde segnet. Keines der Anwesenden konnte sich diesen geheimnisvollen Vorgang sattsam erklären; keines wagte das Wunderweib zu fragen, das ungestört im geräuschlosen Anschauen des Mägdleins versunken bleiben wollte.

Endlich erzählte der Harfner weiter: "So innig ich darüber erfreut war, daß ich Fräulein Schwinhilde glücklich aufgefunden und der wilden Zigeunerrotte entrissen, so sehr war ich nun besorgt, was ich in Zukunft für das Wohl des Mädchens beginnen sollte. Endlich dachte ich willkommenerweise an Dießen, das ehrwürdige Nonnenkloster am Ammersee. Ich hatte früher schon einmal erfahren, die Bewohnerinnen jener einsamen Zellen seien gar mütterlich gesinnt gegen hilfsbedürftige Waisen; und man rühmte besonders die überaus fromme Art, in welcher sie den Keim einer christlichen Erziehung in die Herzen der ihrer Pflege anvertrauten Mädchen einzupflanzen wußten. Hier fand das Töchterlein der verschwundenen Edeltrude von Gäßler freundliche Aufnahme. Die Äbtissin selbst, wie ich oft hörte, vertrat Mutterstelle an der unglücklichen Waise und unterrichtete sie in allem, was einem Ritterfräulein in der Blüte seiner jungfräulichen Jahre wohl ansteht.

Erst vor wenigen Tagen kam ich wieder ans Kloster und begehrte das kostbare Kleinod zurück, das ich den frommen Frauen jahrelang zu heiliger Verwahrnis anvertraut. "Die Feste von Schwabeck," sagte ich, "hat sich aufs neue erhoben aus den schwärzlichen Ruinen, den schaurigen Zeugen einer furchtbaren Gewitternacht. Graf Wernher ist zurückgekehrt und hat seine Gemahlin fast wunderbarerweise mitgebracht aus einer Waldschwesternzelle von St. Gallen! - Gebt mir Schwinhilden! Der Graf von Schwabeck war ein Freund ihres Vaters; er wird auch die Tochter des Freundes nicht vor die Tür weisen; er wird sie aufnehmen, ihrer pflegen, sie schützen, und freudevoll an die Brust des Vaters legen, wenn dieser zurück sein wird aus dem kampferfüllten Morgenlande. Ohne Widerrede ward mir Schwinhilde zurückgegeben. Ich wollte unmittelbar vom Kloster am Ammersee gen Schwabeck ziehen; allein der tückische Lechstrom hatte bei Landsberg ein Brückenjoch mit sich fortgerissen und ein Umweg führte mich über Augsburg. Da dachte ich an Hans Netters gastfreundlichen Sinn und lenkte den Fuß nach dem Hammer. Und wie froh bin ich, daß ich's getan! Ach, ohne die Pflege des Biedermannes, sowie ohne Eure Hilfe, ehrenwerte Trude, wäre ich wohl ein Opfer der mühseligen Reise und meines drückenden Kummers geworden. Nun aber, weil ich Euch das Geheimnis mitgeteilt, ist mir wohl, recht wohl im Herzen; und ich fühle es selbst, ich werde wieder genesen, um den Gang nach Schwabeck zu vollenden und nach dieser Arbeit der Vorbereitung auf ein glückseliges Sterbestündlein mich zu widmen."

Hier schwieg Veit Knall, der kranke Harfner, und trocknete sich eine Träne von der grauen Wimper. Schwinhilde aber lächelte, beglückt durch die Hoffnung einer schnellen Wiedergenesung ihres treuen Leitmannes und ordnete emsig seine schneeweißen Haarlocken hinter den gebückten Nacken, von wo er in letzter Fieberglut, mit zitternden Händen aus dem Geflechte sie losgerissen

Die alte Trude hatte immer noch kein Auge von dem schönen Gegenstande ihrer freudevollen Überraschung abgewandt, und wie es schien, tief versunken in die Erinnerung an eine von Leiden und Schmerz gedrückte Vergangenheit, die jetzt in freundlicher Gegenwart sich verklärte, gefiel sie sich in der Entwicklung eines Planes, der die Stunde längstgehoffter Glückseligkeit herbeiführen sollte. - "Lieb Mägdlein," sprach sie endlich in lächelnder Weise und lehnte Schwinhildens Lockenköpflein mütterlich segnend an ihr schlagendes Herz; "lieb Mägdlein magst dich freuen! Gertrud vom Karrenberge weiß dir viel Glück zu prophezeien! Der Tag von St. Michael rückt heran! Der bringt das Morgenrot der Freude auf die Feste von Schwabeck. Oh herrliche Stunde! Oh süßer Augenblick! Schwinhilde soll Vater und Mutter wiedersehen!" - Dann rief sie dem eintretenden Meister, seinem Weibe und den Gesellen zu:

"Ihr alle vom großen Hammer, eilet hinüber ins nachbarliche Tal. Wenn die Glocke das Fest anläutet, wenn das Hifthorn des Turmwarts den Wonnetag verkündet! Veit Knall, der vermeintliche Harfner, mag den Zug eröffnen! Singet ein Jubellied, bis vor die Tore von Schwabeck! Auch die Hexe vom Karrenberge wird dort nicht fehlen! Das große Geheimnis wird gelöst! Die lange Nacht unsäglicher Leiden wird verscheucht durch den sonnenklaren Morgen des süßesten Entzückens! Gesegnet sei die neue Ritterburg!" Und begeistert endete sie mit den Worten:

"Graf Wernher und Ludmilla, Ulrich und Gisela, Siegmund, Schwinhilde - alle, wird mit goldenem Strahle der schöne Tag vereinen! Auch Edeltrude muß erscheinen! So haltet die Herzen erhoben, den barmherzigen Gott zu loben! Vater unser! Ave Maria!"

Und indem sie dreimal die Stirn des staunenden Mägdleins küßte, warf sie den Mantel über ihr gelbbraunes Angesicht, die rätselhaften Tränen ihrer mannigfaltigen Gefühle teilweise zu verbergen, und eilte am Krückenstabe aus der Stube des großen Hammers, die Schlucht des Karrenberges behende zu erklimmen. Ein Geselle, der dem Wunderweibe nachgeschaut, kam zurück und erzählte:

"Die Hexe habe sich hinter einem Schleedorngehege auf die Knie niedergeworfen, geweint, gelacht, geseufzt und gebetet, bis eine muntere Ziege sie aufgeschreckt, worauf sie im schwarzen Tannenwalde verschwunden." Die Ritter auf dem Karrenberge konnten sich nicht erklären, welch glücklicher Umstand eine so fröhliche Stimmung in dem sonst schwermütigen Herzen der alten Trude hervorgebracht. Sie sang in diesen Tagen muntere Lieder von seligem Wiedersehen und häuslichem Glück; sie erzählte manch erbauliches Geschichtlein, wie ein böser Ritter, der Weib und Kind verstoßen, endlich in sich gegangen und mit den Wiedergefundenen glückliche Tage verlebt; sie brachte zehnmal des Tages dem allmächtigen Gott andächtige Lob- und Dankgebete, und sprach viel von Freuden und Frieden, die das Fest des heiligen Michael bringen sollte.

Endlich erschien der Morgen dieses langersehnten Tages. Ritter Ulrich war früh aufgestanden vom weichen Mooslager, da noch eine tiefe Dämmerung die uralten Eichen und die Gespenstergestalten der hageren Tannen umdüsterte. Er hatte sich aus der Hütte gemacht, die balsamische Herbstkühlung des Morgens einzuatmen. Als er um die Hütte bog, bemerkte er, daß das Fenster von Gertruds Schlafkämmerlein offen stand und vernahm ein stilles Geräusch darin. Unwillkürlich warf er den Blick hinein - und konnte sich kaum enthalten, den Ausdruck sonderbarster Überraschung laut zu geben. Gertrud, beleuchtet von der bläulichen Flamme einer ärmlichen Nachtlampe, stand vor einem in der Holzwand verborgenen Spiegel und war beschäftigt, die schwarzen Haare in die Form eines Geflechtes zu ordnen, wie es die adligen Frauen jener Zeit zu tragen pflegten; ihr sonst gebückter Körper hatte die regelmäßigste Haltung angenommen und war äußerst geschmackvoll und niedlich von einem wohl nicht reichen, aber anständigen Kleide einer Ritterin umfangen. Sie wusch mit duftenden Wassern und mit dem stärkenden Tau der Herbstviolen die gelbbraune Farbe aus dem Gesichte und die schwärzlichen Runzeln von der Stirn. Und ihre ausdrucksvollen Züge enthüllten nun das mittlere Alter einer zarten, anmutigen Frau, die in glücklicher Jugend eine Schönheit gewesen sein mußte. Da sie mit dieser rätselhaften Beschäftigung zu Ende war, warf sie den dunkelbraunen Hexenmantel über die Schultern und verhüllte das Gesicht in einen schwarzen Schleier, der von "dem Scheitel ihres Haargeflechtes, das sie mit einem Häublein aus Marderpelz bedeckt, düster und schaurig herabfiel bis auf die Fersen. Hierauf nahm sie den Krückenstab wieder zur Hand, behauptete ihre ehweilige gebückte Stellung, bekreuzigte sich, löschte die Ölflamme und trippelte aus der Kammer.

Ulrich hatte sich kaum erholt von dem Eindrucke, den der Anblick der Vermummung seiner Pflegemutter auf ihn gemacht, als diese auch schon mit Ritter Gäßler vor ihm stand und ihn anredete mit den Worten: "St. Michael steigt herauf im freundlichen Morgenrot! In den goldenen Schalen der himmlischen Waage, die er in seiner Linken hält, wiegt er für uns einen großen Wert von glückseligen Freuden. Das Schwert des Kampfes für Tugend und Gerechtigkeit, das er in seiner Rechten schwingt, legt er nieder in die heiligen Hallen des Friedens, wohin ich euch jetzt zu führen gedenke! - So besteigt eure Rosse, ihr tapferen Streiter aus dem Morgenlande! Das Wunderweib vom Eichbühl schreitet voran und zeigt euch den Weg über die waldigen Berge! - Kommt nur, kommt! Bald ist's überstanden! Juchei, ihr edlen Ritter! Lobet und danket Gott! Ulrich, mein Söhnlein! Hast du das schöne Gebet nicht vergessen? Vater unser! Ave Maria!"

Und indem die Ritter zu Roß, die alte Trude voran an ihrem Krückenstabe unter dem Abbeten der schönen, christlichen Andachtsformeln zur Wanderung sich anschickten, läuteten die Glocken vom Kloster Ursberg St. Michaels Fest ein; und die Vögel in den herbstlich duftenden Zweigen zwitscherten ihre Morgenlieder, die Freundlichkeit des Tages zu verkünden.

Einundzwanzigstes Kapitel

Das Wonnefest auf Schwabeck

Graf Wernher und Ludmilla saßen auf der Altane der neuen Burg und schauten hinaus in das herbstlich beleuchtete Wiesental, auf dessen schmalen Fußpfaden, die da und dort sich kreuzten, die Untertanen und Landleute munter und fröhlich herbei zum angekündigten Feste eilten.

Bald hatte sich der Schloßhof mit Hunderten von treuherzigen Gästen angefüllt, die alle innigen Anteil nahmen an der Wiederkehr ihres edlen Herren und Grafen und seiner liebwerten Gemahlin, und diese Teilnahme durch frohe Lieder, durch ländliche Geschenke, durch Minnesang und Festspiele an den Tag legen wollten. Alle waren mit ihren Sonntagskleidern angetan, und in ihren weißen, roten, gelben und grünen Farben prangten die ländlichen Gruppen. Nur der Graf und seine edle Gemahlin waren in dunkle Farbe wehmütiger Trauer gekleidet. Denn selbst unter der Freude des Tages, die Wernher seinen Untertanen zur Teilnahme an der Erinnerung seiner Wiederkehr veranstaltet, sollte der Schmerz über den Verlust seines Sohnes, wie seiner Schwester, von deren Leben oder Aufenthalt noch keine Spur entdeckt worden, kläglich hervorblicken.. Der Graf hielt von der Altane des Schlosses aus eine Willkommensrede an alle seine Getreuen, lobte ihre unverbrüchliche Anhänglichkeit an den alten, ehrwürdigen Stamm seiner Ahnen, ihre Sehnsucht, mit der sie ihn vom heiligen Lande zurückerhofft, ihre Pünktlichkeit, mit der sie selbst während seiner Abwesenheit die Abgaben und Pachte entrichtet, und gelobte mit lauter Stimme, daß er, wie bisher immer, auch in der Zukunft für ihr Wohl und Glück väterlich sorgen werde.

Unterdem läuteten die Glocken der Schloßkapelle zum feierlichen Gottesdienste. Der hochwürdige Propst von Ursberg war mit vielen Chorherren gekommen, die neue Halle christlicher Andacht an diesem Festtage feierlich einzusegnen. Er sprach ein Wort der Rührung und des Dankes für die freundliche Stunde, die die göttliche Vorsehung gnadenreich hatte erscheinen lassen und betete die heilige Messe unter dem Mettengesang der geistlichen Väter. Nach geendigtem Gottesdienste versammelte sich das Volk im großen Waffensaale, wo ein köstliches Mahl bereitet stand, die Gäste zu erquicken, wo von der Bühne herab die Trompeten und die Pauken des Jubels ertönten, und zwölf Minnesänger in festlichen Liedern die Rückkehr des edlen gräflichen Ehepaares und das neue, häusliche Glück auf Schwabeck verherrlichten.

Unter diesem Freudengetöne ließ sich die Hexe vom Karrenberge melden. Sie sei gekommen, den gräflichen Bewohnern von Schwabeck Glück zu wünschen. Ludmilla, eingedenk der Stunde, die sie einst mit Gertrude am herbstlichen Abend vor dem Schlosse zugebracht, sowie der glücklichen Fügung, daß sie durch den von der Hexe erhaltenen Schlüssel sich das Leben gerettet, gab sogleich den Bescheid, man möge dem Weiblein ungesäumt den Eintritt gewähren. Die Hexe erschien an der großen Doppelpforte und nach kurzem Bedenken trat sie in die Mitte des Saales. Die Versammelten schauderten unwillkürlich vor ihr zurück. Denn das gebückte Weiblein in ihrem.dunkelbraunen Mantel mit allerlei rätselhaften Zeichen auf der Brust, die unheimliche Gestalt im langen, schwarzen Schleier, von der weder eine bestimmte Körperform, noch ein deutlicher Gesichtszug entdeckt werden konnte, gewährte einen schaurigen Anblick. Die Hexe aber erhob ihren Krückenstab - da ward es still wie in einer Totenkammer. Und mit lauter Stimme rief sie den christlichen Gruß durch den Waffensaal: "Gelobt sei Jesus Christus! Unwillkürlich verneigte sich hoch und nieder, groß und klein. Und die Klosterväter von Ursberg erwiderten in tiefem Chorale: "In Ewigkeit Amen!" Jetzt herrschte wieder eine schaurige Totenstille, bis endlich das Wunderweiblein das Sprüchlein summte:

"Dunkel sind des Schicksals Wege,
tragen der Leiden schwarz gepräge,
drücken das Herz des Menschen nieder! -
Doch der Allmächtige erhebt es wieder!
Steht das Unglück zu oberst an,
sieht man die Hilfe vom Himmel nah'n! -
Lobet ihr Leute die Huld des Herrn,
denn sie weilet euch nimmer fern!
Ehe die Sonne den Mittag zeigt,
jubelt die Freude, die Trauer schweigt!
Wiedersehen ist freundlich nah,
Darum danket und betet ja!
Vater unser! Ave Maria!"

Staunen und ein seltsames Gefühl ergriff die Anwesenden, als das Wunderweib vom Eichbühl zu reden fortfuhr: "Warum so erschreckt, ihr festlich geschmückten Leute? Die alte Trude vom Karrenberge bringt kein Unglück auf Schwabeck! Laßt immerhin euren Freudendonner vernehmen, ihr lustigen Paukenschläger! Stoßt in eure Hörner, ihr bunten Festgesellen; und rührt eure Zithern, ihr fröhlichen Minnesänger! - Das Wunderweiblein vom Eichbühl weiß auch ein Lied, das paßt gar trefflich zum heutigen Fest! Ihr sollt es vernehmen!" Und indem sie zum Grafen hinzutrat, ihn grüßend mit einem Wink ihrer Rechten, die unter dem Schleier sich dreimal bewegte, fragte sie mit nachdrucksvollem Tone: "Darf ich einen Gast bringen zum Feste? Ihr sollt ihn kennenlernen! Es ist der Unbekannte von der brennenden Burg!"

"Ist es möglich?" rief der Graf und erhob sich eilig vom purpurnen Stuhle. "Oder trägst du deinen Zauber täuschend herein in diese ehrenfeste Versammlung?" Ohne zu antworten, war Trude zur Doppelpforte getrippelt, öffnete sie - und der angemeldete Gast in jugendlich stolzer, männlich kräfiger Haltung trat herein. Wernher erkannte den Schild und die Rüstung des edlen Ritters vom Morgenlande. Und unter dem Ausrufe: "Mein edler Retter! Willkommen auf Schwabeck! Gott sei Lob, daß ich Euch wiedersehe!" lag er in den Armen des Jünglings.

Eine feierliche Pause des allgemeinen Staunens hielt den Blick der Anwesenden nach der schönen Gruppe gerichtet. Aber die alte Trude trat zur Gräfin Ludmilla und sprach mit freudig zitternder Stimme: "Nicht dem Grafen allein, auch Euch gebührt die Freude!" - Und indem sie ihr aus goldenem Büchslein einen Denkzettel darreichte, fragte sie: "Kennt Ihr dies Zeichen? - Es gehört dem Ritter von der brennenden Burg! Ihr seht Euren Ulrich wieder!"

"Heiliger Gott!" stammelte Ludmilla. Der Ritter aber schlug das stählerne Visier in die Höhe, und unter dem Ausrufe: "Mein Vater! Meine Mutter!" lag er an Wernhers Brust, weinte er an Ludmillas Herzen. Die Pauken schmetterten. Die Trompeten tönten. Die Zithern der Minnesänger erklangen. Es war ein Augenblick namenlosen Entzückens. Die Tränen des Wiedersehens ergossen sich in segensreichen Strömen. Darunter summte die Hexe vom Karrenberge:

"Lobet, ihr Leute, die Huld des Herrn;
denn sie weilet uns nimmer fern!
Ehe die Sonne den Mittag zeigt,
jubelt die Freude, die Trauer schweigt!
Wiedersehen ist freundlich nah!
Darum danket und betet ja!
Vater unser! Ave Maria!"

Als aber nach den ersten Augenblicken der Umarmung die Geschichte der Vergangenheit sich kundgeben wollte, fiel das Wunderweib den Entzückten in die Rede:

"Wir sind noch nicht am Ende! Ich habe einen zweiten Gast bestellt! Einen Boten hab' ich ins Kloster Dießen gesendet; der hat ein anderes Wesen hierher gebracht, das die Freude des Festes teilen muß! - Ich habe es durch zufällige Kunde entdeckt in der entlegenen Zelle am Ammersee! - Glück auf! Glück auf! Gelobt sei die Huld des Herrn!"

Die Tür öffnete sich wieder - eine verhüllte Nonne trat herein. Sie warf den Schleier zurück. Und "Gisela!" tönte es in freudiger Überraschung durch den Saal. - Oh wunderbares Zusammentreffen! Wie freundlich steigernd gestaltete die alte Trude die Freuden dieses Tages! - Die Umarmung ging aufs neue durch die Reihe der Wiedergefundenen! Aufs neue stimmte von der Bühne der Jubelgesang mit ein in die Wonnetränen der sich Umarmenden und es schmetterte der festiche Paukenschall.

Nun aber erhob die Hexe den Krückenstab; da ward der Jubel umfangen von erwartungsvoller Stille. Und das, Wunderweib zitterte die Worte hervor: "Graf Wernher, edle Ludmilla! Da der Allmächtige euch gesegnet mit dieser schönen Stunde, sollen eure Herzen wohl geneigt sein, einem Manne zu vergeben, der viel Unheil dereinst gestiftet, nun aber gebessert und sein Unrecht bereuend zu euren Füßen um Verzeihung flehen wird." "Ja," rief Ulrich, "Vergebung ist hier Pflicht. Denn der Ritter hat in der schrecklichsten Gefahr das Leben mir gerettet!"

Trude eilte zu der Tür und öffnete: "Tretet immer hinzu! Wo Gott seine Huld erscheinen läßt, muß der Groll aus dem menschlichen Herzen weichen!" Da kniete - Ritter Gäßler in aufrichtiger Zerknirschung vor Ludmilla, die blaß und zitternd den Feind ihrer Seele, den Versucher ihrer Unschuld vor sich erkannte. Aber seine Tränen gaben ihr Überzeugung, daß er sich gebessert. Ihr edles Herz gewann den Sieg. Sie bot ihm die Hand, zu vergeben und zu vergessen. Und Graf Wernher zog ihn zur Versöhnung an seine ehrenfeste Mannesbrust. In dem Augenblicke tönte draußen vor dem Saale ein leiser Lautenschlag. Und es wurde das Liedlein vernehmbar:

"Hat die Trude wahr geredet,
bleibt mein Herz nicht mehr verödet!
Soll ich auf Schwabecks Ritterhöh'n,
Vater und Mutter wiederseh'n!"

"So recht! So recht, du holde Stimme!" rief das Wunderweib vom Eichbühl und richtete sich an ihrem Krückenstabe in die Höhe, daß sie aufrecht da stand, wie ein schlanker Birkenstamm. "Die Trude hat wahr geredet! Ritter Siegmund, freuet Euch und frohlocket! Gott hat Eure Buße in Gnaden angesehen! Die Verklärung der Freude nahet ihrer Vollendung! Oh liebvoller Gott, wie soll ich mich endlich fassen? Geduld, armes Herz, brich nicht vor der glücklichen Sekunde! - Veit Knall, erscheine! Bringe dem Ritter sein Töchterlein!"

Der alte Harfner kam und trat vor Siegmund, das zarte Mägdlein in seine Arme legend: "Hier habt Ihr Schwinhilden wieder!" - Gäßler sank auf seine Knie. "Barmherziger Gott!" rief er, daß der Saal von seinem Jubel wiedertönte: "Du gibst mir eine unverdiente Freude! Ist es möglich? Ist es wahr? Schwinhilde, mein Töchterlein!" - Und er erfloß in Tränen, daß jedes Wort auf seinen Lippen blieb.

Endlich streckte er beide Arme in die Höhe. Seine Augen starrten hinaus durch das bemalte Fenster, in dessen frischen Farben die Mittagssonne ihre Strahlen spiegelte. Er flehte empor zum reinen blauen Himmel:

"Noch fehlt mir ein Wesen, die Hälfte meines Herzens, die ich dereinst tyrannisch hinweg geworfen. Gott der Huld! Gnadenreichster! Gib mir diese Hälfte zum ändern Male wieder! Ohne sie kann ich nicht glücklich vor deinem Throne erscheinen! Du wirst sie von mir fordern, wie werde ich dann bestehen vor deinem furchtbaren Gerichte? - Wenn mein Weib noch lebt - führe es herbei! Wenn es im Grabe ruht, laß ein Wunder geschehen und erwecke es wieder! Gott, Gott, der du diese jubelvollen Augenblicke gegeben, gib mir auch den seligsten, Allbarmherziger!" Da fiel der Mantel von den Schultern der alten Trude; der schwarze Schleier mit dem Häublein von Marderpelz lag am Boden. Und in der Mitte des Saales stand Edel-trude von Gäßler in dem Kleide, worin sie dereinst ward verstoßen worden. "Hier," rief sie, "hier habt Ihr mich wieder! Siegmund! Schwinhilde! Die Hexe vom Karrenberge ist Edeltrude!"

Wer vermag nun zu beschreiben, was in dieser Sekunde gefühlt, geweint, gejubelt und gebetet wurde? Freundlicher Leser, ehre des Erzählers empfindsame Stille, mit der er dich innig mahnt, zu schweigen und mitzufühlen!

Die rauschenden Festklänge gingen in schmelzende über - und aus diesen gestaltete sich ein allgemeines stilles Dankgebet. Es war gelöst das geheimnisvolle Rätsel der Hexe vom Karrenberge. Und sie rief nach den ersten wonnevollen Umarmungen: "Die alte Trude bringt kein Unglück auf Schwabeck! Laßt immerhin euren Freudendonner vernehmen, ihr lustigen Paukenschläger! Stoßt in eure Homer, ihr bunten Festgesellen und rührt eure Zithern, ihr fröhlichen Minnesänger! - Das Wunderweiblein vom Eichbühl weiß auch ein Lied; das paßt gar trefflich zum heutigen Feste. Ihr sollt es vernehmen:

"Graf Wernher und Ludmilla,
Ulrich und Gisela,
Siegmund, Schwinhilde -
alle, hat mit goldenem Strahle,
der schöne Tag vereinet!
Auch Edeltrude erscheinet!
So haltet die Herzen erhoben,
den barmherzigen Gott zu loben!
Vater unser! Ave Maria!"

Während des Festmahles wurden gegenseitig die einzelnen Ereignisse kundgegeben, sowie der geneigte Leser sie im Laufe der Geschichte erfahren. Und immer aufs neue tönte der Dank der Wiedervereinigten empor zum freundlichen Herbsthimmel. Am Abende aber bewegte sich der festliche Zug in die Schloßkapelle. Und die ehrwürdigen Väter von Ursberg schlossen mit dem feierlichen "Te Deum!" den seligen Wonnetag auf Schwabeck, das unvergeßliche Freudenfest von St. Michael.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Schluß

Friede und Freude, Wonne und Glückseligkeit hatten sich wieder eingestellt auf der Ritterfeste von Schwabeck.

Die Prüfung für die frommen Seelen war vorüber; sie hatten selbe im vertrauensvollen Aufblick zum allmächtigen Spender aller Hilfe glücklich überstanden; und der bittere Wermut war zur süßen Frucht geworden. Auch jene, deren Bosheit das schauerliche Elend angerichtet und die schreckliche Verwirrung herbeigeführt, durften nun als Neugeborene durch Buße und Besserung die Freudentage auf Schwabeck ungetrübten Herzens mit genießen.

Bald sahen die gräflichen Eltern von Schwabeck, wie die ritterlichen von Ulm, mit gerührtem Himmelsdanke auf eine eheliche Verbindung ihrer Kinder, wodurch jede unangenehme Erinnerung an die Vergangenheit vertilgt, und das Freundschaftsverhältnis für die Zukunft nur noch inniger festgehalten werden sollte. Und die Lieder der Minnesänger tönten von nun an lobpreisend von Ulrich und Schwinhilden.

Nach wenigen Jahren hatten die Großväter das Glück, ein Knäblein ihrer Kinder auf ihren zitternden Armen schaukeln zu können. Und die Großmütter lächelten höchst vergnügt in die Wiege eines Töchterleins der herzensguten Schwinhilde. - Der Fischveit von Costnitz, der seine alten Tage auf Schwabeck verbringen durfte, trug Ulrichs Knaben hinaus ans Ufer der Wertach und lehrte ihn Fische fangen. Der Knappe Kuno aber hielt ihn fest auf dem Rappen, wenn er zur Jagd ritt in den schwarzen Bärenbacherforst. Zu Hause jedoch, gedieh das Töchterlein in der treuen Pflege der zartbekümmerten Burgfrauen.

Gisela war von jener Zeit des Wiedersehens an Äbtissin geworden im Damenstifte Odilstetten, das ihr Bruder gestiftet hatte. Dort betete sie in der einsamen Zelle für das Wohl der Edlen auf Schwabeck, bis die Totengruft in der ehrwürdigen Stiftskirche ihre irdischen Gebeine umfing. In den jüngsten Tagen noch sah man in den Klosterhallen von Edelstetten das Bildnis der frommen Äbtissin.

Was sich mit Matthä Dampf zugetragen, man weiß es nicht. Weil aber derlei Spiegelfechter, Betrüger und Schwarzkünstler, die all ihr Sinnen und Treiben zur zum Schaden ihrer Mitmenschen anwenden, gewöhnlich unverbesserlich sind - so geht jetzt noch die dunkle Sage der Vorzeit unter den ländlichen Bewohnern jener Gegend, den bösen Zauberer habe der Schwarze geholt unter dem Brande von Schwabeck. - Sei dem, wie ihm wolle! So viel ist gewiß, daß er, im Falle er sich nicht gebessert, jenseits in ein Verderben gestürzt, vor dem der Allbarmherzige jeden Menschen gnädiglich bewahren wolle.

Diese Ereignisse in den schwäbischen Tälern, wie die vom Morgenlande, waren noch lang das Tagesgespräch der gräflichen Bewohner von Schwabeck; und Wernher ließ alljährlich ein Dankfest des Wiedersehens feiern, wobei die Armen und Bedrängten unter den Untertanen jedesmal reichlich bedacht wurden. Auch in der Esse des Hammers von Nettershausen wurde lang nachher die merkwürdige Geschichte oft besprochen. Und der sonst dumme Hammersteffel schüttelte diesmal ganz gescheit den Kopf und sagte lachend: "Hätt' ich gewußt, was es mit der alten Trude für ein Bewandtnis habe, ich hätte mich wahrlich nicht so ängstlich vor ihr bekreuzt. Mit Vergunst aber, Kameraden, ich meine, es wäre gar nicht übel, wenn jeder Spuk und die abenteuerlichen Erzählungen von Gespenstern, Zwergen und solchem Zeuge einen so schönen und guten Ausgang nehmen würden, wie die Geschichte der Hexe vom Karrenberge "


Der Erzähler dieser Ereignisse aus früher Ritterzeit, ein Schwabe vom romantischen Mindeltale, wandelte gar oft als Knabe durch die anmutigen Auen und buschigen Hügel von Nettershausen, wo bis jetzt die Sage vom Weiblein vom Karrenberge sich forterhalten. Er erinnert sich gar oft der kindischen Furcht, die ihn befiel, wenn er mit seinen Jugendgespielen den Eichenforst durchstrich, wenn er die Brut der Grasmücke erspähte und das Nest der Raben auf den Gipfeln der alten Eichen belauerte.

"Kinder," warnten die guten Eltern, "nur sonntags Früh, wenn man zur Kirche läutet, geht nicht hinaus! Da wird die Hexe kommen vom Karrenberge, euch freundlich winken, daß ihr folgen müßt, und ehe ihr's denkt, seid ihr umschlossen von der nächtlichen Schlucht, wo kein Ausgang mehr zu finden und jeder verschmachten muß, der den Sonntagsgottesdienst versäumte." - Das merkten die Knaben. Und die einfältig frommen Herzen der Jugend.

Als Jüngling stand der Erzähler einmal unter den alten Ruinen von Schwabeck, das zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts von dem Hochstifte Augsburg wieder soll zerstört worden sein. Es war ihm sonderbar zumute an dieser Stätte ehemals ritterlichen Wohlstandes und deutschen Ruhmes, aber auch mannigfaltiger Drangsal und bitteren Unglückes. Und in wechselnden Farben schwebten die Bilder dieser Geschichte an ihm vorüber.

Er schrieb sie nieder. Und als er wieder einmal die Trümmer des alten Rittersturms besuchte, umsäuselten ihn gar freundlich kühlend wunderbar bewegte Gespensterlüfte aus den einzeln liegenden Quadern. Dies waren wohl die segnenden Geister der uralten frommen Ahnen von Schwabeck.


Vorwort

Verehrte Leserin, verehrter Leser!

Die folgende Erzählung über die "Klausnerin vom Karrenberg" schildert die Ereignisse um den Grafen Wernher von Schwabeck und seiner Familie, dessen Name erstmals im Jahre 1110 n. Chr. urkundlich erwähnt wird. Insofern bildet die Erzählung einen wesentlichen Bestandteil der Chronik unseres heutigen Ortes Schwabegg.

Die vorliegende Fassung von W. Bauberger, Regensburg, wurde im Jahre 1920 veröffentlicht. Auf Grund des vielfach aus den Reihen unserer Bürgerschaft geäußerten Interesses an der Erzählung, hat sich der Unterzeichner zu einer Neuauflage entschlossen.

Die Verwirklichung dieses Vorhabens war nur durch die Mitwirkung unseres kürzlich verstorbenen Mitbürgers, Herrn Michael Schmid, welcher sich um die Dokumentation unserer Ortsgeschichte in besonderem Maße verdient gemacht hat, möglich.

Leider war es ihm nicht vergönnt, die Neuerscheinung des Büchleins zu erleben, weshalb dieses dem Gedenken an sein Wirken gewidmet sein soll.

Schwabegg, im Juni 1991, Kurt Ritschel

Auf Basis dieser Neuerscheinung - mühevoll mit der Schreibmaschine erfaßt - entstanden die Internet-, HTML-, Word- und Palm-Pilot-Fassungen durch Einscannen, nächtelanges Korrekturlesen und anschließende Aufbereitung und Neuformatierung.

Schwabegg, 31. März 2000, Thomas Krauß